Kultur

Grosser Auftritt des Argovia Philharmonic im KKL Luzern

Auf die gerissene Saite reagierte er souverän: Geiger Marc Bouchkov mit dem Argovia Philharmonic im KKL Luzern.

Auf die gerissene Saite reagierte er souverän: Geiger Marc Bouchkov mit dem Argovia Philharmonic im KKL Luzern.

Nach 2018 spielte das Orchester zum zweiten Mal im renommierten Konzertsaal – im Zentrum stand Wolfgang Amadeus Mozart.

Nicht Ludwig van Beethoven, dessen 250. Geburtstag dieses Jahr gefeiert wird, stand im Mittelpunkt, sondern Wolfgang Amadeus Mozart. Mit «Mostly Mozart» zogen das Argovia Philharmonic, der britische Dirigent James Judd und der belgische Geiger Marc Bouchkov ins KKL Luzern. Nach dem erfolgreichen Debüt des Klangkörpers 2018 in Luzern mit Beethovens 9. Sinfonie spielten die Aargauer hier am Mittwochabend Mozarts Ouvertüren zu den Opern «Die Zauberflöte» und «Le nozze di Figaro» sowie die Sinfonie Nr. 41 C-Dur, KV 551, «Jupiter».

In dieser Werkfolge nahm Peter Iljitsch Tschaikowskys Violinkonzert D-Dur ganz selbstverständlich einen Platz ein; schliesslich hat der Komponist stets beteuert, dass er ohne Mozart sein Leben nicht der Musik geweiht hätte. Deshalb verwundert nicht, dass er Mozarts Musik nicht nur instrumentierte und rezensierte, sondern auch das Libretto zu «Le nozze di Figaro» ins Russische übertrug.

Viele Bezüge also. Doch diese müssen im Konzertsaal zu hören sein. Etwa, indem Marc Bouchkov und James Judd Tschaikowskys Violinkonzert mit einer später noch verfestigten kammermusikalischen Durchsichtigkeit adeln, die den mit so vielen Klischees behafteten Ohrwurm neu erklingen lässt.

Ein souveräner Geiger ohne Allüren

Mit der grossen Kelle richtet Bouchkov nie an. Will heissen: er lotete in Luzern weder dynamische noch klangliche Extreme aus. Sein Ton war nie pastos oder süsslich, sondern schlank und edel – vor allem beim Spiel in extrem hoher Lage. Dieses kostete der junge Musiker zwar aus: das aber nicht, indem er sein Können demonstrativ zelebrierte. Im Gegenteil. Bouchkovs Respekt vor jeder Note in dieser Lage war hörbar. Kein Ton, der nicht minutiös vorbereitet und sorgsam gesetzt erschien. Damit wurde bestätigt, was schon in den ersten Takten aufhorchen liess: Bouchkov und das auf jeden seiner Impulse feinfühlig reagierende Orchester nahmen sich Zeit für ein Violinkonzert, das in erster Linie ein partnerschaftliches Ereignis war. Der Geiger verstand sich als Primus inter Pares, der den Dialog, etwa mit dem Klarinettisten im langsamen Satz, mit Blickkontakt suchte. Spielen und dem Gespielten nachlauschen – oder sollte es heissen: über das Gespielte sinnieren?

Solches ist nicht ohne Risiko. In besonders intensiven Momenten stockte das Spiel. Doch solches wog gering, gehört es doch zu einer Aufführung, die Bouchkov «als heiliges Geheimnis, das bleiben muss» bezeichnet hat. Dazu gehört auch die bittersüsse Note, die der Geiger der Tschaikowsky-Komposition hinzufügte. Aussergewöhnlich. So und nicht anders will man den Eindruck einer Interpretation beschreiben, die ebenso sehr das Hören wie Mitdenken einfordert.

Dirigent James Judd als sprühender Motivator

Wie souverän Bouchkov agierte, war in den letzten Minuten zu erleben. Da riss eine Saite seiner Geige. Keine Katastrophe, denn blitzschnell ergriff Bouchkov die Violine des 1. Konzertmeisters, Ulrich Poschner, und spielte weiter – als ob nichts passiert wäre. Eine Zugabe? Ja. Doch der erste Satz «L’Aurore» aus der 5. Solo-Sonate von Eugène Ysaÿe ist kein Showpiece – und passte somit zu einem Musiker, der sich und sein Können nie in den Vordergrund stellt.

Das tat auch der Dirigent James Judd nicht. Dabei wirkte er als sprühender Motivator für das Argovia Philharmonic, das anfänglich in Mozarts Ouvertüren, später in der so genannten «Jupiter»-Sinfonie rundum überzeugende Qualitäten mit schönen solistischen Ausflügen zeigte. Mozarts späte Komposition lebte von der Kunst der Gegensätze. Diese arbeitete der Dirigent – wie zuvor bei Tschaikowsky auch hier kammermusikalisch orientiert – mit prägnanten Akzenten heraus.

Hoffentlich nicht der letzte Auftritt in Luzern

Mit ihren ständigen Umschwüngen, Dialogen, Frage-und-Antwort-Spielen sowie ihren dramatischen Verdichtungen erklang Mozarts Musik bei Judd und dem Argovia Philharmonic vielseitig und unergründlich. Die Tempi blieben nie im Vorsichtig-Moderaten stecken; sie sind schnell, werden aber nicht zugespitzt.

Und so rundet diese Interpretation ein Konzert ab, das nach einem erneuten Ausflug des Argovia Philharmonic ins KKL ruft: und das nicht erst in zwei Jahren.

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