Kultur

Jack Stoiker besingt das Glied als Stehaufmännchen

Jack Stoiker (Mitte) mit der Band Knöppel. Links Marc Jenny, rechts René Zosso. (Bild:zvg)

Jack Stoiker (Mitte) mit der Band Knöppel. Links Marc Jenny, rechts René Zosso. (Bild:zvg)

Daniel Mittag alias Jack Stoiker und seine Band Knöppel veröffentlichen diese Woche gleich zwei Platten. Annäherung an eine Kultfigur.

Er versuche, auf eine «sympathische Art blöde» und auf eine «sympathische Art clever» zu sein, sagt Daniel Mittag. Das ist durchaus eine mutige Aussage, wenn man Songs schreibt, die Titel tragen wie «I tenk bim Wichse as Wichse». Daniel Mittag ist Jack Stoiker ist Knöppel. Der St. Galler, der aber schon länger in Freiburg als in der Ostschweiz lebt, ist eine der wenigen Kultfiguren in der Schweizer Musikszene, die den Begriff Kultfigur wirklich verdient. Als Jack Stoiker gibt er den Rumpel-Poeten, bei Knöppel den Rumpel-Punker, textlich immer hart an der Gürtellinie kratzend, wobei er öfters drunter rutscht und kräftig zugreift. Mit Knöppel veröffentlichen er und seine beiden Mitstreiter Marc Jenny am Bass und René Zosso am Schlagzeug eben jetzt ein Album, das «Faszination Glied» heisst und eigentlich «eine Art Konzeptalbum» mit dem «Kristallisationspunkt Glied» ist. Daniel Mittag muss etwas leiser sprechen, da er im Bus sitzt und niemanden erschrecken will, wie er am Telefon sagt. «Jack Stoiker war schon ein Trash-Projekt» Der Knöppel-Song «Prada» wurde 2018 vom SRF3-Publikum, einer Social-Media-Kampagne der Fans sei Dank, zum besten «Schweizer Rocksong aller Zeiten» gekürt. Im Refrain schreit Mittag «De chaufi halt Prada ihr Wichser» (das Konzept des ersten Knöppel-Albums war, dass in jedem Song einmal «Wichser» vorkommt), dazu spielt die Gitarre einfache Akkorde. Punk eben. «Mir gefällt Musik, die roh, kantig und schnörkellos ist», sagt Mittag. Dem Publikum gefällts, Knöppel-Konzerte sind landauf, landab gut bis sehr gut gefüllt. Support macht Mittag gleich selber: Im Vorprogramm zu Knöppel tritt Jack Stoiker auf. «Ich bin da durchaus ehrgeizig. Wenn man sich mal an volle Konzertsäle gewöhnt hat, ist man beleidigt, wenn plötzlich weniger Leute kommen», so Mittag. Aber wieso kommen immer so viele? Mittag weiss es nicht. «Es scheint den Leuten zu gefallen», sagt er. Als Jack Stoiker hat er nur eine CD veröffentlicht. 1999. «Hällwach» heisst sie und ist längst vergriffen. Trotzdem hat er seit damals durchaus regelmässig gespielt und das Publikum konnte die Stoiker-Hits wie «Wa chönd d’Vögel deför» und «Uf em Liintuech» immer besser mitsingen. Während bei frühen Konzerten die Leute manchmal noch davongelaufen sind, bleiben sie mittlerweile länger. Die Schweizer Musikszene, zu der sich Daniel Mittag überhaupt nicht zugehörig fühlt, hat ihn mit einer Tribute-Platte gehuldigt. Musiker wie Baze, Dabu Fantastic und auch Satiriker Frank Baumann nahmen sich eines Stoiker-Songs an. Bei der Plattentaufe in einem ehemaligen Zürcher Sex-Kino unterbrach die Polizei einen Auftritt von Mittag. Es waren zu viele Leute im Raum. Jack Stoiker, das gibt Mittag zu, war «schon ein bisschen ein Trash-Projekt». Etwa 70 Prozent seien Blödelei gewesen und etwa 30 Prozent Botschaft, schätzt er. Heute mit Knöppel haben sich die beiden Zutaten prozentual angenähert. «Fünfzig-Fünfzig ist es», sagt Mittag entschlossen. Es ist eben dieses «sympathische Clevere», das viel von seinem Charme ausmacht. In «Faszination Glied» geht es zwar eigentlich ständig um Glieder, Penisse und Genitalien, aber eigentlich ist es nie schlüpfrig. Auch beim erwähnten «I tenk bim Wichse as Wichse» geht es eben nicht um Onanie, sondern um das Bodenwichsen. Das macht das Mitsingen – eigentlich eher Mitgröhlen – deutlich weniger pubertär, also zumindest ein bisschen. «Texte zu schreiben ist schon richtige Arbeit», sagt Mittag. Punk ist das Gegengift zum Bürojob Er wolle eben nicht «plumpes Hingerotze und Schwanzgewitzle», sondern mindestens einen zusätzlichen Twist, der auch die etwas weniger niederen Instinkte kitzelt. Und so wird aus dem Glied ein Stehaufmännchen, es wird zum Symbol dafür, dass es auch nach dunklen Tagen wieder nach oben geht. Das ist pubertärer Humor, geschrieben mit der Lebensweisheit eines Mannes in den späten Vierzigern. Mittag sang auch schon mal über Depressionen und tragische Liebe. Ein «Gegengift» sei das Musik machen, sagt Mittag. Das Gegengift zu seinem Bürojob als Informatiker und das Gegengift zur Familie. Er könne beim Texten und Gitarrespielen abschalten. Mittlerweile übe er auch tatsächlich. «Wenn ich den Text vergesse, war das früher lustig, heute finde ich das nur noch peinlich.» Heute Freitag erscheinen gleich zwei neue CDs von Mittag. Die bereits erwähnte «Faszination Glied» von Knöppel und «Moorge!», eine Liveplatte von Jack Stoiker. Es sei Zufall, dass beide gleichzeitig erscheinen, «sie sind halt gleichzeitig fertig geworden», sagt Mittag. Bei Daniel Mittag passieren die Dinge einfach. Das ist auf eine sympathische Art sympathisch.

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