Aktuelle Romane
In der Literatur sind Geschwister mal Feinde, mal Lebensbegleiter – stehen aber immer in spannungsgeladener Beziehung

Sie hängen aneinander, hassen sich oder leiden unter elterlichen Traumata. Drei aktuelle Romane erzählen von Geschwisterbeziehungen.

Bernadette Conrad
Drucken
Mal helfen, mal necken, mal konkurrenzieren sie sich – und dies lebenslang: Geschwister.

Mal helfen, mal necken, mal konkurrenzieren sie sich – und dies lebenslang: Geschwister.

Die längste Beziehung des Lebens: Das sind, meist jedenfalls, Geschwister füreinander. Zeuginnen oder Zeugen einer gemeinsam erlebten Kindheit und Jugend. Aber sind sie einander also auch Lebensbegleiter und -begleiterinnen? Sehr oft sind sie das nicht. Wo grösste Innigkeit und Vertrautheit möglich wären, herrscht in Wirklichkeit oft äusserste Distanz. Sogar geografisch.

Vom Wunsch, die familiäre Herkunft zu verdrängen

Caroline Albertine Minor: Der Panzer des Hummers. Roman. Aus dem Dänischen von Ursel Alleinstein. Diogenes, 326 S.

Caroline Albertine Minor: Der Panzer des Hummers. Roman. Aus dem Dänischen von Ursel Alleinstein. Diogenes, 326 S.

zVg

Bis nach Kalifornien ist Ea gegangen, um die europäische Heimat weit genug hinter sich zu lassen. Immer wieder hat Hector, ihr Mann, zu Anfang der Beziehung «vorsichtig und interessiert nach ihrer Vergangenheit gefragt, … den verstorbenen Eltern und ihren beiden Geschwistern zu Hause in Dänemark. Geduldig liess er sich abwimmeln und versuchte es immer wieder… Bis er eines Tages verstand, dass Ea am liebsten frei von allem war. Frei wie eine Karotte, die man aus der Erde zieht, wenn sie so weit ist…».

Mit viel Witz, Leichtigkeit und Spannung entfaltet die dänische Autorin Caroline Albertina Minor die so unterschiedlichen Lebensgeschichten von Ea, Niels und Sidsel, die, jede/r für sich, mit grosser Anstrengung nach persönlicher Unabhängigkeit suchen – ihrer jeweiligen, so scheint es ihnen, Eintrittskarte zum Glück. In Minors lebhaftem Erzählen sieht man sie alle drei vor sich: Niels, den sportlichen Radler und Bewegungsmenschen, der unter freiem Himmel schläft, wann immer er kann, und nur so viel Job macht, wie er zum Überleben braucht. Sidsel, alleinerziehend, die sich zwischen Arbeit und Tochter ihre kleine autarke Welt geschaffen hat – bis sie dann doch eines Tages, beim Angebot einer Dienstreise nach London, ihre Sechsjährige ihrem Bruder Niels anvertraut. Aber für keines der drei Geschwister scheint die Zeit schon wirklich reif, um die Unruhe der Ungeborgenheit hinter sich zu lassen.

Ein Familientrauma verbindet Geschwister

Una Mannion: Licht zwischen den Bäumen. Roman. Aus dem Englischen von Tanja Handels. Steidl, 344 S.

Una Mannion: Licht zwischen den Bäumen. Roman. Aus dem Englischen von Tanja Handels. Steidl, 344 S.

zVg

Während sich Minors Buch in deutlich mehr Erzählfäden verliert, als es zu Ende führen und «vernähen» kann, gelingt es der irisch-amerikanischen Autorin Una Mannion in ihrem faszinierenden Début überzeugend, die dramatischen Ereignisse in einer fünfköpfigen Geschwistergemeinschaft zeitlupenhaft langsam und unwiderruflich, aber nicht krimihaft spannend als tragisches Auseinanderbrechen eines Familienkosmos zu erzählen.

Wäre nicht alles anders gekommen, wenn ihre Mutter nicht damals die wahnwitzige Idee gehabt hätte, die 12-jährige, verbal über die Stränge schlagende Tochter Ellen bei einer späten Heimfahrt aus dem Auto zu setzen, und die letzten Kilometer in der Dunkelheit allein gehen zu lassen? Noch viele Jahre später wünscht sich Libby, Ellens ältere Schwester und Icherzählerin, nichts mehr, als mit ihren Geschwistern nochmals im Auto zu sitzen, «so eng und untrennbar vereint, dass ich nicht hätte sagen können, wo meine Haut aufhörte und die meiner Schwestern begann». Denn an jenem Abend hatten die Risse, die das Familienuniversum mit der Trennung der Eltern und vollends dem Tod des geliebten Vaters bekommen hatte, sich unumkehrbar zu vertiefen begonnen: «In jenem Sommer, als ich so verzweifelt versuchte, uns alle zusammenzuhalten.» Wie existenziell bedeutsam füreinander, und wie extrem kompetent Geschwister werden können, wenn die Elternwelt wegbricht: Davon erzählt dieser Roman in einer packenden Geschichte, in der Gewalt und nicht zuletzt gesellschaftliche Grausamkeit den Unangepassten gegenüber dort zugreifen, wo erwachsener Schutz versagt.

Schon lange bevor in einer Seitenbemerkung Boo Radley auftaucht – jene Figur aus Harper Lees Klassiker «Wer die Nachtigall stört», über die sich alle so fatal täuschen –, hatte man sich durch «Licht zwischen den Bäumen» an diesen Roman erinnert gefühlt. Vollzieht sich doch dort ebenfalls das Grosswerden eng verbundener Geschwister darin, dass sie traumatisch in eine Wirklichkeit hinter dem gesellschaftlichen Schein gezogen werden. Auch Jem und Scout aus Harper Lees Roman erlebten, dass manches gesellschaftliche Urteil, manche gesellschaftlich etablierte «Norm» in einer Weise falsch und unmenschlich sind, dass daran gerade jene Erwachsenen zerbrechen können, die für ihre Kinder der Garant ihres Lebens, die Instanz für «gut» und «böse» gewesen waren.

Unglückliche Eltern, beschädigte Kinder

Alex Schulman: Die Überlebenden. Roman. Aus dem Schwedischen von Hanna Granz. dtv, 298 S.

Alex Schulman: Die Überlebenden. Roman. Aus dem Schwedischen von Hanna Granz. dtv, 298 S.

zVg

Von welchen Stellschrauben im Familiengetriebe hängt es letztlich ab, ob Geschwister die Chance haben, einander im Leben positiv verbunden zu bleiben? Und was bedeutet es, wenn dies nicht gelingen kann? Auf faszinierend unterschiedliche Weise stellen diese drei Bücher dieses Herbstes diese brennende Frage. Zu erwähnen sind selbstverständlich noch: Die Erwachsenen. Denn natürlich sind sie es, bei denen Geschwisternähe oder Geschwisterzerwürfnis grundgelegt werden.

In Alex Schulmans Romandébut «Die Überlebenden» fällen die Eltern der drei Brüder Nils, Pierre und Benjamin in den langen einsamen Familiensommern im Sommerhaus willkürliche Entscheidungen. So etwa jene, dass die drei Jungs eine grenzwertig weite Strecke um die Wette schwimmen sollen, sie aber nicht mehr am Ufer stehen, als die drei völlig erschöpft ankommen. Oder aber jene, dass eine Strafe plötzlich im Keller abgesessen werden muss, ohne dass das Kind weiss, wann es wieder hochkommen darf: Dann ist der Boden für viel Verunsicherung und Unklarheit ausgelegt.

«Mutter war hart, aber nicht klar», heisst es einmal, was sich darin bestätigt, dass der Mutter noch Jahrzehnte später ein bei einem Unfall verstorbener Hund mehr bedeutet als die Söhne, die ihn überlebt hatten. Literarisch interessant zerlegt der Erzähler jenen Abend, an dem die drei erwachsenen Brüder die Asche der Mutter am Sommerhaus verstreuen, in einzelne, chronologisch nicht vorwärts, sondern rückwärts laufende Szenen: So rekonstruiert das Buch Schritt für Schritt, was zu jener am Buchanfang erzählten erbitterten Prügelei geführt hatte, bei der sie einander die Knochen brechen. Um von dort aus ganz weit zurück in einzelne Situationen der Kindheit zu blenden. «Sind hier überhaupt Tage und Jahre verstrichen? Oder ist alles stehengeblieben?»

Jahrzehnte sind vergangen, aber die drei erwachsenen Männer, deren Eltern tot sind, stehen wieder dort: wo Vater und Mutter im Unglück verharrten; in nur mühsam verdeckter Abneigung der Mutter dem Vater gegenüber, ihrer Zuwendung zu nur einem der Söhne; des Vaters wilder Jähzorn, der jederzeit hervorbrechen kann; gegenseitiger Ekel, Momente der Gewalt und bitterer Verlassenheit. Jeder von ihnen hatte sich auf seine Art aus dem verstörten Nicht-Zuhause in ein eigenes Leben gerettet. Und nun stehen sie wieder da, konfrontiert mit jener Nähe, die sie nur als Beschädigte kennen lernen durften: Kann es an dieser Stelle, egal wie viel Zeit vergangen ist, überhaupt Spielräume für etwas anderes geben?