Kino
Erich Kästner neu entdeckt: Romanverfilmung «Fabian» lässt die Roaring Twenties fiebrig und liebestrunken vor die Hunde gehen

Wer «Babylon Berlin» mochte, wird «Fabian» lieben. Man leidet mit dem melancholischen Moralisten Jakob Fabian mit, der Arbeit, Stelle und Freund verliert - und der nicht mehr an die Menschheit glaubt, denn die Nazis stehen schon bereit. Dominik Graf macht aus dem Roman ein filmisches Gesamtkunstwerk.

Hansruedi Kugler
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Tom Schilling ist mit seiner melancholischen Jungenhaftigkeit eine Traumbesetzung für den erschöpften Moralisten Fabian.

Tom Schilling ist mit seiner melancholischen Jungenhaftigkeit eine Traumbesetzung für den erschöpften Moralisten Fabian.

Bild: Hanno Lentz/DCM

Dominik Grafs Verfilmung von Erich Kästners melancholisch-bissiger Zeitsatire von 1931 ist einer jener Spielfilme, in denen sich das Filmische und Literarische zum Gesamtkunstwerk elegant verschränken. Seine Hauptfigur, Jakob Fabian, dieser Moralist ohne Ehrgeiz, dieser Betrogene ohne Rachsucht, dieser Romantiker ohne Pathos, dieser Genussüchtige mit Ehrgefühl, steht wunderbar irritierend quer in der Zeit. Das gilt für damals, als die Roaring Twenties in fiebriger Vergnügungssucht und politischem Fanatismus untergehen – und das macht ihn auch zum Zeitgenossen unserer moralisierenden und politisch aufgeheizten europäischen Gegenwart.

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Dominik Graf hebt den politischen Warnfinger aber zum Glück nicht plakativ. Tom Schilling spielt den Fabian denn auch so seelenzart und doch aufrecht, dass man ihm drei Stunden lang wünscht, er stehe nicht auf verlorenem Posten. Um seine Gesundheit fürchtet man: In jeder Szene brennt eine filterlose Zigarette zwischen Fabians Lippen. Als Werbetexter für eine Zigarettenmarke schlägt sich der promovierte Germanist durch, aber sein Glimmstengel leuchtet symbolhaft auch als Vorbote des baldigen politischen Feuers.

Fabian und sein Freund Labude in dessen Studentenwohnung.

Fabian und sein Freund Labude in dessen Studentenwohnung.

Hanno Lentz/Dcm / Aargauer Zeitung

Erich Kästner ist auch ein wenig wie Fabian

Diese melancholisch verzweifelte Satire und himmeltraurige Liebesgeschichte erschien 1931. Sein Autor Erich Kästner war eben mehr als der Erfinder von Kinder- und Jugendbüchern wie «Emil und die Detektive» oder «Das doppelte Lottchen». Die Welt ging gerade vor die Hunde, Kästner sah das genau, und so lautete auch der Originaltitel seines Romans: «Der Gang vor die Hunde».

Erich Kästner (1899-1974).

Erich Kästner (1899-1974).

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Später, als er selbst Zeuge der Bücherverbrennung der Nazis am 10. Mai 1933 wurde und seine eigenen Bücher johlend im Feuer landeten, da sah er zu, ohne mit der Wimper zu zucken – nur sehr, sehr blass. So schilderte es später ein anderer Augenzeuge. Kästner war eben auch einer wie sein Romanheld Fabian: ein melancholischer Beobachter mit erschöpfter Sehnsucht, kein Tatmensch. Erich Kästner selbst blieb mit Schreibverbot während der Naziherrschaft in Berlin.

«Selbst der Mensch ist nur ein Tier»

Nun also Dominik Grafs «Fabian»: Aus der Gegenwart eines U-Bahnhofs spaziert seine Kamera gemächlich mit an die Oberfläche, hinein ins fiebrig-heruntergekommene Berlin 1930. Jakob Fabian beugt sich erschöpft über ein Geländer, da röchelt ihm ein im Gesicht entstellter 1.Weltkriegskrüppel zu: «Dieser verdammte Krieg.» Das sitzt präzis, genauso wie gleich darauf Fabian im schwülstigen Verkupplungsclub über Frauen sagen wird: «Mein Geschmack neigt zu blond, meine Erfahrung spricht dagegen.»

Das Grauen und die elegant-frivole Ironie funkeln beim begnadeten Stilisten Kästner immerzu schmerzhaft. «Lernt schwimmen!» schreibt Fabian in sein Notizbuch – als Warnung und Selbstprophetie, denn am Ende wird er, der kaum schwimmen kann, ertrinken. Kaufen lässt sich der Vergnügungssüchtige nicht, auch nicht von der nymphomanischen Millionärsgattin. Einen Rest Selbstachtung hat man schliesslich als Moralist, auch wenn Fabian erkennt: «Selbst der Mensch ist nur ein Tier.»

Die drei Hauptrollen sind eine Traumbesetzung

Saskia Rosendahl als Fabians Freundin Cornelia.

Saskia Rosendahl als Fabians Freundin Cornelia.

Hanno Lentz/DCM

Dominik Graf gelingt ein intimes Sittenbild einer verkommenen Gesellschaft, auch ohne millionenteure Kulissenschlacht wie bei «Babylon Berlin». Auf der einen Seite ein sehr zeitgenössisch und frisch agierendes Trio: Der Melancholiker Fabian, sein sozialistischer Freund Stephan (Albrecht Schuch) und seine auf eine Filmkarriere setzende Freundin Cornelia (Saskia Rosendahl).

Albrecht Schuch als Fabians Freund Stephan Labude.

Albrecht Schuch als Fabians Freund Stephan Labude.

Hanno Lentz/DCM

Es ist eine Traumbesetzung. Ihnen steht eine zynische Gesellschaft gegenüber: Fabians Bürokollege, der ihn ausbootet, sodass Fabian entlassen wird; ein Chefredaktor, der einen Aufstand in Indien erfindet, um sein Blatt zu füllen; ein dicker Filmproduzent, der Cornelia Karriere nur fördert, wenn sie in sein Bett steigt; ein eifersüchtiger Nazi-Doktorand, der Labude hintergeht, worauf der sich erschiesst.

Dominik Graf öffnet Luken in die Zeitgeschichte

Grafs «Fabian» holt besser als sein Vorgänger aus dem Jahr 1980 den satirischen Reichtum der Romanvorlage auf die Leinwand, reichert ihn mit einer diskreten literarischen Erzählstimme an, blendet mit Schwarzweiss-Filmschnipseln ins Berlin der frühen Dreissigerjahre zurück und öffnet in diese farbsatte, luftige Story kleine Luken in die Historie und in die Gegenwart: Die Filmfiguren laufen einmal über die Messing-Stolpersteine für die Opfer des Nationalsozialismus, die seit den 90er Jahren in vielen Städten in den Boden eingelegt werden. Indem Graf das Romanende mit einer melodramatischen Wendung ergänzt, wertet er Cornelias Rolle auf: Sie glaubt an das Weiterbestehen der Liebe zu Fabian, der ihr Arrangement mit dem Filmproduzenten nicht erträgt. Trotz drei Stunden Laufzeit braucht Graf den Film nicht voranzutreiben. Die Spirale des Untergangs dreht von alleine und unerbittlich.

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