Literatur

In Lenzburg will sie Gedichte schreiben – Silke Scheuermann ist im Müllerhaus zu Gast

Foto: Mario Heller

Für Silke Scheuermann ist Sprache immer Kunst.

Foto: Mario Heller

Die deutsche Autorin Silke Scheuermann ist im Müllerhaus in Lenzburg zu Gast. Porträt einer Rastlosen.

Silke Scheuermann öffnet die Tür zum kleinen Atelier und entschuldigt sich gleich für die Unordnung. Schaufelt einen Stapel Zeitungen und beschriebener Blätter vom Sofa und setzt sich an den überfüllten Schreibtisch. Sie arbeite viel, mache wenige Pausen, sagt die 42-Jährige ohne zu jammern.

Das sieht man dem Atelier an: Neben dem Sofa liegt sowohl die deutsche Reclam-Ausgabe von «Great Expectations» von Charles Dickens wie auch ein «People»-Magazin, ein Karton voller Farben steht am Boden. «Malen beruhigt mich», sagt Silke Scheuermann, und zeigt ein weisses, gehäkeltes T-Shirt, das sie mit allen möglichen Farben verziert hat. Auch das 500-seitige Manuskript zu ihrem neuen Roman liegt am Boden. Der letzte Satz darin ist hier in Lenzburg geschrieben worden. Doch während ihrer Residenz im Müllerhaus arbeitet sie in erster Linie an Gedichten; vor allem die Natur rund um sie inspiriert sie dazu, gerade jetzt, wo es wärmer wird.

Talent für Prosa und Lyrik

Scheuermann scheint sich wohlzu-fühlen in der Schweiz, in Lenzburg. «Die Gegend hier inspiriert sehr zum Schreiben.» Und die Schweizer Literatur habe es ihr einfach angetan: «Die Schweizer Lyrik ist auch in Deutschland sehr beliebt; sie ist experimenteller, dominanter als bei uns.»

Speziell an Scheuermann ist ihr Talent sowohl für Prosa wie auch für Lyrik. Die beiden Arten, zu schreiben, seien grundverschieden: «Der Lyrik-Modus hat eine ganz andere Musikalität, einen anderen Takt. Man ist freier, kann spielerischer mit der Sprache umgehen.» Sprache ist niemals Mittel zum Zweck für Silke Scheuermann. «Dafür ist sie zu schön. Die Art, wie und was man erzählen will, ist natürlich jeweils anders. Aber es ist immer eine Kunst.» Die Einladung ins Atelier Müllerhaus kam überraschend und noch bevor sie die Preise für den letzten Gedichtband «Skizze vom Gras» (Schöffling & Co., 2014) erhielt. Hier in Lenzburg können Autorinnen und Autoren im Rahmen einer mehrmonatigen Residenz in ruhiger Umgebung an einem Projekt arbeiten. Die Kandidaten werden vom Literaturhaus Lenzburg ausgewählt. Sie habe sich ungemein gefreut: «Die Residenz hier geniesst einen sehr guten Ruf.» Mit der Einladung geht aber auch eine gewisse Erwartungshaltung einher, sagt Silke Scheuermann.

Doch sie relativiert sogleich: Eigentlich sei es jeweils in erster Linie sie selbst, die sich Druck macht. «Ein Buch ist von mir aus gesehen nie fertig.» Auch beim derzeitigen Roman gehe es in gewisser Weise um Erwartungen. Obwohl er offiziell bereits beendet ist und schon im Sommer erscheinen soll, findet sie jetzt noch Details, die sie am liebsten ändern würde.

Im Handumdrehen ist eine Stunde vorbei, wenn man mit Silke Scheuermann plaudert. Sie schweift auch schon mal ab, zeigt, wie viele Rivella-Flaschen sie in einer Woche getrunken hat, liest einem Zeilen vor, die sie in irgendeiner Form einmal in ein Gedicht verpacken will. Sie fragt nach und hakt ein, will wissen, wo man im Aargau gut schwimmen könne. Sie ist auf eine offene Art zurückhaltend und spricht unaufdringlich, ohne kurz angebunden zu wirken. Und stets bodenständig.

Es geht um Gut und Böse

Ob sie nun, wo sie etabliert sei, noch immer ab und zu alles hinschmeissen wolle? «Ja, immer wieder. Vor allem, wenn ich unterbrochen werde während der Arbeit.» Konstant bleibt in Scheuermanns Werk eines: ihr Interesse an der Diskrepanz zwischen der Zivilisation und dem Menschen. «Es geht auch um Gut und Böse.»

Seit der Veröffentlichung des ersten Gedichtbands 2001 («Der Tag, an dem die Möwen zu singen anfingen», Suhrkamp) habe sich nicht viel verändert, lacht die freundliche Autorin, und schaut nachdenklich in den Garten. «Ich fange bei jedem Buch von vorne an.»

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