Fernsehen

«Im Nirgendwo»: Ein Drama mit dem Vorschlaghammer

Der verstorbene Goodluck (Eugene Boateng) wird zu Charlottes (Ursina Lardi) treustem Gefährten. SRF

Der verstorbene Goodluck (Eugene Boateng) wird zu Charlottes (Ursina Lardi) treustem Gefährten. SRF

«Im Nirgendwo» zeigt den wahren Fall eines Afrikaners, der 2009 im Berner Oberland zu Tode fror.

Da ist er wieder, der schwarze Mann. Er ist tot. Und taucht jetzt überall auf vor den Augen der Journalistin, die nichts so sehr will, wie herausfinden, wer er ist. Diesmal sitzt er im Bus, sie schmiegt sich an ihn. Er singt ein Lied. Zuvor ist sie ihm in einem Waldstück begegnet. Und in der Disco war er auch zugegen.

Ein paar Tage vorher hat die Journalistin den Mann noch lebend gesehen, in der Realität. Unter den Berner Lauben hat er ihr ein Armband geschenkt. Dann hat er auf sein Herz gedeutet und gesagt: «Das hier ist nicht nur zum Pumpen da.» Kurz darauf war er tot, erfroren vor einer abgelegenen Alphütte. Vielleicht war aber auch alles anders.

Wenig ist klar im Schweizer Fernsehfilm «Im Nirgendwo», der am Zurich Film Festival Premiere feierte und morgen Sonntag erstmals ausgestrahlt wird. Fest steht am Anfang, dass die Journalistin Charlotte Senn (Ursina Lardi) für den «Berner Anzeiger» arbeitet. Ihr Drang, zu recherchieren und die Welt zu verbessern, ist aufgrund hoher Arbeitsbelastung und drohender Kündigungen einem demonstrativ zur Schau gestellten Zynismus gewichen. Charlotte geht es nicht gut. Ihre Ernährung besteht aus Kebab, Zigaretten, Bier.

Wie kam der Tote ins Tal?

Dann kommt eine Polizeimeldung. Ein Afrikaner ist erfroren, vor einer Berghütte, die Identität des Toten ist unbekannt, die Hintergründe sind es ebenfalls. Charlotte fährt ins Oberland, sucht Spuren. Noch am selben Abend landet sie im Bett des Dorfpolizisten Bruno Tobler (Marcus Signer). Und am nächsten Morgen knipst sie mit dem Handy die Fotos des Toten aus der Akte ab, die bei Tobler zu Hause rumliegt. Charlotte ist jetzt sicher: Der Tote muss der Mann mit dem Armband sein. Wie aber ist er in dieses gottverlassene Tal gekommen? Was hat er dort gewollt? Und warum nimmt sie die Geschichte derart mit?

Trailer von "Im Nirgendwo"

Trailer von "Im Nirgendwo"

«Im Nirgendwo» (Regie: Katalin Gödrös) basiert auf einer wahren Geschichte. Im Winter 2009 fanden Tourenskifahrer bei der Alphütte Ramseli im Diemtigtal einen erfrorenen Afrikaner. Bis heute ist nicht klar, wer er wirklich war. Niemand erhob je Anspruch auf seine Leiche, er wurde in einem Gemeinschaftsgrab bestattet. Drehbuchautorin Simone Schmid, die auch schon eine Folge der TV-Serie «Der Bestatter» geschrieben hat, berichtete selbst über den Fall, als Journalistin für die «NZZ am Sonntag».

Was genau mit dem Mann passiert ist, wollte Schmid im echten Leben herausfinden – und das Gleiche lässt sie ihre Hauptdarstellerin im Film jetzt tun. Darin aber muss die Suche nach den Hintergründen des mysteriösen Todesfalls als Metapher herhalten, für Charlottes Suche nach sich selbst. Ihre Tochter ist vor zehn Jahren in die Drogenszene abgerutscht und spurlos verschwunden. Seither steht Charlotte, und das zeigt «Im Nirgendwo» überdeutlich, völlig neben sich. Immer und immer wieder erscheint ihr der Mann mit dem Armband (Eugene Boateng), und bald sieht sie auch ihre Tochter überall.

Irgendwann wird einem das als Zuschauer zu viel. Zu viel tränenreiches Tamtam, zu viel überzeichnete Einblicke ins Innenleben der Protagonistin, zu viele Zufälle auch. Aber zu wenig Substanz. Da helfen auch die berauschenden Bilder aus dem Berner Oberland und die überzeugenden Schauspieler wenig.

Simple Botschaft

Gegen Ende des Films, und das ist wirklich absurd, gibt es auf dem Friedhof ein Gerangel um die Urne mit der Asche des Erfrorenen. Schliesslich muss Polizist Tobler verhindern, dass Charlotte das gleiche Schicksal wie den Afrikaner ereilt. Erst dann kann die arme Frau ihre Jagd nach Gespenstern aller Art abschliessen. Sie verbrennt die Fotos vom Mann mit dem Armband – genau wie die Vermisstenanzeigen ihrer Tochter.

Was der Film uns damit sagen will? Vermutlich, dass es im Leben wichtig ist loszulassen. Es ist eine etwas simple Botschaft für so viel Drama mit dem Vorschlaghammer.

Im Nirgendwo So, 16. Oktober, 20:05 Uhr auf SRF 1.

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