Interview
Kultautor Beat Sterchi über das Landleben: «Wir sollten alle mehr daran denken, dass wir den Acker brauchen»

Mit «Capricho» ehrt Beat Sterchi das einfache Landleben. Es ist eine warmherzige Antwort auf seinen erfolgreichen Roman von vor fast 40 Jahren.

Hansruedi Kugler
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Beat Sterchi lebt in Bern und im Sommer in einem spanischen Dorf.

Beat Sterchi lebt in Bern und im Sommer in einem spanischen Dorf.

Christian Beutler / KEYSTONE

Sein Debütroman «Blösch» war 1983 eine Sensation. Mit der drastisch erzählten Geschichte des spanischen Melkers Ambrosio und der prächtigen Leitkuh Blösch, die beide in einem Schweizer Bauerndorf und einem Schlachthof zugrunde gerichtet werden, traf Beat Sterchi, 71, einen Nerv der Zeit.

Der Roman liest sich heute noch atemberaubend und aktuell. Sterchis neues Buch «Capricho» wirkt wie ein Gegenbild. In einer melancholischen Hommage an das ländliche Spanien beschreibt er tagebuchartig einen Sommer. Es ist ein Musterbeispiel, wie vordergründig unspektakulär Literatur grosse Themen wie Entfremdung, Zivilisationskritik und historische Traumata nicht explizit beschreibt, sondern aufscheinen und erahnen lässt. Sterchi gelingt dies durch empathische, präzise Beschreibung von Alltäglichem – warmherzig, ohne Romantisierung.

Warum dauerte es nach «Blösch» 38 Jahre bis zum zweiten Roman?

Beat Sterchi: Ich hatte Familie, musste Geld verdienen, kurzfristiger planen, brauchte Aufträge und Auftritte. Ich schrieb Theaterstücke und Kolumnen und stand mit Mundarttexten auf der Bühne. Die Erwartung, einen zweiten «Blösch» zu schreiben, wollte ich nicht erfüllen. «Capricho» ist von der Form her eher aus meinen Arbeiten der letzten Jahre entstanden.

Nämlich?

«Capricho» ist episodisch, nicht episch. Absichtsloses Schreiben und Notieren ist für mich existenziell. So ist auch mein neues Buch entstanden. Es ist ein anderes Herangehen, als wenn man sich vornimmt, einen Knüller über ein Thema zu schreiben.

Zur Person

Beat Sterchi – Kultautor und Mundartpionier
Keystone

Beat Sterchi – Kultautor und Mundartpionier

1949 in Bern als Metzgerssohn geboren, lernte Beat Sterchi zuerst Metzger und wanderte 1970 nach Kanada aus. Nach einem Studium der Anglistik arbeitete er als Sprachlehrer in Honduras. Sein Debütroman «Blösch» war 1983 ein grosser Erfolg. Seither verfasste er Theaterstücke, Reportagen, Kolumnen und experimentelle Texte auf Berndeutsch und stand mit Spoken-Word-Texten auf vielen Bühnen. Heute lebt Beat Sterchi als freier Schriftsteller in Bern und in Spanien. (hak)

Sie leben seit 35 Jahren jeden Sommer in einem spanischen Dorf, haben wie der Erzähler einen terrassierten Gemüsegarten und pflanzen Kartoffeln an. Lesen wir nun Ihre Beobachtungen?

Ich versuchte, ganz nahe an die Sachen heranzugehen. Mir wurde klar, dass es nicht nur für mich wichtig ist, sondern in sich einen Wert hat. In diesem Sinn ist «Capricho» ein Tatsachenroman, also kein Schwindel. Nur Einzelheiten sind verändert. So fahre ich zum Beispiel keinen Volvo.

Diese Autos stehen für Sicherheit, für Vermögende, die sich ein Feriendomizil in Spanien leisten können. Man liest das ironisch.

Diese Konnotation hatte ich beim Schreiben auch im Kopf. Kommt hinzu, dass es ein schönes Wort ist, und das spanische «volver» für zurückkehren klingt auch noch mit.

Eine Rückkehr im doppelten Sinn: Sie gehen dorthin, wo Ambrosio in «Blösch» herkommt, und es ist eine Rückkehr zu einem ursprünglichen, entschleunigten Leben. Eine Zivilisationsflucht?

Dass wir uns ein entschleunigtes Leben leisten können, ist natürlich eine Luxuserscheinung. Aber ich bewundere diese Haltung des steten, ruhigen Arbeitens bei den Dorfbewohnern. Da gab es einen, der den ganzen Tag mit der Handsäge Holz gesägt hat – ohne Lärm. Faszinierend. Wie eine Kuh, die den ganzen Tag Gras frisst. Solche Einblicke wollte ich literarisch fassen. Ich verstehe mein Buch aber nicht als Flucht, eher als Zivilisationskritik. Denn ich bin am intensivsten im Leben, wenn ich in Ruhe an etwas dran sein kann, ohne Terminhetze. Und wir alle sollten mehr daran denken, dass wir den Acker brauchen, der unsere Nahrung hervorbringt. Egal, ob in Südamerika auf einer Farm oder bei uns vor dem Haus.

Beat Sterchi: CaprichoEin Sommer in meinem Garten. Diogenes, 260 Seiten.

Beat Sterchi:
Capricho
Ein Sommer in meinem Garten.
Diogenes, 260 Seiten.

zvg

Die Frage ist, wie man das macht. In «Capricho» gibt es auch Zivilisationsekel. Im Supermarkt wird es dem Erzähler übel.

Es ist verrückt: Im Dorf atmet man frische Luft, in der Stadt Benzin. Man wird einfach bewusster.

Oder melancholisch. Sie romantisieren nicht. Es wird klar, dass das Dorf ausstirbt, weil die Menschen aus der Armut flüchteten.

Aber das Leben dort ist reichhaltig. Natürlich kann man nicht von einem kleinen Gemüsegarten leben. Aber ernährungstechnisch sind diese Gärten so angelegt, dass sie für die Selbstversorgung einer Familie ausreichen.

Wenn es keine Schnecken oder Steinböcke gäbe.

Dann baut man einen hohen Zaun.

Kümmern Sie sich nur um den Garten, oder sind Sie schriftstellerisch produktiv? Im Buch steckt der Erzähler im Schreibstau.

Längere Aufenthalte kann ich mir erst erlauben, seit meine Kinder erwachsen sind. Das neue Buch ist mir zugefallen, aus einer Laune heraus, eben einem Capricho, entstanden aus dem Tagesrhythmus mit Garten und Leute treffen.

Das Dorfleben schildern Sie auf warmherzige Art mit viel Fröhlichkeit und Hilfsbereitschaft.

Ich erlebe das genau so. Es ist unglaublich angenehm. Das hat mit diesem Zeitgefühl zu tun. Niemand hat es hier eilig.

Idylle ist aber nicht Ihre Absicht. Der Erzähler hört nacheinander den Specht und das Schreien der Schweine im Mastbetrieb. Das erinnert an «Blösch».

Ich wollte nicht romantisieren. Im Dorf liegen das Schönste und das Schlimmste nahe beieinander, nicht nur beim Umgang mit den Tieren. Die Dorfbewohner sind warmherzig, können aber auch borniert sein. In meinem Buch wollte ich dies locker und leicht beschreiben.

Einiges ist in «Capricho» eingeflossen, vor allem zum Trauma des Spanischen Bürgerkriegs. Der Erzähler kauft immer zwei Zeitungen, eine spanische und eine katalonische.

Eigentlich kauft er einfach die beiden seriösesten Zeitungen des Landes, die eine politisch links und die andere liberal, aber wie gespalten die Presselandschaft ist, können wir uns kaum vorstellen. Das ist fast wie in den USA mit Fox News. Und die Politik ist genauso gespalten.

Sie erzählen, dass die verfeindeten Parteien im Bürgerkrieg denselben Kartoffelacker plünderten, die einen am Tag, die anderen nachts. Ein unglaubliches Bild für die Zerrissenheit dieses Landes.

Das ist aus George Orwells Buch «Mein Katalonien». Eines der besten Bücher über Spanien.

Die Weltgeschichte drängt gegen Ende in Ihr Buch. Im Bürgerkrieg sei der Priester von den Dorfbewohnern ermordet worden.

Das ist so geschehen. In Spanien weiss immer noch jede Familie, auf welcher Seite die andere Familie stand. Als ich vor 35 Jahren hier ankam, gab es in dem winzigen Dorf deswegen noch zwei Bars. In dieser Gegend wurde der Bürgerkrieg wahnsinnig brutal geführt. Heute gibt es im Dorfalltag aber deswegen keine Probleme mehr.

Ist der gelernte Metzger Beat Sterchi beim Schreiben von «Blösch» zum Vegetarier geworden?

Nur zeitweise, aber ich esse auf jeden Fall bewusster. Ich schrieb das Buch in Kanada, wo man in den späten 1970er-Jahren viel diskutiert hat, wie man die Welternährung in den Griff bekommt. Aus einem globalen politischen Bewusstsein gab es Kritik am Fleischkonsum. Heute geht man mehr vom Tierwohl aus.

Schriftsteller Beat Sterchi kennt das Landleben in der ganzen Welt. Er lebte bereits in Kanada, Spanien und Honduras.

Schriftsteller Beat Sterchi kennt das Landleben in der ganzen Welt. Er lebte bereits in Kanada, Spanien und Honduras.

Keystone

Im «Blösch» ging es auch um die Würde des Menschen und des Tiers.

Ich lernte nicht gern Metzger, aber war als Nachfolger meines Vaters vorgesehen. Meine Erfahrungen im Schlachthaus und in einer Fleischfabrik waren für mich dennoch unglaublich wichtig.

In Ihrem neuen Buch isst der Erzähler fast nur eigene Kartoffeln und Gemüse. Er bekommt Schüttelfrost, als er für sich und seine Tochter Steaks zubereiten soll. Er trägt ein «Blösch»-Fleischtrauma in sich.

(lacht)

Dann habe ich das nicht gut geschrieben. Er bekommt Schüttelfrost, weil er sich an den gigantischen unterkühlten Supermarkt erinnert, wo er die Steaks gekauft hat.

Wenn der Blitz in den Kirchturm des Dorfes einschlägt und die Kirchenuhr stehenbleibt, klingt das fast zu gut, als dass es nicht erfunden wäre.

Es ist so passiert, und zwar mehrmals. Unterdessen wird die Uhr per Funk ferngesteuert, und sie ist mit einer Atomuhr verbunden.

Die Episoden mit den Geiern haben einen Horroreffekt. Stimmt es, dass die Geier kalbende Kühe auf der Weide töten?

Drei, vier Kühe pro Jahr verlieren die Bauern jedes Jahr durch diese Geierangriffe. Etwas gruselig ist das schon, es sind ja hässliche Tiere. Aber wenn sie hoch in der Luft fliegen, sieht das wiederum schön aus.

Der Erzähler findet im Gemüsegarten zur Produktivität, das Schreiben stockt. Findet das Leben eher im Anbau von Kartoffeln statt als im Schreiben von Büchern?

Da steckt einiges drin. Aber wenn man zu viel darüber spricht, verliert das Thema an Reiz. Dass wir ein Problem damit haben, ist jedoch offensichtlich.

Worin liegt das Problem?

In der grundlegenden Entfremdung. Man kann sich einfach nicht ernähren, ohne dass sich jemand die Finger dreckig macht. Und manchmal hat man das Gefühl, dass wir diesen Zusammenhang vergessen haben. Was natürlich ein Selbstbetrug ist.

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