Kolumne

«Glamour, mon amour»: Was macht eigentlich einen guten Gastgeber aus?

Simone Meier Bild: CH Media

Simone Meier Bild: CH Media

Diese Woche sinniert unsere Autorin Simone Meier über die grosse Kunst der perfekten Bewirtung. Gutes Essen ist dabei nur die halbe Miete.

Gerade habe ich am Fernsehen in einer Kochshow einen Juror weinen sehen. Er ass eines der Gerichte, das als Miniportion auf einem Löffel Platz haben muss, es war ein Hauch von einer Semmelknödel und der winzigste Happen eines Rinderfilets, dazu irgendein leckeres Sösschen, quasi in Tröpfchenform, aber bei dem Juror löste der Löffel einen emotionalen Himmelssturm aus. Weil er sich an den Tisch seiner Grossmutter zurückversetzt meinte. Weil sich nicht nur der Spitzenkoch und Gourmet-Analytiker in ihm angesprochen fühlte, sondern auch das Kind.

Eine junge Frau hatte ihm und anderen den Löffel vorgesetzt, sie nannte ihn ihren «Altherrenlöffel», ein Gericht, das etwas aus der Zeit gefallen war, in Geschmack und Zubereitung sehr klassisch. Sie wollte damit die beiden ältesten der insgesamt vier Juroren erreichen, die «alten Herren» eben, was ihr auch spielend gelang. Doch weinen musste ausgerechnet der jüngste. Es war ein hochrührender Moment. Auch meinem Liebesleben neben mir auf dem Sofa standen die Tränen zuvorderst. Mir sowieso.

Ich fragte mich: Was macht eigentlich eine gute Gastgeberin oder einen guten Gastgeber aus? Was braucht es, dass man einen Abend mit dem Gefühl verlässt, aufmerksam umsorgt, verwöhnt und ganz allgemein von lauter guten Geistern behütet gewesen zu sein? Sich quasi für Stunden in einem golden ausgeleuchteten (die richtige Beleuchtung ist ungemein wichtig!) Nest abseits der Welt aufgehalten zu haben?

Gutes Essen ist unabdingbar, das versteht sich von selbst. Und gut wird ein Essen meist dann, wenn es denen, die es kochen, so vertraut ist wie das Hemd, das sie tragen. Wenn die Zubereitung, egal wie aufwendig sie sein mag, nicht mit Stress und Angst und Blutschwitzen verbunden ist. Ebenfalls wichtig: Die Gäste dürfen den Aufwand der Zubereitung nicht mitkriegen. Nichts ist schlimmer, als irgendwohin zu kommen, zu sehen, dass die Küche noch kalt ist, und mit dem Satz begrüsst zu werden:

Doch! Es soll warm sein, nach feinem Essen riechen, allgemeine Entspanntheit soll sich breitmachen, und vor allem sollen sich Gastgeberinnen und Gastgeber ganz den Eingeladenen widmen können.

Das ist es, wonach sich der Mensch am meisten sehnt: Nach einem schönen Ort, an dem er Hauptperson sein darf. Wo er genährt wird und im Mittelpunkt des Interesses steht. Ein gutes Essen und ungeteilte Aufmerksamkeit sind ausserhalb der Liebe wahrscheinlich das Beste, was ein Mensch dem andern zuteil werden lassen kann. Ein ideales, luxuriöses, warmherziges Innehalten im Alltag. Wellness für Bauch und Gemüt. Star-Treatment vom Allerfeinsten.

Einander zu bekochen, heisst, einander zu beschenken. Wieso genau das so ist, weiss ich nicht. Aber nachdem ich den jungen Koch am Fernsehen habe weinen sehen, denke ich, es hat wohl etwas mit dem omnipräsenten Genährt-und-umsorgt-Werden zu tun, das wir im Glücksfall in unseren jüngsten Jahren erfahren. Bon appétit!

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