Theater
Kein Turm für die Ewigkeit

Alain Berset hat auf dem Julierpass die spektakuläre Spielstätte des Origen-Festivals eingeweiht. Intendant Giovanni Netzer betonte bei dem Festakt die Vergänglichkeit des Baus

Christian Ruch
Merken
Drucken
Teilen
Fantastische Akustik inmitten von Holz: Der Theaterturm auf dem Julierpass.key

Fantastische Akustik inmitten von Holz: Der Theaterturm auf dem Julierpass.key

KEYSTONE

Eine illustre Gästeschar hat sich am Montagnachmittag im gecharterten Postauto auf den Julierpass chauffieren lassen, um dort der feierlichen Einweihung von Origens Theaterturm beizuwohnen. Auch Bundesrat Alain Berset erwies dem ungewöhnlichen Bau seine Reverenz.

Das Projekt eines Theaters auf der Julierpasshöhe hatte Origen-Intendant Giovanni Netzer erstmals Anfang 2016 vorgestellt. Im Turm soll in den nächsten Jahren Kultur auf buchstäblich höchstem Niveau geboten werden, ehe er dann wieder verschwinden und nur noch in der Erinnerung existieren wird. Angesichts der spektakulären Verwirklichung dieser Idee kann es nicht verwundern, dass neben zahlreichen Politikern und Kulturinteressierten aus der Region auch der Schweizer Kulturminister Alain Berset an dem Anlass Präsenz markierte.

Neues Gästesegment erschliessen

Der Bündner Standespräsident Michael Pfäffli würdigte Netzer, indem er ihn in eine Reihe mit Visionären wie dem Tourismus- Pionier Johannes Badrutt oder dem Vater der Rhätischen Bahn, Willem Jan Holsboer, stellte. Welche grosse Bedeutung das Projekt für die Region hat, machte Leo Thomann als Präsident der Standortgemeinde Surses deutlich. Angesichts der Herausforderungen im Tourismus gelte es die Chance zu nutzen, das an hochstehender Kultur interessierte Publikum als neues Gästesegment zu erschliessen – dies auch und gerade in der Zwischensaison.

Wie Giovanni Netzer selbst ausführte, ist seine Idee an den legendären Turm zu Babel angelehnt. Dort, in der Hochkultur Mesopotamiens, sei das Theater erfunden worden. Aber auch das Heimweh, das die nach Babylon verschleppten Juden ebenso empfunden hätten wie in späteren Zeiten die Bündner Wirtschaftsmigranten, die als Zuckerbäcker in die weite Welt zogen.

Natürlich stehe der Turmbau zu Babel auch für das Scheitern einer visionären Idee, doch wer das Risiko des Scheiterns scheue, habe bereits verloren. Die Schweiz brauche kreative Aufbrüche, die scheitern dürften, so Netzer. Augenzwinkernd meinte er, dass sich Bundesrat Berset mit dem roten Koloss kein Denkmal setzen könne, sei doch dessen Lebenszeit angesichts des Wind und Wetter ausgesetzten Holzes auf maximal vier Jahre angelegt. Den Bergen rund um den Turm sei es allerdings egal, wie lange der Turm stehe. So sei der Julierpass ein guter Ort, um über die Vergänglichkeit wie etwa die vergängliche Episode der Menschheit nachzudenken.

Verschwinden ist nur konsequent

Aus diesen Worten sprach zweifellos der Theologe Giovanni Netzer, der aufgrund seines Wissens um den eschatologischen Vorbehalt menschlicher Existenz vor der Hybris gefeit ist, sich vermeintliche Denkmäler für die Ewigkeit zu setzen. Insofern ist das Verschwinden des Turms in ein paar Jahren, so sehr man es vielleicht bedauern wird, nur konsequent.

Netzers Worte fanden ebenso lebhaften Beifall wie die Ausführungen von Bundesrat Berset sowie die Darbietung des Star-Tänzers Sergei Polunin und die Kostproben aus Gion Antoni Derungs szenischem Oratorium «Apocalypse». Es wird in den nächsten Tagen im Theaterturm präsentiert. Dies, wie man an der Einweihungsfeier feststellen konnte, mit einer fantastischen Akustik, die man diesem ephemeren Holzturm nicht unbedingt zutrauen würde.