Pionierin

Isa Genzken ist eine der einflussreichsten Gegenwartskünstlerinnen – die Anfänge sind nun in Basel zu sehen

Ein Raum mit den Werken Rheinbruecke (1983), vorne links, und Gruen-schwarz-gelbes Ellipsoid (1981), vorne rechts,  in der Ausstellung Isa Genzken.

Ein Raum mit den Werken Rheinbruecke (1983), vorne links, und Gruen-schwarz-gelbes Ellipsoid (1981), vorne rechts, in der Ausstellung Isa Genzken.

Das Kunstmuseum Basel zeigt das Frühwerk der deutschen Künstlerin Isa Genzken in den 1970er und 1980er Jahren. Sie schuf Minimal Art, aber gegen den Strich gebürstet.

Mitarbeiter des Museum of Modern Art MoMa in New York haben 2013 Passanten vor dem Museum folgende Frage gestellt: «Kennen Sie Isa Genzken?» «Isa what?» Niemand der Befragten kannte den Namen. Die deutsche Künstlerin, 1948 in Bad Oldesloe geboren, ist eine sogenannte Künstlerkünstlerin. Sie gilt zwar bei Kolleginnen, Kuratoren und Galeristen als eine der einflussreichsten Künstlerinnen der Gegenwart, und in den letzten Jahren haben ihr bedeutende Museen weltweit grosse Ausstellungen gewidmet. Und doch ist sie für das breite Publikum ein Geheimtipp geblieben.

Das liegt an ihr selbst, an ihrer Strategie und an ihrer ungeheuren Kreativität. Genzken hat seit den Siebzigerjahren im Takt von zehn Jahren jeweils völlig neue Themen erarbeitet und neue Formensprachen erfunden. Ihr Gesamtwerk würde für mehrere Künstlerbiografien ausreichen. Die aktuellen Arbeiten der 71-Jährigen sind erstaunlich frisch und werden gerade von jungen Künstlerinnen verehrt.

Isa Genzken 1982 in ihrem Atelier in Düsseldorf.

Isa Genzken 1982 in ihrem Atelier in Düsseldorf.

Genzken blieb immer auf Augenhöhe mit der Gegenwart. Gerade deshalb ist sie nicht zur identifizierbaren Marke geworden. Müsste ihr ein Label angehängt werden, wäre es das der totalen Freiheit. In den Achtzigerjahren verblüffte sie mit Betonskulpturen, in den Neunzigern begann sie, selbst Liebhaberin grosser Städte, mit kunstvoll-irrealen Architekturmodellen, entwarf aus Fundgegenständen Gebäude als Antithese zum Bauhaus oder für den Ground Zero, inklusive 24-Stunden-Disco. Mit überdimensionierten Rosen oder Bilderrahmen hat sie die Dimensionen des öffentlichen Raums verzerrt.

2008 stellte sie surreale Koffer-Assemblagen in den deutschen Pavillon der Biennale Venedig. Es war ein beissender Kommentar zu einer Stadt, die von den Touristenmassen unbarmherzig geflutet wird. Isa Genzken ist und bleibt neugierig, politisch subversiv, humorvoll kritisch gegenüber jeglicher Erhabenheitsgeste der Kunst.

In Zusammenarbeit mit der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen zeigt das Kunstmuseum Basel nun ihr Frühwerk aus den Siebzigerjahren, als sie noch in Hamburg und Düsseldorf studierte. Noch nie zuvor wurde dieser Werkkomplex in solcher Ausführlichkeit gezeigt, rund ein Viertel der sechzig präsentierten Werke waren noch nie zu sehen.

Einbruch in die Männerdomäne

Als Isa Genzken in den Siebzigerjahren erstmals ihre Ellipsoiden und Hyperbolos ausstellte, sah mancher spöttische Kritiker in diesen Objekten überdimensionierte Stricknadeln oder Kanus. Für Genzken war damals schon klar: Jeder soll darin sehen, was er eben sieht: ein offenes Kunstwerk.

Søren Grammel, Kurator der Ausstellung in Basel, interpretiert die Objekte als Zeichen für menschliche Beziehungen, für Anziehungskraft und den Augenblick der Schwerelosigkeit. Ob das skulpturale Frühwerk der Künstlerin wirklich Beziehungen spiegelt, sei hier dahingestellt. Als Kommentar auf die US-amerikanische Minimal Art, als Einbruch in deren Männerdomäne, sind diese erstaunlichen Objekte aber sicher verortbar. Und bestimmt waren sie auch eine Pioniertat – nämlich die ersten computergenerierten Kunstwerke überhaupt.

Genzken spannte für deren Konstruktion mit einem Physiker der Informatikabteilung der Universität Köln zusammen. Die Pläne wurden von einem zimmergrossen Computer errechnet und auf bis zu acht Meter langen Papierbahnen ausgedruckt. Entstanden sind Objekte, die der Betrachter umrunden muss, will er sie in ihrer ganzen Schönheit wahrnehmen: Schwebend, überraschend im Wechsel zwischen Leerräumen und Volumen, bieten sie dem Auge reichhaltige Ansichten.

Die Ausstellung, im Parterre des Museumsneubaus und im Museum Gegenwart, macht mit den Computerzeichnungen, Skizzen, grafischen Umsetzungen, digitalisierten Fotoalben und Künstlerbüchern die Entstehungsgeschichte und die ganze Bandbreite dieses Frühwerks lesbar. Werke befreundeter Künstler wie Bruce Naumann oder Carl Andre knüpfen Bezüge zur Kunst der Siebzigerjahre.

Was Isa Genzken in den Jahren von 1973 bis 1983 geschaffen hat, würde bereits reichen, um sie als Klassikerin jener Epoche zu handeln. Nur eben: Die Künstlerin hat sich dieser Zuschreibung entzogen und ist 1984 zu ganz neuen Ufern aufgebrochen.

Isa Genzken – 1973 bis 1984
Bis 24. Januar. Kunstmuseum Basel. kunstmuseumbasel.ch.

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