Besucher begegnen den geschnitzten Alpaufzügen schon im Entree seines Hauses in Herisau. Altbundesrat Hans-Rudolf Merz sammelt sie leidenschaftlich. Seine «Prunkstücke», wie er sagt, hat er aber im Wohnzimmer aufgestellt: Es sind je ein Senntum von Hans Haas und von Werner Meile, Vertreter zweier verschiedener Generationen. Das Senntum von Haas steht am Anfang seiner Sammlung, zu der inzwischen 17 Sennten gehören. Wenn Merz auf ein besonders schön gearbeitetes Detail einer Kuh oder eines Senns hinweist, sieht man ihm die Freude an, die ihm diese Volkskunst macht. Es ist auch Sammlerstolz.

«Figürliche Kunst hat mich schon immer interessiert», sagt der 76-Jährige. «Dann hat mich eine Begegnung mit der Sammlung von Appenzeller Volkskunst von Bruno Bischofberger 1977 vollends für dieses Schaffen eingenommen. Es hat mich gepackt.» Merz engagierte sich in der Folge auch institutionell viele Jahre für heimische Traditionen und die Volkskunde.

Ursprung im Säntisgebiet

«Mir fiel damals auf, dass die Senntumsschnitzerei stiefmütterlich behandelt wurde, anders als die Bauernmalerei. Sie war auch am wenigsten dokumentiert», erinnert sich Merz. Im Esszimmer trinken wir Kaffee am Tisch. Bald liegen darauf mehrere wissenschaftliche Bücher. Vor allem seit dem Rücktritt als Bundesrat im Herbst 2010 hat er die Schnitzereitradition à fond studiert. Er zeigt das Bild einer ägyptischen Schnitzarbeit, die einen Bauern mit einem Ochsengespann beim Pflügen zeigt, entstanden etwa 2000 vor Christus. «Ist das nicht faszinierend, diese lange Tradition?»

Die Senntumsschnitzerei rund um den Säntis hat sich erst im 20. Jahrhundert entwickelt. Zunächst wurden fast nur Alpfahrten geschnitzt und bemalt. Nach und nach kamen andere Motive aus dem bäuerlichen Leben hinzu: Silvesterchläuse, Musik- und Tanzgruppen, Bauernstuben, Alpkäsereien, Fuhrwerke. Einfache Schnitzereien gibt es aber auch aus dem 19. Jahrhundert. Die Senntumsschnitzer entstammen heute noch meist dem Kreis der Bauern. Dass es Autodidakten waren und sind, wie Merz sagt, hat auch ihn fasziniert. «Sie waren nicht vorbelastet, beispielsweise durch höfische oder sakrale Kunst. Sie konnten Eigenständiges, Einmaliges hervorbringen. Sie schöpften aus ihrem Lebensalltag.»

Merz hat in seiner Sammlung nur Sennten, die von Schnitzern stammen, die auch zu Alp fuhren oder fahren. «Ich sammle keine Souvenirschnitzerei.» Es geht ihm um die selbstbewusste bäuerliche Selbstdarstellung.

Auch eine Schnitzerin

Merz hält sein druckfrisches Buch in den Händen, in dem er seine Sammlung vorstellt. Es dokumentiert diese Senntumsschnitzerei erstmals mit wissenschaftlichem Anspruch. «Zunächst wollte ich nur ein Inventar meiner Sammlung für den Privatgebrauch machen, jetzt ist ein Buch daraus geworden.»

Merz erklärt darin Handwerk, Geschichte und Bedeutung der Senntumsschnitzerei und die Ordnung einer Alpfahrt. In Kurzporträts und mit vielen Bildern stellt er 14 Schnitzer und eine Schnitzerin vor – ja, die gibt es auch. Merz ist ihnen allen begegnet. Bei der Verabschiedung bleiben wir erneut vor den Alpfahrten im Entree stehen. Es gäbe noch viel dazu zu sagen. «Ihr Reichtum, ihre Vielfalt, ihre Individualität sind einfach unerschöpflich», sagt Merz.