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Klingende Tour de Suisse: sechs aussergewöhnliche Klassik-Neuerscheinungen

Schweizer Musiker und Musikerinnen trotzen der Corona-Krise, zeigen sich auf Aufnahmen: Mal mit Klassikern, mal mit Raritäten, bald mit Neuer, bald mit Alter Musik.

Schweizer Musiker und Musikerinnen trotzen der Corona-Krise, zeigen sich auf Aufnahmen: Mal mit Klassikern, mal mit Raritäten, bald mit Neuer, bald mit Alter Musik.

Die Konzertsäle sind zu, die Stille drückt: Schweizer Musiker und Musikerinnen produzieren zum Glück emsig CDs. Ein kleiner Rundgang zeigt die riesige Bandbreite.

Abends um 18.30 Uhr ists am schlimmsten. Dann frage ich mich jeweils, ob das weisse oder das hellblaue Hemd passender wäre, ob ich in die Oper oder ins Konzert soll. Und fünf Minuten später stehe ich im Homepullover in der Küche und hacke Zwiebeln, denke wehmütig daran.

Um nicht ganz zu verstummen, wühlt sich unsereins zum Nachtisch durch den Berg der CD-Neueingänge, kommt aber vor lauter Eifer der Künstler gar nicht mehr nach mit dem Hören und Einordnen, schafft es nicht mal, wenn allein ein Ohr auf Schweizer Produktionen gelegt wird. Eine um die andere CD ist Ende 2020 und Anfang 2021 erschienen: Vom Solorezital bis zum Orchesterstück, Neue wie Alte Musik, sogar eine Kinderoper ist dabei. Von einem Teil dieser Schweizer Glanztaten ist im Folgenden die Rede.

Beethoven-Abgründe oder englische Harfen-Rarität?

Da ist etwa der tollkühne Pianist Fabrizio Chiovetta. Er trat zum Ende des Beethovenjahres 2020 mit nichts Geringerem als den drei letzten Sonaten Beethovens hervor. Aber tollkühn nennt Chiovetta nur, wer ihn nicht kennt. Der 1976 in Genf geborene Pianist mit italienischen Wurzeln hat seit 2009 eine Vielzahl aussergewöhnlicher Aufnahmen eingespielt: als Solist, als Liedbegleiter und als Kammermusiker.

Chiovetta spielt seinen modernen Steinway sehr virtuos, bisweilen aber nobel verhalten, vielleicht die historischen Instrumente seines Lehrers Paul Badura-Skoda im Kopf. Wie auch immer: Chiovetta macht uns Hörer und Hörerinnen zu Beethoven-Denkern und Beethoven-Übersetzern.

Bei so viel Rezeptionsballast tut es gut, auch unbekannte Musik zu hören. Ideal dafür ist eine CD mit Musik des Engländers John Thomas (1826–1913). Das Harfen-Klavier-Duo Praxedis – Praxedis Hug-Rütti und Tochter Praxedis Geneviève Hug – widmet ihm eine komplette CD.

Das Schweizer Duo wählte dafür tolle Originalkompositionen des Harfenvirtuosen aus und mischte eine Handvoll seiner kunstvollen Bearbeitungen berühmter Werke anderer Komponisten darunter. Hochvergnüglich ist es, mit den zwei Musikerinnen sich in einen englischen Salon zu denken, wo das Feuer des 19. Jahrhunderts klanglich munter lodert. Es ist der erste Teil einer Einspielung aller Duos von John Thomas für Harfe und Klavier.

Welchen Sinn für Bühnendramatik er hat, zeigte David Philip Hefti (*1975) mit der Oper «Annas Maske» am Theater St. Gallen, der ein Libretto des Schriftstellers Alain Claude Sulzer zugrunde lag. Im Auftrag der Tonhalle-Gesellschaft Zürich schuf er 2018 ein zweites Bühnenwerk. Die «Schneekönigin» basierte erneut auf einer literarischen Vorlage, diesmal vom Märchenmelancholiker Hans Christian Andersen.

Die halbszenische Uraufführung wurde mitgeschnitten. Zu hören ist ein packendes Musiktheater mit einem tollen Tonhalle-Orchester, den Schauspielern Delia Mayer und Max Simonischek sowie der Koloratursopranistin Mojca Erdmann. Kinderoper? Sehr wohl, aber die Eltern werden ebenso gebannt zuhören.

Auf David Philip Hefti stossen wir auch in der famosen CD «swiss clarinet music», in der zuerst das Klavier eine klare Ansage macht und vorgibt, wo es langgeht. Wenn nun die Klarinette einsetzt und gleich zu schwatzen beginnt, will man vorerst lieber hören, was das Klavier weiter anstellt. Doch Klarinettist Bernhard Röthlisberger lässt das naturgemäss nicht zu, verschmilzt aber alsbald mit dem Klavier (bravourös Benjamin Engeli) zu einem einzigen Klang.

Geschrieben hat das Werk ein August Walter (1821–1896). In der Folge kommen drei weitere Schweizer Komponisten zu Wort, erst Hefti, bald Othmar Schoeck (1886–1957), dann Jean-Luc Darbellay (1946). Spannend, wie das Schweizer Musikschaffen aus dem verträumten 19.Jahrhundert über Schoeck hinweg einen Weg in die Gegenwart fand.

Ein Zürcher Bijou und ein Genfer Fantast

Das Zürcher Kammerorchester geht den Weg vom 20. zurück ins 18. Jahrhundert und bietet zum 75-Jahr-Jubiläum die populärste CD unserer Auswahl an – ein Bijoux. Serenaden von Tschaikowsky, Elgar und Mozart sind auf so hohem Niveau gespielt und kommen unter der Leitung von Daniel Hope so tänzerisch erhaben daher – Mozart mit präzisem Zug und viel Liebe –, dass man nicht genug davon kriegen kann.

Genauso geht es mit der verrückten CD von David Greilsammer. Schade und typisch, ist dieser Pianist und Dirigent in der Deutschschweiz kaum bekannt, obwohl der doch seit zehn Jahren das Orchestre de Chambre de Genève leitet.

In der CD «Labyrinth» irrlichtert der Fantast auf dem Flügel durch Janáček, Lully, Bach, Ligeti und anderen, zaubert hinreissende Stimmungen, Klänge und Verbindungen her.

Eine CD, zu deren Ehren das weisse Hemd angezogen werden sollte.

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Autor

Christian Berzins

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