Kultur

Kinderstücke auf der Bühne: alle Jahre wieder weichgespielt

Dieser Jäger kann nur im Internet schiessen: Szenenbild aus «Schneewittchen Beauty Queen».

Dieser Jäger kann nur im Internet schiessen: Szenenbild aus «Schneewittchen Beauty Queen».

Immer im Advent bringen die Theater Kinderstücke auf die Bühne. Doch warum kommen die so oft betulich daher?

«Ja, was weiss denn ich?», ruft der ­entnervte Märchenerzähler von der ­Zürcher Pfauenbühne in die Kinderschar. «Märchen... Alle wollen immer nur, dass ich ihnen irgendwas vom ­Drachen, Prinzen oder Pferd erzähle. Aber ich sag euch was: Ich erzähl euch einen Scheissdreck.» Sagts und klappt das dicke Märchenbuch zu, dass der Staub der alten Zeit nur so durch die Luft wirbelt. Der Märchenerzähler befindet sich in Nicolas Stemanns «Schneewittchen Beauty Queen» (siehe Text unten), und dieses Stück hält wenig von der alljährlichen Tradition, Kindern um die Weihnachtszeit verstaubte Geschichten zu erzählen, die wenig mit ihrer Lebenswelt zu tun haben.

Alle Jahre wieder rufen die grossen Stadttheater «Ihr Kinderlein, kommet, oh kommet doch all» und locken eine Heerschar Kinder in ihre traditionellen Weihnachtsvorstellungen. Ein Brauch, der sich bei einzelnen Theatern weit zurückverfolgen lässt. So hat das Theater Biel bereits 1931 sage und schreibe ­ 31 Aufführungen der Märchenopern «Hänsel und Gretel» und «Die Königskinder» von Humperdinck programmiert. Und nach wie vor sind diese mit ganzen Schulklassen gefüllten Vorstellungen ein wichtiger Posten für die Stadttheater, um zu Jahresende noch etwas Geld in die Kasse zu spülen.

Davon abzuweichen, ist riskant. Denn auch wir Älteren haben es nicht anders gelernt, dass solche Aufführungen betulich, unterhaltsam und heimelig sein sollen. Am Vorarlberger Landestheater in Bregenz gab es im letzten Jahr einen Aufschrei, das Kinderstück «Oliver Twist» sei zu brutal. Es kamen über 5000 Zuschauer weniger.

Gutes Kindertheater hat mit Haltung zu tun

Darf man in einem Kinderstück mit einer Pistole auf der Bühne rumfuchteln? Darf man Armut und Elend zeigen? Darf man einen Witz über Amokläufer reissen wie Stemann? Man darf. Warum denn nicht? Woher kommt denn diese Angst, Kinder müssten alles verstehen, was auf der Bühne passiert? Auf der Bühne passiert das Leben, und das Leben ist – gerade für Kinder – ein grosses Rätsel, und sie sind mittendrin.

«Gutes Kindertheater hat mit Haltung zu tun», sagt Kulturvermittlerin Gunhild Hamer. Es gebe Inszenierungen, die sich am künstlerischen Weg orientieren, gesamthaft und auf ­verschiedenen Ebenen fordernd. Und dann gebe es Inszenierungen, die eher auf Bespassung aus seien. Denn auch im Theater hält die Kommerzialisierung Einzug, das Kind wird als Konsument mit weichgespülten Angeboten umgarnt. «Ich finde, man sollte Kinder durchaus fordern. Man sollte ihnen mehr zutrauen, als ihnen zugetraut wird», sagt Hamer. Kinder seien sehr fähig, die Geschichten über dieses ­Heile-Welt-Bild hinaus zu begreifen.

Nun ist es ja nicht so, dass nur in Zürich gutes Kindertheater gemacht wird. Aber Nicolas Stemann ist das radikalste, packendste gelungen. Und vielleicht läutet sein «Schneewittchen Beauty Queen» ja eine Zeitenwende ein.

Kinderstücke in der Adventszeit - die besten aus Bern, Basel, St.Gallen, Luzern und Zürich


Theater Bern - Auch Flöhe juckt der Klimawandel

Der Kampf fürs Klima beginnt im Kleinen. Franz Hohlers «Cengalo, der Gletscherfloh» verlegt die Klimadebatte in den Mikrokosmos einer Gletscherflohfamilie, der die Höhle wegschmilzt. Nachdem seine Kinder ihn über die Folgen des Klimawandels aufgeklärt haben, nimmt es Gletscherfloh-Vater Cengalo, Hausmann und Musiker, in einem Songcontest mit einem mit Starkstrom musizierenden Klimaleugner-Floh auf. Doof nur, dass am Konzert Theater Bern die belehrenden Kinder von erwachsenen Darstellern gespielt werden. Das Eis schmilzt erst, als in der musikalisch von Sibylle Aeberli (Schtärneföifi) begleiteten Inszenierung (Regie: Meret Matter) Naturgewalten mitreissend zu singen beginnen. Julia Stephan

Cengalo, der Gletscherfloh Konzert Theater Bern. Ab 6 Jah­ren. 16./17./18./19.12. u. v. m.

Theater Basel - Schellen-Ursli als Opernheld

Wer zu spät kommt, kriegt die kleinste Schelle. Und muss im Engadin beim «Chalandamarz» zuhinterst im Umzug marschieren. Aber nicht Ursli, denn er weiss: Oben im Maiensäss, da hängt noch eine Glocke, grösser als alle ande- ren. Der Bündner Kunstmaler Alois Carigiet und die Autorin Selina Chönz schufen 1945 dieses inzwischen weltberühmte und von Xavier Koller kürz- lich verfilmte Kinderbuch. Komponist Marius Felix Lange hat eine musikalisch reizvolle Opernversion für sechs Kinderstimmen geschrieben. Nur Mama und Papa und die unheimliche bis lächerliche Figur des Winters sind «richtige» Opernsänger. Tim Jentzen hat die Geschichte am Theater Basel liebevoll, mit einem Schuss Poesie kindergerecht angerichtet. Reinmar Wagner

Schellen-Ursli Theater Basel, ab 6 Jahren. Fast täglich bis 7. Januar 2020.


Opernhaus Zürich - Knöpfe sind kein Ersatz für Augen

Anderwelt Coraline, nicht Caroline – immer verwechseln alle ihren Namen. Die Titelheldin der gleichnamigen Oper langweilt sich schrecklich. Die Eltern haben keine Zeit, die Nachbarn sind alle verrückt, und es regnet dauernd. Die geheime Tür zur Anderwelt ist verlockend, denn dort gibt es eine kümmernde Andermutter und Spielsachen ohne Ende. Doch anstatt Augen bekommt man Knöpfe. Coraline will das nicht und muss über sich hinauswachsen, bis sie wieder in ihr richtiges Zuhause kommt. Die Inszenierung im Opernhaus Zürich (Regie Nina Russi) kommt flott daher, das Bühnenbild zeigt, was technisch auf einer Opernbühne möglich ist. Doch Anderwelt und reale Welt gleichen einander, auch musikalisch. Das Unheimliche dürfte ruhig unheimlicher sein. Julia Nehmiz

Coraline Opernhaus Zürich, ab 8 Jah- ren. 10./13./14.12.. Weitere Vorstellungen 2020.

Schauspielhaus Zürich - Schräg, schräger, Schneewittchen

Das Weihnachtsmärchen am Schauspielhaus Zürich kommt alles andere als betulich daher. «Schneewittchen Beauty Queen» ist ein wilder, anarchischer Ritt quer durch alle Kinderzimmerklischees, Weltkrisen und Gesellschaftsprobleme. Man staunt, wie verdammt aktuell die alten Märchen sind, in denen eben dann doch die «wirkliche Wahrheit über die Welt» verhandelt wird. Stemann hat in die alten Vorlagen alles hineingepackt. Schneewittchen und Rotkäppchen und sechs (oder sieben) Zwerge, dazu Schönheitswahn, entwürdigende Castingshows, Klimawandel, Veganismus, Gender, Ausbeuterkapitalismus, Angst vor Überfremdung – und es ist ein unfassbar grosser, tiefer Spass.
Julia Nehmiz

Schneewittchen Beauty Queen Schauspielhaus Zürich, ab 8 Jahren. 22./26./29.12. Fassung für Erwachsene: 10./26.12.


Theater St.Gallen - Sich von der Fantasie entführen lassen

Das Mädchen im Matrosenkleid protestiert, warum wird sie denn von diesen komischen Figuren auf die Bühne getragen? Sie will das doch gar nicht, und Alice heisse sie auch nicht. Anja Horsts Fassung von «Alice im Wunderland» für das Theater St. Gallen beginnt mit einer Entführung: Eine Art Appell, sich einfach mal von der Fantasie wegtragen zu lassen. Denn die besten Geschichten erlebt man im Spiel. Alice trifft auf Raupe, Hase, Hutmacher, Königin – es dauert, bis die Inszenierung in Schwung kommt. Klar, wer sich in der Fantasie treiben lässt, der hat kein Ziel, keinen Auftrag. Alice meistert aber jede schräge Begegnung. Mit liebevoll-knalliger Ausstattung wird das «Wunderland» zum Leben erweckt. Doch in die Tiefe geht es nicht so wirklich. Julia Nehmiz

Alice im Wunderland Theater St. Gallen, ab 5 Jahren. 22./24./26./30.12. u.v.m.


Luzerner Theater - Für das Gespenst wird die Nacht zum Tag

Das kleine Gespenst lebt den Teenager-Traum: Die Nacht wird zum Tag und der Tag zur Nacht. Aber dieses kleine Gespenst ist dummerweise kein Teenager, sondern eben ein Gespenst. Und da die Geisterstunde aus unerklärlichen Gründen von Mitternacht auf Mittag verlegt wurde, wird es immer trauriger und immer trauriger. In der Inszenierung von Dóra Halas und Fruzsina Nagy am Luzerner Theater wird der Stoff von Otfried Preussler multimedial aufgearbeitet. Der Geist spukt via Projektion und auch schon verwandelt der Beamer die Kulisse immer wieder. Dazu ist es ein buntes Kostümfest mit viel Gesang und nicht allzu viel Geschichte. Über weite Strecken ist es ein grosses Vergnügen und vor allem für Kinder ein Entdeckerfestival. Michael Graber

Das kleine Gespenst Luzerner Theater, ab 6 Jahren. Bis 19. Januar.

Autor

Julia Stephan

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