Kultur

Künstler El Anatsui: Seine Riesenteppiche passen an keine Wohnzimmerwand

Ein Teppich aus Aluminium und Kupferdraht geflochten: «Gravity and Grace».

Ein Teppich aus Aluminium und Kupferdraht geflochten: «Gravity and Grace».

Der Ghanaer El Anatsui, einer der grössten Künstler Afrikas, wird im Kunstmuseum Bern mit der ersten Schweizer Retrospektive beehrt. Eine monumentale Schau, welche höchst zeitgemäss ist.

Die westliche Kunstgeschichte befindet sich im Korrekturmodus: Vieles, was sie lange übersehen oder bewusst ausgeklammert hatte, erhält aktuell grosse museale Präsentationen – Frauen ebenso wie die Kunst fremder Kulturen.

Wer jetzt aber die Retrospektive des gebürtigen Ghanaers El Anatsui (*1944), die das Kunstmuseum Bern gestern eröffnete, in diesem Kontext verortet, liegt nur halbwegs richtig: Der Künstler, der ab 1975 auch als Professor an der Universität in Nsukka den künstlerischen Nachwuchs von Nigeria mitprägte, ist in der hiesigen Kunstlandschaft nämlich spätestens seit seinem prominenten Auftritt an der Biennale von Venedig 2007 gut integriert.

Was er damals zeigte, was bis heute sein Markenzeichen ist, war überraschend, neuartig und verstörend schön: Gigantische «Aluminiumgewebe» aus tausenden, säuberlich geplätteten und mit Kupferdraht verbundenen Schnapsflaschen-Verschlusskappen hingen in voluminösen, glitzernden Falten im Hauptausstellungstrakt des Arsenale und vor der historischen Fassade des Palazzo Fortuny.

Acht Jahre später sorgten sie erneut für Aufsehen beim Biennale-Publikum, als Anatsui dafür den Goldenen Löwen erhielt. Es war die Biennale des 2018 verstorbenen Kurators Okwui Enwezor, der Anatsuis aktuelle Ausstellungstour unter dem Titel «Triumphant Scale» noch mitkonzipierte.

Skulpturen verlieren ihre Statik und werden flexibel

In jeweils unterschiedlicher Form wurde die Schau vor Bern im Haus der Kunst München, danach im Arab Museum of Modern Art in Katar gezeigt. Nicht nur die Werkauswahl veränderte sich, auch die Werke selbst taten es. Denn bei Anatsui ist die Kunst – in Analogie zum Leben – stets veränderlich.

Seine metallenen «Tücher», die trotz ihrer kühl-starren «Partikel» unglaublich sinnlich wirken, erhalten bei jeder Ausstellung unterschiedliche räumliche Ausprägungen und Präsentationsformen.

Seit dem frühen, vergleichsweise kleinen «Man’s Cloth» von 2001, das in Bern nebst zunehmend virtuosen und monumentalen jüngeren Arbeiten hängt, haben der Künstler und seine rund 40 Assistentinnen und Assistenten die Verfertigungstechnik der Schnapsverschlusskappen sichtlich perfektioniert und variiert: Vielecke, «Knospen» und Kringel erzeugen verschiedene «textile» Qualitäten.

Mit afrikanisch gemusterten Stoffen, womit die Gebilde manchmal verglichen werden, hat das allerdings wenig zu tun. El Anastui geht es darum, wie aus vielen kleinen Einzelteilen ein grosses Ganzes «orchestriert» und wie Skulptur flexibel statt statisch gedacht werden kann.

So will denn auch die Ausstellung, welche eben doch die erste grössere Museumsschau eines Westafrikaners in der Schweiz ist, unseren Fokus neu ausrichten: «Es geht nicht darum, ständig nach dem ‹Afrikanischen› dieser Kunst zu fragen, sondern nach dem Zeitgenössischen», sagt Kathleen Bühler vom Kunstmuseum Bern. Sie kuratierte hier gemeinsam mit Chika Okeke-Agulu, einem ehemaligen Studenten von Anatsui, der das Werk des «Meisters» schon zahlreich ausgestellt hat.

Subtile Verweise auf Kolonialgeschichte

Okeke-Agulu betont, dass «Triumphant Scale» auch die westliche Rezeption von El Anatsui korrigieren will: Kaum jemand weiss hier, dass der Künstler vor den Flaschenverschluss-Werken mit unterschiedlichen Materialien experimentierte.

In den 1970er- und 1980er-Jahren, im postkolonialen Ghana und Nigeria, suchte er nach den kulturellen Wurzeln Westafrikas, um sie mit den westlichen Prinzipien der Abstraktion, wie er sie in der Kunstschule gelernt hatte, zu verbinden.

Diesem Frühwerk ist, im Dialog mit neuen Arbeiten, fast die gesamte obere Ausstellungsetage gewidmet: Runde Holzreliefs, Keramiken und modular zusammengefügte Wand- und Bodenskulpturen aus Tropenholz.

Letzteren ist der Künstler mit Kettensäge und Feuer zu Leibe gerückt – eine durchaus auch symbolisch lesbare Geste, mit der Anatsui, wie oft in seinem Schaffen, einen Bogen zur Kolonialgeschichte Afrikas schlägt: Schnitte und Brandmarkierungen können für die Gewalt gegen die Unterdrückten stehen und der Schnaps, der bei den bekannten neueren Arbeiten Pate steht, war eine Handelsware der Kolonialherren und ein Zahlungsmittel der Sklavenhändler.

In dieser subtilen Verbindung von historisch-politischer Dimension und experimenteller, künstlerischer Sprache ist Anatsuis Kunst höchst zeitgemäss. Vielleicht aber auch darin, dass sie uns mal wieder hingerissen sein lässt von einem Material, von dessen schönem Glanz und Lichtspiel und fragil monumentaler Physis – im digitalen Zeitalter ein rares Gut.

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