Baden
Grammy-Sieger Fantastic Negrito kommt ans Bluesfestival

Vom Blues wieder zum Leben erweckt: Fantastic Negrito schaffte es vom Dealer zum Millionen-Deal, verlor alles und kämpfte sich mühsam zurück.

Dario Pollice
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Fantastic Negrito

Fantastic Negrito

Die Geschichte von Fantastic Negrito (50) ist eine Geschichte, wie sie nur der Blues schreiben kann: Ein Kleinkrimineller zieht mit 100 Dollar nach Los Angeles und erhält einen millionenschweren Plattenvertrag. An dieser Stelle verwandelt sich der Traum jedoch in einen Albtraum.

Ein schwerer Autounfall versetzt ihn in ein Koma und beschädigt dauerhaft seine Spielhand. Nach mehreren erfolglosen Anläufen schiebt er seine Gitarre unters Sofa. Dort verstaubt sie während fünf Jahren, bis er sie eines Tages hervorholt, um seinen weinenden Sohn zu besänftigen. Es ist die Auferstehung von Fantastic Negrito. Die «az Nordwestschweiz» sprach mit dem letztjährigen Gewinner des Grammy Award für Best Contemporary Blues Album, bevor er am Blues Festival Baden auftreten wird.

In Oakland, östlich von San Francisco gelegen, ist es neun Uhr morgens und die Stimme von Fantastic Negrito hört sich leicht verschnupft an. Plagt ihn eine Erkältung? «No man, es ist einfach früh für einen Musiker», sagt er lachend. Fantastic Negrito heisst eigentlich Xavier Dphrepaulezz. Ende der 1970er-Jahre zog die Familie mit somalisch-karibischen Wurzeln von der Ostküste der USA nach Kalifornien – ein Kulturschock für den 12-jährigen Dphrepaulezz. «Wir zogen von einer sehr weissen Umgebung in dieses sehr, sehr schwarze Oakland.» Die Stadt ist der Geburtsort der Black Panther Party und war Nährboden für Bands wie Sly and the Family Stone oder The Headhunters. «Das haute mich einfach um. Oakland pulsierte mit Musik und Leben», erinnert sich Negrito.

Bluesfestival Baden 19. bis 26. Mai 2018

Am Freitag verwandelt sich Baden einmal mehr zur Blueshauptstadt der Schweiz. Der Eröffnungsabend am 19.5. im Werkk ist der vergessenen Blueslegende Robert Johnson («Sweet Home Chicago») gewidmet. Im Theaterstück «Ich – Robert Johnson» mimt Schauspieler Mathias Reiter Robert Johnson. Anschliessend feiert die Copenhagen Slim Band Johnsons Musik. Neben internationalen Musikern wie Morgan Davis (24.5. Atrium Hotel Blume) sowie der kanadischen Blueskönigin Rita Chiarelli (26.5. Nordportal) treten zahlreiche Schweizer Top Acts auf wie das Amaury Faivre Duo (22.5. Restaurant Bouillon), Johnny Fontane & The Rivals (24.5. Hotel Limmathof), Philipp Fankhauser sowie Dominic Schoemaker (beide 25.5. Nordportal). Fantastic Negrito bildet am 26.5. im Nordportal den Abschluss des Festivals. Programm unter www.bluesfestival-baden.ch

Der Amerikanische (Alb-)Traum

Oakland pulsierte aber auch mit Kriminalität. Negrito riss von zu Hause aus, dealte und drehte krumme Dinge. Für die Musik interessierte er sich erst relativ spät: «Als 18-Jähriger gefielen mir die frühen Lieder von Prince, aber auch Punk oder die Anfänge des Hip-Hops. Ich sog das alles auf wie Wasser.» Genau wie sein Idol Prince brachte er sich das Musikspielen selbst bei und zog nach Los Angeles, um dem Amerikanischen Traum von Geld und Ruhm hinterherzujagen.

Im Gegensatz zu vielen anderen bekam er tatsächlich einen millionenschweren Plattenvertrag. 1996 veröffentlichte er als Xavier sein Debütalbum. Der grosse Erfolg blieb jedoch aus, zu sehr versuchte er, sein grosses Idol zu kopieren. «Das Studiolabel liebt dich so lange, bis du kein Geld mehr einbringst», resümiert Negrito lakonisch. «In fünf Jahren habe ich nur ein Album veröffentlicht, das machte mich fertig. Dann kam der Unfall.»

Negrito liegt in einem Krankenhausbett, seine Augen sind müde, beide Arme eingegipst. Das Schwarz-Weiss-Foto stammt aus dem Jahr 2000, nachdem er einen schweren Autounfall erlitten hatte und drei Wochen lang im Koma lag. Es dauerte Monate, ehe er wieder richtig laufen konnte. Seine Spielhand würde nie mehr dieselbe sein.

Trotz den körperlichen Folgen sagt Negrito, dass ihn der Unfall befreit habe. Das Grosslabel liess ihn fallen und er stürzte sich in die Untergrundszene. Mal färbte er sich die Haare blau und spielte Punkmusik oder verwandelte eine Lagerhalle in einen illegalen Nachtclub. «Ich wollte einfach leben, es war eine ziemlich wilde Zeit. Irgendwann ermüdete es mich aber nur noch. Ich liess mich von der Musik scheiden und kehrte zurück nach Oakland.»

Während fünf Jahren betätigte er sich als «Farmer», baute Hanf und Tomaten an und zog Hühner auf. Glücklicherweise fand Negrito am eingangs erwähnten Nachmittag doch noch seine Gitarre unter dem Sofa, sonst kämen wir nicht in den Genuss seiner Musik. «Zu diesem Zeitpunkt wollte ich einfach auf die Strasse gehen und spielen», so Negrito. Dabei griff er auf die ursprünglichste aller amerikanischen Musikformen zurück: den Blues.

2015 schickte er ein selbst gedrehtes Video für einen Wettbewerb des Radiosenders NPR. Das spärlich instrumentierte «Lost in A Crowd» wurde zum Sieger des Wettbewerbs erkoren. Diesmal liess der Erfolg nicht auf sich warten. Als Fantastic Negrito gewann er mit dem Album «The Last Days of Oakland» 2017 gleich einen Grammy – den Oscar der Musikindustrie.

Eine unbändige Energie

Der Einfluss des Delta Blues von Lead Belly oder Skip James ist in Fantastic Negritos Musik deutlich hörbar. Doch er verpasst ihm seinen persönlichen Anstrich. Mal ist er nah am Hardrock, springt zum Country-Blues über oder steigert sich fast bis zur Heiserkeit in den Soul. Hinter jedem Lied spürt man eine unbändige Energie, die sich auf den Hörer überträgt.

In seinen Songs singt er unter anderem über steigende Mieten oder über Polizeigewalt gegen Afroamerikaner, ohne dabei politische Aussagen einzuhämmern: «Mir gefällt das Wort ‹politisch› nicht. Für mich bedeutet es, dass du ‹full of shit› bist. Ich sehe einfach, was um mich herum geschieht. Wenn Menschen drei Jobs haben, um ihre Rechnungen abzubezahlen, dann rede ich darüber.» Mit Fantastic Negrito setzt das Bluesfestival Baden am 26. Mai ein krönendes Abschlusskonzert, das die Menge anheizen dürfte. Als Leckerbissen werden die Besucher Lieder aus «Please Don’t Be Dead» zu hören bekommen, einen Monat, bevor das zweite Album offiziell veröffentlicht wird.