Jazz
Basler Label hebt Jazz-Schätze aus den bewegten 60er-Jahren

Werner X. Uehlinger hat den freien Jazz der 1960er Jahre miterlebt. Jetzt bringt er auf seinem Label "ezz-thetics" Prunkstücke von damals in neu revidierten Aufnahmen heraus.

Pirmin Bossart
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Der grosse Saxofonist Archie Shepp kann man auf dem Basler Label "ezz-thetics" erleben.

Der grosse Saxofonist Archie Shepp kann man auf dem Basler Label "ezz-thetics" erleben.

Fritz Muri / Neue Luzerner Zeitung

Albert Ayler, Cecil Taylor, Archie Shepp, Marion Brown, Sun Ra: Die grossen Namen des Free Jazz. Wer erfahren will, wie radikal und grenzenlos diese amerikanischen Musiker in den 1960er Jahren ihre Musik gespielt haben, findet auf «ezz-thetics» des Produzenten Werner X. Uehlinger reichlich Nährstoff. Der Gründer und Inhaber von Hat Hut Records hat 2019 die neue Label-Serie gegründet, um seine Leidenschaft für diese kompromisslose Musik mit anderen zu teilen. Ein Schwerpunkt der Label-Serie sind Aufnahmen aus den 1960er Jahren.

Die Originalzeit erlebt

Im Unterschied zu vielen Jazzfans, die sich heute für diese Umbruchszeit des Jazz und ihre Alben begeistern, hat der heute 85-jährige Uehlinger die «Originale» selber miterlebt. «1953 war ich 18 Jahre alt. Mein Vater schenkte mir einen Plattenspieler und eine Platte von Charlie Parker.» Es war eine Initialzündung. Später traf sich Uehlinger mit seinen Basler Freunden im «Hot Club», wo Jazz-Platten gehört, diskutiert und Vorträge gehalten wurden. Der Schwerpunkt war alter Jazz, doch auch die neuen Strömungen fanden die ersten Liebhaber.

Anfangs der 1960er Jahre liess sich Uehlinger von Cecil Taylor irritieren. «Ich gebe zu, dass ich damals etwas Zeit brauchte, um mich mit dieser Musik anzufreunden. Ich musste mich rein arbeiten.» Das ist auch schon der Schlüssel, was anspruchsvolle Musik, die nicht gleich angenehm ins Ohr schlüpft, leisten kann. Sie fordert heraus, öffnet überraschende Zugänge, zeigt neue Wege auf. Uehlinger war damals in der Marketing-Abteilung bei der Sandoz beschäftigt. «Es war eine Zeit, die von mir viel Kreativität und Auseinandersetzung abverlangte. Diese Prozesse entdeckte ich auch in der Musik. So wurde sie zu einer inspirierenden Begleiterscheinung zu meinem Beruf.»

Ein vom Jazz begeisterter Basler brachte nach einem Arbeitseinsatz in New York Adressen von Exporteuren mit. «Jetzt konnten wir die Neuerscheinungen direkt importieren. Alle paar Wochen kam ein Paket aus dem USA mit den neusten Jazz-Schallplatten.» Eine bahnbrechende Platte für Uehlinger war «ezz-thetics» des George Russell Sextetts (1961) mit dem Saxophonisten Eric Dolphy. «Sie ist für mich ein geniales Bindeglied zwischen der klassischen und der modernen Spielweise.» Und sie gab dem neuen Label seinen Namen.

Alte Aufnahmen werden optimiert

Aufgrund des Schweizerischen Urheberrechts bleiben Tonträger-Aufnahmen, die bis 1969 erschienen sind, nur 50 Jahre lang geschützt. Ab 1970 gilt eine Dauer von 70 Jahren. Damit sind die Alben der 1960er-Dekade «public domain» und können von Uehlinger frei herausgegeben werden. Mit dem erfahrenen Soundtechniker Peter Pfister hat er einen ausgezeichneten Kenner der Materie als Partner, mit dem Uehlinger seit 1978 zusammenarbeitet, Pfister ist für die sorgfältige Aufbereitung der alten Aufnahmen zuständig , die dann unter dem Titel «Revisited» als CD herauskommen.

«Wir wählen jeweils die besten Aufnahmen aus, die auf dem Markt vorhanden sind», sagt Uehlinger. «Dann geht Peter Pfister daran, mit seinem Know How die Aufnahmen so perfekt wie möglich klingen zu lassen.» Herausfordernd sind Konzertaufnahmen, die nur mit einem Mikrofon aufgenommen wurden. Aber auch hier hat Pfister schon bemerkenswerte Optimierungen erreichen können.

In den nächsten Monaten werden in der Revisited-Reihe Aufnahmen von Paul Bley, Don Cherry, Eric Dolphy oder Alan Shorter erscheinen. Ebenfalls Aufnahmen des weitgehend unbekannt gebliebenen englischen Pianisten Mike Taylor, der 1969 in der Themse tot aufgefunden wurde. Als Bassist mit dabei: Jack Bruce von der Rockgruppe Cream.

Aktuelle CDs auf ezz-thetics: Archie Shepp: Blasé and Yasmina, Cecil Taylor: Mixed to Unit Structures; Charlie Parker: Bebop Live.