Kultur

Konzerte im Orchesterhaus des LSO: Sinfonisch und mit Biss

Blick auf den Saal des Orchesterhauses und in die Probe zur Matinee des Luzerner Sinfonieorchesters am Sonntag.

Blick auf den Saal des Orchesterhauses und in die Probe zur Matinee des Luzerner Sinfonieorchesters am Sonntag.

Das Haus des Luzerner Sinfonieorchesters ist eine Corona-Alternative zum KKL – auch mit einem spektakulären Livestream mit Martha Argerich.

Kennen Sie die Kirche St.Theodul in Littau-Luzern? Erst recht als Ort für Konzerte? Kaum. Und dass die Peterskapelle in Luzern eine geräumige Kirche ist, in der man Corona-Abstände einhalten kann, dürfte ebenfalls vielen nicht bewusst sein. Erst recht ist der «kleine Bruder des KKL-Konzertsaals» noch unbekannt: So bezeichnete unsere Zeitung nach dem ersten Kammerkonzert den Saal im Orchesterhaus des Luzerner Sinfonieorchesters, der diesem neu als Probesaal dient.

Alle drei haben eines gemeinsam: Sie sind Beispiele dafür, dass im Unterschied zum Lockdown im Frühling trotz allem klassische Konzerte stattfinden. Das geht zur Zeit nicht im KKL, aber nun eben so niederschwellig wie hochkarätig an alternativen Orten.

Konzerte ziehen um vom KKL ins Orchesterhaus

So gab es in der Peterskapelle und an diesem Wochenende in der Kirche St.Theodul Barockmusik zu entdecken. Und ebenfalls an diesem Wochenende bewies das Orchesterhaus des Luzerner Sinfonieorchesters, welche Sonderrolle es übernehmen könnte. Mit einem Lunchkonzert am Freitag und der Kammermusik-Matinee am Sonntag sprang es quasi in die Lücke, die die Schliessung des KKL-Konzertsaals hinterlässt.

Tatsächlich hat das Orchester soeben – mit einer spektakulären Ausnahme – alle Sinfoniekonzerte im KKL bis Anfang Januar abgesagt. Aber Intendant Numa Bischof bestätigt, dass die weiteren Lunchkonzerte des Orchesters vom KKL ins Orchesterhaus umziehen, wo ab dieser Saison ohnehin die Kammermusik-Matineen stattfinden.

Blick auf das Orchesterhaus beim Südpol in Kriens.

Blick auf das Orchesterhaus beim Südpol in Kriens.

Dafür prädestiniert ist dessen Probesaal, der mit edlem, an der Decke rhythmisch reliefiertem Eichenholz ausgekleidet ist, optisch wie akustisch. Und die Programme der beiden Konzerte führten diesen Vorzug in einem breiten Spektrum vor. So standen mit dem Streich-Oktett von Mendelssohn (im Lunchkonzert) und Beethovens Septett (in der Matinee) Werke auf dem Programm, die auch auf sinfonische Wirkungen zielen.

Der Raum atmet selbst da, wo die Luft dünn ist

Beide Male zeigte sich, dass der Saal solche auch in Kammerkonzerten wunderbar entfaltet. In Mendelssohns Oktett fluteten Musiker des Orchesters um Lisa Schatzman und Fiona Kraege (Violinen) den Saal mit leidenschaftlichen Wogen, und doch behielten rhythmisch zündende Formeln stechende Prägnanz. Wie sehr man in dieser Akustik Klänge mischen kann, zeigte das Scherzo, in dem pointillistisches Flimmern zu gespenstischen Farben verschmolz. Keine Bewegungsunschärfe war im Finale, wo der 16-jährige Mendelssohn mit Kontrapunkt-Motorik berühmten Vorbildern nacheifert. In Beethovens Septett schien (mit Gastmusikern) die transparente, aber keineswegs trockene Akustik Bläser und tiefere Frequenzen (geschmeidig das Cello von Lev Sikow) zu begünstigen. Aber sie federte auch schwungvolle Tuttischläge quasisinfonisch ab.

In den kleiner besetzten Werken dagegen sprang einen der Folklore-Schmiss in Dvoraks drittem Streichquintett (am Freitag) fast so bissig an wie in einem Hauskonzert, während umgekehrt der hohe Raum den lyrischen Kleinoden des langsamen Satzes einen langen Atem gab. Das bestätigte am Sonntag das Klarinetten-Quintett des vor einem Jahr verstorbenen Krzysztof Penderecki, das einen langgezogenen Seufzer mit Bewegung auflädt und zur abgeklärten Synthese bringt. Hier, wo selbst zwischen der ätherischen Höhe von Violine und Klarinette und dem grabestiefen Brummton des Cellos Luft zum Atmen blieb, bestand die Akustik ihren Härtetest.

Ein hervorragender Saal für Kammermusik

Damit dürfte dieser Probesaal – vielleicht neben jenem der Musikhochschule – der beste für Kammermusik in Luzern sein. Wird er als solcher anderen Musikern zur Verfügung gestellt, die jetzt eigene Coronakonzerte planen? «Das ist so jetzt nicht vorgesehen», sagt Intendant Numa Bischof: «Aber wir planen über die Matinee- und Lunchkonzerte hinaus weitere Konzertaktivitäten im Orchesterhaus.»

So findet selbst das Prestige-Konzert mit der Pianistin Martha Argerich unter der Leitung von Charles Dutoit anfang Dezember trotz Corona statt. Im Orchesterhaus sind zwar nur 50 Gäste zugelassen, aber als Livestream wird das Konzert allen, die Karten oder ein Abonnement besitzen, zugänglich gemacht. Nicht vorgesehen ist, dass man sich für den Livestream Karten kaufen kann, so wie das die Zuger Sinfonietta mit ihrem Abo-Konzert vom 12. Dezember (mit Maurice Steger) anbietet. Ein Livestream, der nicht breitenwirksam genutzt wird: Das gehört wohl zu den Paradoxien, wie sie uns nur Corona beschert.

Meistgesehen

Artboard 1