Glosse
EM-Songs in Zeiten von Corona: Die musikalischen Blutgrätschen fallen dieses Jahr aus

Dieses Jahr fehlte die Euphorie, EM-Stimmung spürt man noch nirgends. Das zeigt sich auch bei der offiziellen EM-Hymne.

Michael Graber
Michael Graber
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Der diesjährige EM-Song kommt von Bono von U2 – das wissen bisher nur die wenigsten.

Der diesjährige EM-Song kommt von Bono von U2 – das wissen bisher nur die wenigsten.

Bild: Keystone

Scho-lo-lo-lo. Fussball-Endrunden sind schwierige Zeiten für die Gehörgänge. In unschöner Regelmässigkeit zwängen sich irgendwelche Promis in Fussballdresses und versuchen, aus der Fussballeuphorie Kapital zu schlagen. Dieses Jahr ist es auch weniger als zehn Tage vor Turnierstart noch verdächtig ruhig. Nicht einmal Bligg und Marc Sway haben sich promowirksam ein Schweizerfähnchen auf die Backe airbrushen lassen.

Schuld ist nicht die fehlende Geschäftstüchtigkeit, sondern die fehlende Euphorie. Die Europameisterschaft ist in der öffentlichen Wahrnehmung derzeit noch ein Nebengeräusch. Und Nebengeräusche der Nebengeräusche hört man nicht. So ging auch der offizielle EM-Song irgendwie unter. Bono und Edge von U2 haben zusammen mit dem EDM-Produzenten Martin Garrix «We Are The People» aufgenommen. Bono sieht darin die Menschen, wie sie aus «den Trümmern von Krieg und Hass» emporsteigen und sich alles zum Guten wendet. Drunter macht es Bono schon länger nicht mehr.

Segen der aktuellen Unplanbarkeit: Potenzielle Fussball-Songs verstauben in der Schublade

Weltrettung. Sich in den Armen liegen. Auferstehung. Der Song hätte die Ingredienzen, die es brauchen würde, um beim Public Viewing überlaut aus den Boxen zu schallen. Nur: Da werden keine mit Bierpatriotismus gefüllten Grossanlässe sein. Die Pandemie hat die Massenveranstaltung zur Veranstaltung gequetscht. Zu sechst am Tisch. QR-­code-Check-in. Jubeln mit Moderna-Arm. Da kann Bono lange dagegen ansingen. Und wenn nicht einmal er die Welt retten kann, dann kann es keiner.

Seien wir ehrlich: In der von zahlreichen musikalischen Blutgrätschen geprägten Geschichten der offiziellen und inoffiziellen Hymnen an Fussball-Endrunden bewegt sich «We Are The People» noch im Bereich einer leichten Verwarnung. Einer der Vorteile des diesjährigen dezentralen Turniers ist die Tatsache, dass sich findige Musikmacher nicht noch in kultureller Aneignung versuchen mussten. Mit Schrecken sei an die WM 2014 in Brasilien erinnert, als jedes Land noch ein paar Takte Samba üben musste. Es wirkte unbeholfen und hüftsteif wie ein versuchter Übersteiger in der Seniormannschaft.

Natürlich, die Euphorie kann noch werden. Und dann sind sie nicht weit, die geairbrushten Backen von Bligg und Marc Sway. Immerhin ist die Unplanbarkeit der Pandemie ein grosser Segen: Da lange unklar war, ob diese EM stattfinden kann, blieben potenzielle Fussball-Songs in der Schublade und verstauben darin. Im besten Fall bleiben sie noch lange dort. Das wäre schon einmal ein Grund zum Jubeln. Scho-lo-lo-lo.

Der offizielle EM-Song 2021.

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