Man kennt Werner Herzog als Regisseur starbesetzter Spielfilme, die Filmgeschichte schrieben – allen voran «Fitzcarraldo» oder «Cobra verde» mit Klaus Kinski, dann aber auch «Nosferatu» mit Bruno Ganz – und Klaus Kinski, «Bad Lieutenant» mit Nicolas Cage oder – zuletzt – «Queen of the Desert» mit Nicole Kidman. Weniger bekannt ist Werner Herzog als Regisseur von Dokumentarfilmen. Dabei sind diese mindestens so spektakulär wie seine Spielfilme – und es gibt kaum einen anderen Regisseur, der sich über ein halbes Jahrhundert derart in beiden Bereichen zu behaupten versteht, wenn auch seine Dokumentarfilme bei uns kaum im Kino liefen. Seit den frühen 1960er-Jahren hat Herzog über 70 Filme realisiert, 14 davon – 12 Dokumentarfilme und 2 Spielfilme – zeigt das Festival «Visions du Réel» in Nyon.

Tapeten gegessen vor Hunger

Aufgewachsen ist der 1942 in München geborene Werner Herzog im verstecktesten Winkel der bayrischen Alpen. Seine Eltern waren hierher geflohen vor den Bombenangriffen über München. Die surreale Landschaft der zerbombten Grossstadt hinterliess einen unauslöschlichen Eindruck beim Kind. Noch stärker blieb ihm allerdings der in jenen Nachkriegsjahren herrschende Hunger. In den Grossstädten sei er so schlimm gewesen, dass die Menschen die Tapeten von Wänden der Ruinen gekratzt, sie ausgekocht und gegessen hätten. Die schockierende Episode erzählt Werner Herzogs Stimme im Off – in all seinen Dokumentarfilmen geradezu ein Markenzeichen – in «Little Dieter Needs to Fly», einer Dokumentation aus dem Jahr 1997. Der Film, den Herzog in der gestrigen «Masterclass» als einen seiner besten bezeichnete, dreht sich um den deutschen Piloten Dieter Dengler. Dieser diente in den 1960er-Jahren bei der US-Luftwaffe, wurde im Vietnamkrieg abgeschossen und als Gefangener allen erdenklichen Arten von Folter ausgesetzt – bis er fliehen und sich durch den Dschungel nach Thailand absetzen konnte. Es ist eine Abenteuergeschichte, in welcher sich die Träume, das Fliegen, der Blick in extremste menschliche Abgründe und existenzielle Grenzerfahrungen in idealer Weise verbinden: Themen, die in Herzogs Werk immer wieder auftauchen. Genüsslich erzählte Herzog in der gestrigen «Masterclass», wie der Chef einer US-Fernsehkette während der Visionierung bat, auf die Toilette gehen zu können, um sich zu erbrechen. Für die zarten Nerven des Fernsehmenschen sei es offenbar zu viel gewesen. Dabei geht es Herzog keineswegs um pure Lust am Schockieren, aber nach eigenem Bekunden immer darum, in die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele und überhaupt unserer Existenz zu blicken.

Nicht gewusst, was Kino ist

Waren es die Erfahrungen in den Nachkriegsjahren, die ihn dafür prädestinierten, sich Menschen in den unglaublichsten Extremsituationen zu widmen? Man denkt dabei nicht nur an Dieter Dengler, sondern bei seinen Dokumentarfilmen etwa an den «Grizzly Man» (2005), einen Abenteurer, der in Alaska jahrelang unter Bären lebte, überzeugt, dass die gefährlichen Tiere ihn als Artgenossen akzeptiert hatten. Oder an Juliane Koepke in «Wings of Hope» (1999), die 1971 mit 17 Jahren als Einzige einen Flugzeugabsturz in Peru überlebt und es in einem zehntägigen Marsch durch den Amazonas-Urwald bis zur nächsten menschlichen Siedlung geschafft hatte. Herzog winkt ab, so extrem seien die Protagonisten und Themen seiner meisten Filme ja nicht und klar prägten frühkindliche Erfahrungen jeden Menschen, und die Hungerjahre seien nun mal einschneidend gewesen. Aber mehr noch als diese habe ihn die Tatsache geprägt, dass er bis zu seinem zwölften Altersjahr nicht gewusst habe, was Kino war. Eines Tages kam ein mobiles Kino ins Dorf, in der Schule wurde ein Projektor aufgestellt, man führte Filme vor. Er habe keine Erinnerung mehr, was für Filme, ihn habe damals aber der technische Aspekt dieses Wunderapparats fasziniert. Einer der ersten Filme, an den er sich erinnere, sei «Kinder, Mütter und ein General», ein deutscher Antikriegsfilm aus dem Jahr 1955. Ein gewisser Klaus Kinski spielte darin die Nebenrolle eines Leutnants und Herzog war vom Moment an elektrisiert von der Präsenz Kinskis. Die weitere Geschichte Herzogs mit Kinski ist bekannt, Herzog reagierte in Nyon eher unwirsch auf die Frage, ob er ein Vierteljahrhundert nach Kinskis Tod, ihn vermisse: «Nein überhaupt nicht, wieso auch? Ich habe einfach fünf Filme mit ihm gedreht, aber das ist lange her.»

Viel Raum nahm in Nyon Herzogs neuer Dokumentarfilm «Meeting Gorbachev» ein. Aufgegleist vom britischen Anthropologen und Dokumentarfilmer André Singer, erhielt Herzog die Anfrage, ob er die Interviews mit dem ehemaligen sowjetischen Präsidenten führen könne. Herzog war sofort begeistert, Gorbatschow zunächst weniger. Als Singer den 87-Jährigen informierte, dass das Gespräch nicht von einem «journalist», sondern von einem «poet» geführt werde, zeigte sich Gorbatschow doch noch interessiert. Umso mehr, als sich herausstellte, dass er einige Filme von diesem «poet» kannte. Herausgekommen ist ein schwärmerisches Porträt, in Herzogs Worten eine Liebeserklärung an eine Jahrhundertfigur.

Weitere Filme von Werner Herzog sind in Nyon noch heute Mittwoch und morgen zu sehen.