Oscar
In China wird Oscargewinnerin Chloé Zhao totgeschwiegen

Sie hat vor Jahren ihr Herkunftsland China viele Geschichtslügen vorgeworfen. Wegen diesen kritischen Äusserungen wird Chloé Zhao in China zensuriert. Ihre Filme kommen dort nicht ins Kino und die Oscar-Verleihung wurde nicht live übertragen.

Fabian Kretschmer, Peking
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Chloé Zhao mit ihrem Regie-Oscar.

Chloé Zhao mit ihrem Regie-Oscar.

Handout / Getty Images North America

Eigentlich wäre der historischer Oscar-Gewinn von Regisseurin Chloé Zhao ein regelrechtes PR-Geschenk für Pekings Staatsführung. Schliesslich gewinnt die in China geborene Filmemacherin die öffentlichkeitswirksamste Auszeichnung der Kinobranche – erstmals eine nicht-weisse Preisträgerin, erst die zweite Frau der Oscargeschichte. Ein historischer Moment, schreiben die führenden Leitmedien.

Im Heimatland der 39-Jährigen verstummte das Echo jedoch: Ihr Oscargewinn wurde von den staatlich kon­trollierten Medien nicht einmal erwähnt. Chloé Zhao, die vielleicht talentierteste Regisseurin ihrer Generation, ist von den Zensoren in China schlicht ausradiert worden. Die Oscar-verleihung durfte auf Anordnung der Behörden nicht live übertragen werden. Selbst in Hongkong, dessen Freiheiten aufgrund von Pekings Repressionen im letzten Jahr erodiert sind, zeigte erstmals seit über 50 Jahren kein Fernsehsender die Veranstaltung.

Zhao hatte einst chinesische Geschichtslügen kritisiert

Die Filmkritiken zu «Nomadland» sind vom chinesischen Netz gelöscht worden, der heimische Kinostart wurde gestrichen. Selbst auf sozialen Medien haben die Zensoren die meisten Debatten verschwinden lassen. «So lange ich bereits über chinesische Zensur und Propaganda schreibe, kann ich es immer noch nicht fassen», schrieb die «New York Times»-Kolumnistin Li Yuan auf Twitter.

Der Grund des Anstosses ist ein Interview von vor rund acht Jahren, welches die 1982 in Peking geborene Regisseurin einem New Yorker Filmmagazin gegeben hat. Darin spricht sie von ihrer rebellischen Jugend in China; einem Land, «wo Lügen überall sind. Viele Informationen, die ich erhielt, waren nicht wahr». Zhao erzählt, dass sie erst als Teenager auf einem britischen Internat die Geschichte ihres Heimatlandes neu erlernen musste. Im März schliesslich gruben chinesische Internetnutzer die kritischen Aussagen aus – und lösten damit einen staatlich orchestrierten Shitstorm aus, der die Filmemacherin künftig als Landesverräterin brandmarkte. Tatsächlich ist China mit seiner umfassenden Internetzensur längst zu einem Orwell’schen Überwachungsstaat geworden, der ungewollte Themen und Personen schlicht aus dem kollektiven Gedächtnis streichen kann. Wer etwa die Enzyklopädie «Baidu Baike» besucht, das chinesischen Äquivalent von Wikipedia, wird keinen Eintrag zum Tiananmen-Massaker von 1989 finden. Und dass Mao Tse-tung mit seiner fehlgeleiteten Wirtschaftspolitik die vielleicht grösste menschengemachte Hungersnot im 20. Jahrhundert ausgelöst hat, wird ebenfalls unter den Teppich gekehrt.

Die Botschaft der Regierung ist klar: Wer China kritisiert, wird sanktioniert

Dass nun sämtliche Debatten über Chloé Zhaos Oscargewinn unterdrückt werden, beinhaltet vor allem eine einschüchternde Botschaft: Keine Chinesin und kein Chinese, ganz egal mit welcher Staatsbürgerschaft oder welchem Wohnort, soll das System der Volksrepublik kritisieren. Chloé Zhao zumindest scheint dennoch ihren Optimismus nicht aufgegeben zu haben: «Ich habe immer das Gute in den Leuten gefunden, die ich überall auf der Welt getroffen habe», sagte die Regisseurin in ihrer Dankesrede. Auch etwa 30 Alumni der New York University, die einen Campus in Schanghai unterhält, wollten jenen historischen Moment mitverfolgen.

Zum gemeinsamen Schauen der Oscarverleihung luden sie am Montagmorgen in eine Bar am Bund, Schanghais von Art-déco-Architektur gesäumte Prachtstrasse am Huangpu-Fluss. Die Veranstalter hofften darauf, dass ihre einstige Kommilitonin Chloé Zhang den begehrten Filmpreis abräumen wurde. Mit Hilfe einer illegalen VPN-Software konnten sie die chinesische Internetzensur umgehen und auf die gesperrte Streaming-Plattform Youtube zugreifen. Doch kurz bevor die Oscarzeremonie losging, wurde der Bildschirm jedoch schwarz. Die Zensoren hatten die Internetverbindung gestoppt.

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