Jazz und Zen
Der Zürcher Pianist Nik Bärtsch ist ein Grenzgänger und Anhänger der Zen-Kultur

Nach jahrelanger Praxis mit verschiedenen Bands hat Nik Bärtsch eine eigene Sprache entwickelt. Sein Soloalbum «Entendre» ist funkelnder Beweis dafür.

Pirmin Bossart
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Jazzmusiker und von Zen begeistert: Nik Bärtsch.

Jazzmusiker und von Zen begeistert: Nik Bärtsch.

Bild: Christian Senti

Mit seinen langjährigen Bands Ronin und Mobile hat Nik Bärtsch seine «Ritual Groove Music» zu einem Markenzeichen entwickelt und sie auch international zum Erfolg gebracht. Das Zen-Funk Quartett Ronin verschränkt Struktur, Groove und Klang in pulsierende Kompositionen, die auch im Club oder auf der grossen Bühne funktionieren. Mit dem akustisch-kammermusikalisch ausgerichteten Trio Mobile bringt Bärtsch seine streng konzipierte Musik vorzugsweise in einem multimedialen Setting zur Wirkung.

Ob diesen Bandaktivitäten, in denen Bärtsch immer als Teil des Ganzen funktioniert, konnte manchmal vergessen gehen, dass dieser Komponist und Musiker nicht nur ein ästhetischer Konzeptionalist, sondern auch ein Pianist ist, der etwas zu sagen hat. Das bestärkt sein aktuelles Soloalbum «Entendre» mit wunderbarer Transparenz. Auf der Grundlage von moderner klassischer Musik, Minimal Music und jazznahen Grooveaspekten bewegt sich Bärtsch mit ­seinen Kompositionen in einem eigenen Stilkosmos, den er mit Präzision und einer grossen Leichtigkeit durchmisst.

Er ist neben Europa auch in den USA und Indien gefragt

Es ist erfrischend zu hören, wie dieser Pianist mit klarer Präsenz aus seiner langen Erfahrung schöpft. Er nimmt uns mit in das Innere seiner Musik, ins Zentrum des Hörens. In den letzten Jahren hatte er wieder vermehrt Solokonzerte gegeben, sowohl in Auditorien in Europa oder in den USA als auch an ungewöhnlicheren Orten in Ländern wie Ägypten, Iran oder Indien. In London und Mannheim performte er mit der visuellen Künstlerin Sophie Clement, wo er als Teil einer Installation in einem Tank mit Wasser spielte, umgeben von Lichtskulpturen.

All diese Erfahrungen haben seine Haltung im Solospiel weiterentwickelt. «Mit dem Solo­album wollte ich zeigen, wo ich heute als Pianist stehe, ohne meine eigenen Bands zu konkurrenzieren», sagt Bärtsch. Sowohl für Ronin und Mobile wie auch für den Solisten bilden Module die Ausgangspunkte für die musikalischen Prozesse. Die nummerierten Module sind kleinste kompositorische Einheiten, die radikal ausgelotet, variiert und zur Klarheit gegoren werden.

Klassik und Jazz hätten ihm zu enge Grenzen gesetzt

Als Solist verfolgt Bärtsch einen Dreiklang von Komposition, Interpretation und Improvisation, wie er auch in seinen Bands eine Leitlinie ist. «Ich konnte mich mit der Trennung dieser drei musikalischen Haltungen nie richtig anfreunden.» In der klassischen Musik nur der Komposition zu dienen, war ihm ebenso zu eng, wie im Jazz immer sofort in die Improvisation auszubrechen. «Als Komponist und Performer suchte ich eine Mischung, die mit einem eng begrenzten Material umgeht und gleichzeitig die Freiheiten auskostet, die dadurch möglich werden.»

Für Bärtsch nähren sich Komposition, Interpretation und Improvisation aus der gleichen Quelle. «Auf dem Solo­album zeige ich, wie wichtig es ist, diese integrativ und nicht trennend zu verwenden.» Als komponierte Kerne öffnen die Module auch Wege, frei damit umzugehen. Es ist die Freiheit, die nicht das Unendliche braucht. «Die Vielheit überfordert. Ich sehe die Freiheit in der Beschränkung. Kreative Köpfe haben immer viele Ideen. Aber gute Kunst ist bedingungslos klar. Das erfordert eine Entscheidung für wenige Sachen, die man umso intensiver aus­lotet. Dann entsteht ein ungeheurer Reichtum an Möglich­keiten.»

Nik Bärtsch: Entendre, ECM, CD/Vinyl, 2021

Nik Bärtsch: Entendre, ECM, CD/Vinyl, 2021

Auf «Entendre» ist ein so ­fokussierter wie mit grosser Leichtigkeit spielender Bärtsch zu hören. Er verbindet die Groovemechanik der repetitiven Flow-Patterns mit melodischen Verschiebungen, kraftvollen Akzenten, poetischen Momenten und Space. Das ist virtuoses Handwerk, aber auch musikalisch auf den Punkt gespielt. Es wird spürbar, was diesen Bärtsch im Innersten zusammenhält und was für eine eigene Sprache er gefunden hat. Er hat über Jahre seine Module so verinnerlicht und transformiert, dass sie ihn wie befreit haben.

Bärtsch ist fasziniert von der japanischen Zen-Kultur

Die musikalische Haltung von Bärtsch wird auch von seinem Interesse für die japanische Kampfkunst und die Zen-Kultur gespiesen. Es ist eine Praxis der Aufmerksamkeit, die sich nicht im Vielen des Möglichen verliert, sondern reduziert, klärt, die Essenzen herausschält. Darüber hat Bärtsch auch ein Buch geschrieben, in dem er die Zusammenhänge von Körper und Geist in der Musik und in der Kampfkunst beschreibt. Es wird im Mai unter dem Titel «Listening: Music-Movement-Mind» zusammen mit der Vinylausgabe von «Entendre» erscheinen.

Konzentriert und entspannt sei er im September 2020 ins Studio RSI in Lugano gegangen, sagt Bärtsch. «Ich war bereit, zu akzeptieren, was da kommt.» Der ausgewählte Flügel, der akustisch einmalige Raum und die subtilen Impulse von Produzent Manfred Eicher hätten ihn in Flow gebracht. In einer Performancesituation müsse noch etwas mehr passieren, als gut zu spielen, lautet sein Credo. «Es geht nicht darum, abzuliefern, was man auf einem hohen Niveau kann, sondern sein eigenes Können zu transzendieren.» Auf «Entendre» ist er seinem Anspruch so nah wie noch nie gekommen.

Nik Bärtsch: Listening. Music-Movement-Mind, 340 Seiten, 160 Illustrationen, Larx-Müller-Publishers (erscheint im Mai 2021)