Keine Zensur möglich
Wegen Damenslip-Szene: Der erste arabische Spielfilm auf Netflix löst in Ägypten einen Skandal aus

Das Kino lässt sich kontrollieren, Netflix nicht. Eine Szene aus der arabischen Version der Serie «Fremde Freunde» löst in den Sozialen Medien derart viele Reaktionen aus, dass ein ägyptischer Parlamentarier gar die Sperrung von Netflix verlangt.

Susanna Petrin
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Darsteller des arabischen Netflix-Films «Fremde Freunde». Vorne im blauen Kleid, die angefeindete Mona Zaki.

Darsteller des arabischen Netflix-Films «Fremde Freunde». Vorne im blauen Kleid, die angefeindete Mona Zaki.

Bild: Netflix

Mit den Filmen ist es in Ägypten wie mit den Frauen: Die Ausländerinnen dürfen sich so einiges mehr erlauben als die Inländerinnen. Eine Ausländerin darf sich am Strand im Bikini sonnen, eine Araberin würde dabei schnell mal als Prostituierte beschimpft. Ein ausländischer Film darf Sex und Drogen thematisieren, ein einheimischer Film desselben Inhalts gilt als gesellschaftliche Bedrohung. So ist paradoxerweise der Film, der dieser Tage in Ägypten als Skandal gehandelt wird, fast genau derselbe Film, der vor gut fünf Jahren am internationalen Filmfestival in Kairo den Preis für das beste Drehbuch bekommen hat: «Fremde Freunde».

Das italienische Original ist seit seinem Erfolg von 2016 in rekordhohe 19 andere Länder und diverse Sprachen übertragen worden; angepasst werden lediglich der Handlungsort, die Namen, die Schauspieler – und was sie essen. Der Rest folgt demselben Drehbuch: Sieben Freunde treffen sich zu einem Abendessen und legen in einem grausamen Spiel alles offen, was über ihre Mobiltelefone so hereinkommt. Zu Tage kommen nun all ihre Geheimnisse: Brustoperation, Psychotherapie, virtuelle Affäre, Ehebruch, Homosexualität, bewilligter, vorehelicher Sex der Tochter.

Hasstiraden gegen beliebte Schauspielerin

All das ist mehr oder weniger «Haram» in Ägypten, Sünde. Neu an der jüngsten, arabischen Adaption des Films ist deshalb die Hysterie, die er im islamischen Land verursacht. Konservative Politiker, Juristen, Fernsehmoderatoren und Religionsführer befürchten in aufgeregten öffentlichen Ansagen, der Film führe zu einem Zerfall der Werte. Ein Anwalt möchte den Film wegen «Förderung von Homosexualität» verklagen, ein Parlamentarier verlangt die Sperrung von Netflix, die User sozialer Medien überbieten sich mit ihren Hasstiraden.

Am heftigsten wird die berühmte ägyptische Schauspielerin Mona Zaki attackiert. Sie dürfte der Hauptgrund dafür sein, warum der im Libanon spielende, von Schauspielern aus mehreren arabischen Ländern getragene Film nur in Ägypten als hauseigenes Problem angesehen wird. Zaki war bisher dafür bekannt, dass sie in sogenannt «reinem Kino» spielt; lieb, lustig, jugendfrei. In «Perfekte Freunde» trinkt sie Alkohol, betreibt Sexting und – zum sich daran aufgeilenden Entsetzen Tausender von Sittenwächtern – zieht ihren Slip unter dem Rock hervor, um ihn eilig in die Handtasche zu stopfen. Eine Szene, die nun zehntausendfach in den sozialen Medien geteilt wird.

Misogynie hält der ägyptische Filmkritiker Adham Youssef für das eigentliche Problem: «Männliche Schauspieler können sich im arabischen Raum viel mehr erlauben als weibliche», sagt er:

«Es stört keinen, wenn Männer anzügliche Witze reissen. Aber wenn eine Schauspielerin sich ein wenig frivol gibt, dann drehen alle durch.»

Die Konservativen beklagten, dieser Film beschädige die Sitten des Landes. «Dabei gibt es in Realität viele Frauen, die vergewaltigt, angezündet oder gar getötet werden. Doch darüber wagt niemand zu sprechen.»

Regierung geht hart gegen Homosexuelle vor

Das grösste Tabu, das der Film anspricht, ist Homosexualität. «In vielen arabischen Filmen werden Homosexuelle als gefährlich und gestört dargestellt. Hier ist er ein normaler, sympathischer Mensch», sagt Adham Youssef – und das dürfe und könne nicht sein. Youssefs Berufskollege, Filmkritiker und Kurator Joseph Fahim, hält zwar fest, dass es einige ägyptische Filme mit zumindest nicht unsympathischen schwulen Charakteren gebe, doch jene seien schon etwas älteren Datums. «Die jetzige Regierung geht besonders hart gegen Homosexuelle vor. Sie toleriert nichts, das sich mit ihrem patriotischen, idealisierten Bild Ägyptens nicht verträgt.»

Seine Mutter erinnere sich noch, wie 1969 im Film «Mein Vater ist auf dem Baum» das Publikum die vielen Kussszenen mitgezählt habe, erzählt Adham Youssef. Bis zu Beginn der 80er-Jahre sei viel mehr möglich gewesen, bestätigt Joseph Fahim:

«Heute geniessen hiesige Filmemacher keine künstlerische Freiheit mehr.»

Im ägyptischen Kino gibt es keinen Sex. Ausländische Filme werden nur zensuriert gezeigt. So konnte man den «Wolf der Wall Street» in Kairo in Rekordzeit absolvieren – zum Amüsement vieler. «Perfekte Freunde» könnte in ägyptischen Kinos gar nicht spielen. «Doch was Netflix bereitstellt, ist ausserhalb der Kontrolle der Behörden», sagt Joseph Fahim, umso grösser sei die Angst vor den Einflussmöglichkeiten des beliebten Streamingdiensts. Verschwörungstheorien gegen Netflix als homosexuelle Propagandamaschine seien im Trend. Dabei habe Netflix den Film gar nicht selber produziert, sondern erst letzten Dezember einigen arabischen Firmen abgekauft.

Jospeh Fahim befürchtet, «dass bei dieser Debatte die Chauvinisten gewinnen». Adham Youssef sieht es etwas ­optimistischer: «Das Positivste an dieser ganzen Kontroverse ist, dass viele Frauen sich öffentlich mit Mona Zaki solidarisiert haben.»

Hier gehts zum Trailer:

(Nur arabisch)

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