Kontroverses Buch
Dieser Roman mit Parallelen in die Politik der 70er war dem Bundesamt für Kultur zu heikel, um verfilmt zu werden

Daniel de Roulets brisanter Roman «Staatsräson» führt uns die Schweiz der späten 70er-Jahre vor Augen.

Charles Linsmayer
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Daniel de Roulets Roman hat in der Romandie ganz viel Staub aufgewirbelt.

Daniel de Roulets Roman hat in der Romandie ganz viel Staub aufgewirbelt.

Nild: zvg

Im Frühling 2020 erteilt das Bundesamt für Kultur dem Spielfilm des Regisseurs Werner Schweizer über den Fall Flükiger eine Absage. Ohne die Subvention in Millionenhöhe ist das Projekt gestorben. Dem Drehbuch liegt die unveröffentlichte Erzählung «L’Oiselier» von Daniel de Roulet zugrunde, und die Ablehnung erfolgt, weil die Story sich zwischen Polit-Thriller und historischem Drama verliere und die Hinzunahme der Figur Niklaus Meienberg zu falschen Schlüssen verleiten könne.

Im Frühling 2021 erscheint «L’Oiselier» im Verlag La Baconnière als Roman und wirbelt in der Romandie schön viel Staub auf, denn ausgerechnet die Momente, die zur Ablehnung des Filmprojekts geführt haben – die brillant genutzte, zu Spekulationen animierende Diskrepanz zwischen dokumentarischer Realität und kriminalistischer Fiktion und die Verwendung des Enfant terrible Meienberg als Romanfigur –, verleihen der Geschichte, die unter dem Titel «Staatsraison» inzwischen auf Deutsch vorliegt, Verve und literarisches Gewicht.

Wir schreiben das Jahr 1977, und der «Ermittler», wie de Roulet Meienberg nennt, turtelt an der Pariser Rue Duval mit seiner Freundin Flavia, Tochter von Bundesrat Kurt Furgler, im Bett herum, als er vom «Stern» den Auftrag erhält, über den Schweizer Staatsbesuch des deutschen Bundespräsidenten Scheel zu recherchieren. Weit interessanter aber erscheint ihm die ihm von einem befreundeten Diplomaten zugetragene Meldung über die Auffindung der zerstückelten Leiche des Schweizer Offiziers Flükiger in einem Wald bei Belfort. Er wittert einen brisanten Stoff, fährt, die Bundesratstochter auf dem Sozius, mit dem BMW-Motorrad zum Schauplatz und taucht in der Folge überall da auf, wo in der Vorphase der Abstimmung über die Gründung des Kantons Jura Vorfälle zu entdecken sind, die in einem Zusammenhang damit stehen könnten.

Der Volksentscheid ist von Bundesrat Furgler in die Wege geleitet worden. In l’Oiselier bei Pruntrut wird die Leiche des Berner Polizisten Heusler entdeckt, der im Fall Flükiger ermittelt hat, bei Pouilly-en-Auxois findet man Amez, den Wirt des Hôtel de l’Aigle in Grandfontaine, tot auf, und jedes Mal vermutet der rasende Ermittler einen Zusammenhang mit dem Jura-Konflikt und den Béliers, während Furgler stur und unbelehrbar auf der These Selbstmord oder Unfall besteht. Denn würden die mysteriösen Todesfälle auf das Konto der Jura-Terroristen gehen, könnte sein mühsam errungener Kompromiss mit den gemässigten Jurassiern, der ihnen nicht den ganzen Jura, sondern nur einen Halbkanton zubilligt, während der Rest bei Bern bleibt, an der Urne Schiffbruch erleiden.

Daniel de Roulet: «Staatsräson». Roman. (Limmat-Verlag) 112 S.

Daniel de Roulet:
«Staatsräson». Roman. (Limmat-Verlag) 112 S.

Bild: zvg

Die These ist kühn, die de Roulet den fiktiven Meienberg austüfteln lässt, und wenn sein Roman auch keine zwingenden Beweise dafür beibringen kann und der wilde Ermittler am Ende vor der Macht des Magistraten kapituliert, enthält sie allein schon als Roman-Fantasie genug Sprengstoff, um auch noch 44 Jahre später und angesichts eines nach wie vor nicht restlos gelösten Jura-Konflikts zu irritieren.

Furgler und Meienberg als Gegensatzpaar

«Staatsräson» ist aber nicht der brisanten politischen Spekulation und auch nicht der in der apologetischen Darstellung der Béliers zum Ausdruck kommenden anarchistischen Tendenz wegen bemerkenswert. Seine literarische Bravour liegt in der ausgeklügelten Art und Weise, wie es de Roulet gelingt, eine Epoche in für sie charakteristischen Figuren zu erhellen.

Sein Kurt Furgler steht für ein in der Tradition festgefahrenes Land, bei welchem den Krisensymptomen gegenüber die Losung «Bitte weitergehen, hier gibt es nichts zu sehen» gilt, während man sich in der Überzeugung zurücklehnen kann, «dass die landschaftliche Vielfalt der Schweiz uns offenbart, dass der liebe Gott sich ihre Struktur als Staatenbund erdacht hat».

Der ruhelose, von einer fast krankhaften Sucht nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Entlarvung der Mächtigen getriebene Meienberg verkörpert dagegen Aufbruch und Relativierung aller Werte. Mal vergleicht er sich mit Karl Stauffer-Bern, dem Liebhaber der Schwiegertochter von Bundesrat Emil Welti im 19. Jahrhundert, mal mit Fabrizio del Dongo, dem kühnen Jüngling aus Stendhals «Kartause von Parma», der sich in die Tochter seines Kerkermeisters verliebt.

Er weiss, dass beide gescheitert sind, und lässt sich dennoch nicht davon abbringen, Journalismus als «die Kunst, jene zu Wort kommen zu lassen, die von den Mächtigen vergessen werden», zu treiben. Er gibt nie auf, weil er überzeugt ist, «dass jede Wahrheit ans Licht will». In seinem radikalen Streben sieht er sich aber nicht nur als Gegner, sondern auch als Geistesverwandten von Furgler: «Mir imponiert ein Typ, der weiss, was er will – ein neuer Kanton muss her – Punkt.»

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