Schutzkonzept

Intimität trotz Kussverbot: Theaterregisseurinnen und -regisseure proben mit Abstandsregeln für den Herbst

Gedrängte Szenen wie aus der Donizetti-Oper «La Fille du Régiment» im vergangenen Jahr am Theater Orchester Biel Solothurn, sind zur Zeit nur schwer umsetzbar.

Gedrängte Szenen wie aus der Donizetti-Oper «La Fille du Régiment» im vergangenen Jahr am Theater Orchester Biel Solothurn, sind zur Zeit nur schwer umsetzbar.

Es ist ein Eiertanz mit den Richtlinien des Schutzkonzeptes: Die ersten Regisseurinnen und Regisseure nehmen in diesen Tagen die Theaterproben wieder auf. Viele Einfälle können sie nicht mehr realisieren. Aber Not macht erfinderisch.

Theater nach Coronaschutzkonzept ist eine ziemlich massvolle Angelegenheit: Bloss nicht zu viele Darsteller – schliesslich braucht jeder seine vier Qua­dratmeter Bühnenraum. Und bitte nicht zu laut und zu expressiv sprechen, sonst herrscht im Raum sofort Aerosolalarm. Nimmt man die Richtlinien des Schutzkonzepts der Bühnenverbände ernst, werden wir im Herbst eng umschlungene Liebespaare schmerzlich vermissen und uns stattdessen über viele Darsteller wundern, die zum Schutz ihrer Kollegen nur in den Zuschauerraum sprechen.

Das sei «Theater zum Abgewöhnen» , fand der künstlerische Leiter der Schaubühne Berlin, Thomas Ostermeier, kürzlich auf dem Onlineportal nachtkritik.de. Andere sehen die Einschränkungen als Chance.

So weit wie in Deutschland, wo Mitarbeiter vom Gesundheitsamt zu den Proben kommen wie kürzlich übers Staatstheater Stuttgart zu lesen war, wird man in der Schweiz nicht gehen. Die Regisseurinnen und Regisseure, die für den Neustart der Schweizer Theaterhäuser in diesen Tagen zu proben beginnen, stehen trotzdem vor nie da gewesenen Herausforderungen.

Für die Statisten ist kein Platz mehr

So soll Regisseur Stefan Huber zur Spielzeiteröffnung des Konzert Theater Bern nach wochenlanger Ladenschliessung das Shoppingmall-Musical seines Schauspieldirektors Cihan Inan inszenieren. «Paradise City» reiht alle dreizehn Schweizer Eurovisionsbeiträge der letzten 50 Jahre aneinander. Angedacht war das Grossprojekt mit zehn Darstellern, einem sechsköpfigen Musical-Tanz-Ensemble, einem Sinfonieorchester aus 35 Musikern und 16 Statisten. Die Statisten habe man aus Platzgründen schon mal reduziert, erklärt Huber. Die Instrumentierung werde gerade konzipiert. Weil im ursprünglich vorgesehenen kleinen Orchestergraben im Berner Stadttheater mit Abstandsregeln nur 12 Musiker Platz hätten, ist man auf den grossen ausgewichen und arrangiert nun für zwei Orchestergrössen gleichzeitig. Käme es zu weiteren Lockerungen, wäre man im Herbst vorbereitet.

«Sorge bereitet mir, dass der Probefluss durch die Hygienemassnahmen ständig unterbrochen werden könnte», sagt Huber. Bei schönem Wetter könne man die Choreografieproben auch nach draussen verlegen. Die fehlende Intimität auf der Bühne will Huber mit Videoaufnahmen kompensieren. «Aber im Moment rotiert noch alles in meinem Kopf.» Und gut möglich, dass der Lockdown auch die Stückrealität erreichen wird: Dann würden die Zwei-Meter-Abstände auf der Shoppingmall zur Selbstverständlichkeit.

Sebastian Klink wird im September für das Konzert Theater Bern den «Ulysses» in den Vidmarhallen inszenieren. Klinks Regiehandschrift lässt sich mit den Richtlinien eines Schutzkonzeptes nur schwer vereinbaren. Er inszeniert oft lang, expressiv und mit viel physischer Nähe. Zur Bauprobe, wie man im Theaterjargon die Begutachtung eines ersten Bühnenbildentwurfs bezeichnet, konnte der in Italien lebende Bühnenbildner im März schon nicht mehr anreisen. Tags darauf kam der Lockdown. Klink musste seinen Filmdreh in Irland absagen und sein physisches Theater neu denken. Auf Gedränge in den engen Videoräumen auf der Bühne, auf Prügel- und intensive Liebesszenen verzichtet er jetzt. Texte, die eine Expressivität benötigen, könnten, damit die Fünf-Meter-Abstandsregel nicht eingehalten werden muss, alternativ auf Tonband eingesprochen werden. Der ohnehin intensiv mit verschiedenen Medien arbeitende Klink wird noch mehr Szenen als geplant filmen lassen. «Der Bewusstseinsstrom von James Joyces Roman kann über diese technischen Hilfsmittel vielleicht sogar noch besser transportiert werden», ist der Regisseur überzeugt. Die Inszenierung könne so dem Stoff entsprechend auf eine surreale Ebene gehievt werden.

Zweipersonenstücke haben es einfacher

Einfacher haben es kleine Produktionen wie die der Regisseurin Sophia Bodamer am Theater St.Gallen. Im Kinderstück »Zwei Monster» von Gertrud Pigor ist Abstandhalten nämlich Konzept. Ein blaues und ein rotes Monster leben neben einem Berg, der ihnen den Blick aufeinander verstellt. Auch Regisseur Max Merker kann die Idee für sein Zweimannstück «All You Can Be» fürs Theater Orchester Biel Solothurn (Tobs) wie geplant umsetzen. Kopfzerbrechen bereiten ihm die am 8. Juni startenden Proben für die Inszenierung von Shakespeares «Was ihr wollt» für das Seeburg-Theater in Kreuzlingen. Geballte Shakespeare-Erotik und kein einziger Kuss? «Vielleicht müsste man so barocke Ausdruckspossen für Gefühle finden, wie man sie manchmal an der Oper sieht», witzelt Merker. «Anstelle das Thema intersubjektiv anzugehen, greift man sich bei Liebe dann ans Herz. Sollte jemand dann behaupten, das Stück sei altmodisch, könnte man sich damit verteidigen, es wäre coronaprogressiv», sagt er und lacht. Seriöse Antworten auf diese Fragen will er zuerst noch finden.

Autor

Julia Stephan

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