Literatur
Von Mundart zu Literatur inspiriert: Michel Mettler lässt seinen Erzähler ins Koma fallen

Wie eine Bohrmaschine im Keller seines neuen Hauses den Erzähler in Mettlers Text in eine Giftbrühe fällt, erzählt der Aargauer Autor in seiner Alltagsgroteske.

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Michel Mettler hat einen schrägen Sinn für Alltagsgrotesken.

Michel Mettler hat einen schrägen Sinn für Alltagsgrotesken.

Bild: Alex Spichale (Brugg, 20. November 2020)

Vil han i mer debii nid tänkt. Aber won i das Abflussrohr im Chällerbode gseh ha, so ganz für sich, ohni Zämehang, han i mol de Hilti vöregnoh und süüferli rundume afo usespitze. De Vorbsitzer han i jo nümm chönne froge, de isch churz nach de Huus­übergaab gstorbe. Scho bim Notar het’s mi tunkt, dä Maa gsäch nid guet uus; so grüen im Gsicht. Aber frogsch besser nid noo. Mer het sech jo chuum kennt, vo dene paar Besichtigunge här.

Der Autor

Michel Mettler

Vielseitig ist er unterwegs: als Dramaturg, Musiker, Schriftsteller und Herausgeber. Sein bisher einziger Roman «Die Spange» kam 2006 im Suhrkamp Verlag heraus. Dieses Jahr erschien seine Anthologie «Dunkelkammern. Geschichten vom Entstehen und Verschwinden», in der siebzehn Autorinnen und Autoren über die Entstehung von Geschichten nachdenken.

I ha tänkt, de Abfluss heig öppis mit de alte Wöschchuchi z tue, wo s Ehrsams ueverleit händ; besser luegsch mol drii, bevor d ne vermachsch. I de Plän isch jo nüt vermerkt gsii. Also han i de Hilti vöregnoh. S Letschte, won i no ghört ha, isch es Gluckse gsii, so nes Schluckgrüüsch vo tüüf undenue. Denn isch mer schwarz worde. S Nöchschte sind blau maskierti Gsichter gsii. Öpper het min Name gseit. Es Gitter isch näbe mer abezoge worde. Denn bin i wider verreist. I chönnt nid säge, wie lang ’s finschter bliben isch, aber denn ghör i es paar Frauestimme. Eini seit: «Glaub di lingg Infusion het sich glöst. Chasch mol sin Chopf ä chli aalüpfe?» I ha gfrogt, öb mer ächt öpper d Brille chönnt länge. Ohni die segi blind wie ne Muulwurf. D Fraue händ uufgregd durenand gredt, und es Grät het afo piepsle. «Ihri Brille hämmer leider müesse mitentsorge», het eini gseit. Denn bin i wider iigschlooffe.

Zäh Woche sig i so gläge, händ s mer spöter gseit. Mer heig mi müesse dekontaminiere. Do derfür heig’s ke Präzedänzfäll gäh, mer heig vorzue müesse luege und Hilf vo Uswärtige in Aaspruch näh. Noodisnoo han i ’s erfahre: Spezialischte us Katastrophegebiet sige biizoge worde, sogar eini, wo z Bhopal ganz vore mitgmischt heig. In Spiegel z luege, händ s gfunde, sig jetz no ke gueti Idee. Mer well mi zersch ä chli uufpäppele. Do han i scho s erscht Mol sälber wider öppis gässe. Vom Biisse han i Muskelkater i de Bagge bechoo. Kes Wunder, nach zäh Woche a de Sonde. I ha der Oberschwöschter gseit, i heig no e zweiti Brille – öb mer die ächt öpper chönnt bringe?

Leider töfi no niemer i mis Huus, het sie gseit. I ha denn Ersatz bechoo, vil z gross. Wienes Chüüzli han i demit uusgseh, no mit dem fäckige Hoor drumume.

En grosse Teil vom Gift, händ s gseit, sig über en Atem iechoo. Aber i sig au Minimum sächs Stund i dere uusgloffene Brüe gläge. D Huut heig sich abglöst am Rügge. Au d Schlimhüüt sige nid guet draa gsii. Lähmigserschiinige, e schwäri Lungefibrose und Verbrönnige a de Händ. Das alls han i spöter vernoh – won i wider vernähmigsfähig gsii sig, wie de leitendi Arzt gseit het. Mer heig die Sach zersch underschätzt, schliesslich heig sich au medizinischs Personal a mir vergiftet.

Und denn isch dä ominösi Friitig choo. E rächti Delegation isch ums Bett umegstande, all i dene grüene Schürz. «Bärtschi vo de Gsundheitsdirektion, freut mi. Das isch de Dr. Erb vo de Gebäudeversicherig. Und d Frau Leuppi vom kantonale Krise­stab.» I ha dur d Ersatzbrille gspienzlet und e chächi Mittvierzgeri gseh. «Sit dem Vorfall, Herr Miesch, sind jetz drüü Mönet vergange. Mer sind no draa, d Verantwortlichkeite z kläre. Verzelled Sie eus doch mol us Ihrer Sicht, was passiert isch.» He jo, denn bin i halt au dene nomol mit mim Hilti choo. Und sie händ vo Düngemittel, liechtradioaktive Stoff und ere sältene Algenart gredt, und vo Lösigsmittel us de Siebezger, Ölabbauprodukt, ere zäche, grüenschwarze Subschtanz. Die wärd grad i diverse Labors undersuecht; au i de Schwiiz. Es gäb scho e Theorie. Eine plani e toxikologischi Studie über min Fall, e Japaner vo der Uni Lausanne. – «Schön für ihn», han i gseit, «und i? Wenn chan i zrugg? I ha doch über e halbi Million defür häreblätteret, dass i jetz Störfall Nummer eis bi.»

Die jung Frau mit de Laptoptäsche het gschwige wienes Grab und em Tüüfel es Ohr abprotokolliert. D Leiteri vom Umwältamt het de Chopf schräg gstellt und truurig gluegt. «Also Ihres Huus, Herr Miesch … Mir chöned no nid abschätze, wenn Sie wider ine chöne – und öb überhaupt. Aber drüü Johr müend Sie scho rächne. Vorhär cha do niemer ungschützt – ’s isch ersch vor mene Monet es Team ganz bis zur Havarie durechoo. Im schlimmschte Fall müemmer mit eme Rückbau rächne.»

I ha nüt gwüsst z säge. D Frau Leuppi het a mer verbii de Versicherigshängscht aagluegt und lislig gseit: «Vom Rächtleche här simmer no am Abkläre. Haftigsfroge zum Biispiel. D Nochbere händ müesse evakuiert wärde. Aber d Frau Berisha vom psychiatrische Dienscht meint, es wär guet, wenn Sie s Huus nomol chönnte go aaluege. I däm Fall würde mer en Heli stelle. D Ärzt sind drum degäge, dass mer Sie i so nen Schutzaazug inezwängt. Wäg Ihrer Huut.»

Es bitz wie nen VIP han i mi scho gfühlt, wo de Heli am KSA abghobe isch und mit mir und em Dr. Niimoto Richtig Zurzibiet abdreit het. Mer sind denn es Ziitli über em Grundstück gstande. Im Garte luuter grüens Gschlüder, und drum ume so Plastikwäll wie d Ölwehre uf de Flüss. Am Bort unde han i e Militärbaragge gseh, und schwärs Rümigsgrät. I de Nochberschaft sind d Gärte scho chli verwachse gsii. Es biz vo dem Gschlüder het’s de Hang abdrückt. Unde sind s grad draa gsii, e grossi Stützmuur z betoniere, und rund ums Quartier sind Züün uuf­gstellt gsii, mit Warnschilder draa. I ha de Fäldstächer gnoh: Fahrverbot, Helmpflicht, en Totechopf. Und drunder: Durchgang streng verboten. Bsunders für d Nochbere hets mer leid to. Und für d Ferieföteli us de Cinque Terre; no mit de Marlis. Und für min Hilti. Es untödigs Grät. Wär gwüss no lang gloffe.

Mundartprojekt

Hunziker2020

In unserer Mundartserie lassen sich Aargauer Schriftstellerinnen und Schriftsteller von Mundartbegriffen zu eigenen literarischen Mundarttexten inspirieren. Die Serie ist ein Teil des Digitalisierungsprojekts des Aargauer Wörterbuchs von Jakob Hunziker. www.hunziker2020.ch Sponsor
Die Mundartserie wird unterstützt von der Neuen Aargauer Bank.