Best of may 2022
Der beste Rapper unserer Zeit: Erlöser Kendrick Lamar erlöst sich selbst – das ist die beste Musik des Monats

An Kendrick Lamar und Arcade Fire kommt man in diesem Monat einfach nicht vorbei. Auch wenn sein Blick auf «Mr. Morale & The Big Steppers» nach innen gerichtet ist, so rappt er abermals in einer eigenen Liga. Die kanadische Band Arcade Fire schafft es dagegen nicht an die Klasse von früher anzuknüpfen. Qualitativ überdurchschnittlich ist ihr neues Album «We» alleweil.

Stefan Künzli und Michael Graber
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Heiland Kendrick Lamar mit seiner Familie.

Heiland Kendrick Lamar mit seiner Familie.

zvg / Universal

1. Kendrick Lamar Mr. Morale & The Big Steppers

Prediger, Heiland, Erlöser. Es sind Rollen, die dem strenggläubigen Kendrick Lamar immer eher zugeschrieben als von ihm selbst gesucht wurden. Dass er weg will aus dieser Erlöser-Rolle, dürfte auch mit seiner Familie zu haben: «The closest ones afraid to say they need some time». «Mr. Morale & The Big Steppers» ist denn auch viel mehr nach innen gerichtet als die bisherigen Alben des 34-Jährigen. Es ist ein schonungsloser Blick auf sich selbst. In «We Cry Together» sind wir unangenehm nahe dran, wenn sich ein Paar (wohl Lamar und Alford, dargestellt aber von der Schauspielerin Taylour Paige) auf übelste Art streiten. Der Song tut weh. Man will nicht zuhören und kann doch nicht weghören.

Gerade auf diesem Stück erreicht Lamar aber nicht die Dringlichkeit, die er sonst zumeist hat. Schon alleine wie er im Auftaktstück «United in Grief» zwischen Unsicherheit und Überfluss durchs Leben taumelt, ist schlicht grossartig. Der Beat hastet nervös voran und stolpert immer mal wieder über sich selber. Den Frieden mit sich selbst kann sich niemand kaufen, nicht einmal Lamar. Wie er alleine in diesen 4 Minuten und 15 Sekunden die Intensität variiert, das Tempo nach Belieben verschiebt und selbst in den rasanten Passagen so fassbar bleibt, ist eindrücklich. Sicher spielt er in einer eigenen Liga, vielleicht auch einfach in einem anderen Spiel als all die anderen.

Die Textdichte ist enorm, und die Deutungen sind nicht immer klar. Die Kunst von Lamar ist, wie locker er alles macht. Er berichtet von Schreibblockaden und dem Hadern mit dem Druck, aber am Ende fliesst es unnachahmlich. Es geht um Rassismus, eigene Unzulänglichkeiten und oft um Gott. Anstrengend ist die Platte nie. Und dies, obwohl sie musikalisch äusserst divers ist. Der Bogen zwischen Pop und fast schon experimentellen Klängen ist sehr weit. Zudem hat es, anders als noch bei «Damn», Gäste auf dem Album.

18 Songs und 73 Minuten Spielzeit. «Mr. Morale & The Big Steppers» ist weit weg von Easy Listening und schneller Unterhaltung. Lamar ist darauf weniger Erlöser als auch schon. Der beste Rapper unserer Zeit ist er aber noch allemal.

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2. Arcade Fire: We

Endlich neue Musik von Arcade Fire. Nach dem Ausflug knietief in den Breitwandpop klingen sie nun wieder etwas geerdeter. In den aufregendsten Momenten war ihre Musik wie ein Wimmelbild. Viele Songs von Arcade Fire steckten voller Details, die aber nicht immer beim ersten Hören auffielen. Sie versteckten sich unter der schieren Dichte des Sounds. Da waren Musikerinnen und Musiker am Werk, die Lust hatten auf die Überforderung, auf das Masslose, und es strotzte vor Energie.

Bei der letzten Platte, «Eve-rything Now», verpuffte diese Energie dann plötzlich. Arcade Fire machten nun Pop. Guten Pop, ohne jeden Zweifel. Aber es war maximal mittelaufregend. Die Lust, sich im Wimmelbild zu verlieren, hielt sich in engen Grenzen. Nun sind fünf Jahre und eine Pandemie vergangen, und mit «We» erscheint das neue Werk der Kanadier. Mittlerweile um ein Mitglied ärmer. Will Butler, wirbliger Geist und Bruder des Sängers Win, hat die Band verlassen – im Guten, wie beide Seite betonen.

Und siehe da: «We» ist wieder näher an den «alten» Arcade Fire. Oder zumindest etwas weiter weg von jenen von «Every-thing Now». Ganz weg sind die ABBA-Geister vom letzten Album aber nicht. Noch immer steckt in der Musik der Indie-Darlings mehr Pop, als es noch zu Anfangszeiten drin hatte. Jetzt bekommt er aber eine verspielte Note. Bei den funkelnden und stampfenden Songs des Vorgängers wirkte es dagegen zuweilen etwas bemüht.

Und noch immer ist dieses Orchestral-Hymnische der fantastischen ersten drei Platten der Band («Funeral», «Neon Bible» und «The Suburbs») nicht ganz zurück. Kommt es wohl auch nicht mehr. Irgendwie ist nicht mehr Big-Band-Time. Und, obwohl wir das im Fall der Kanadier auch schon beklagt hatten, so richtig schlimm ist das nicht. Arcade Fire klingen selbst etwas reduzierter noch deutlich opulenter als manch aufgeblasene Combo.

Das neue Album wirkt aufgeräumt und doch genug verspielt. Arcade Fire ist von einem überfüllten «Wo ist Walter?»-Wimmelbild zu einem mit mehr Leerraum geworden. Noch immer reichlich anspruchsvoll, aber klarer im Fokus.

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3. Alabaster dePlume: Gold

Eine wundersame Klangwelt mit sentimentalen Saxophonmelodien, Chorstimmen, Gemurmel, Rezitationen, Gesang, Grooves, Streichern, jazzigen Improvisationen: Auf seinem zweiten Album «Gold» expandiert der britische Saxophonist Alabaster dePlume die Klang-Handschrift seines unwiderstehlichen Debuts (2020) zu einer Collage von über 60 Minuten. 17 Stunden Material wurden auf 19 Tracks verdichtet. Truly einzigartig.

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4. Lilly Martin: Lookout

Seit Jahrzehnten lebt die gebürtige Amerikanerin mit kubanischen Wurzeln in der Schweiz. Aber erst in den letzten Jahren ist sie durchgestartet und hat 2020 den Swiss Blues Award gewonnen. Als Meisterin der Zwischentöne und Facetten erschliesst sich ihre Kunst nicht auf den ersten Ton. Nun erklimmt die Sängerin auf «Lookout» mit eigenen Songs und der formidablen Band um Keyboarder Michael Dolmetsch neue Höhen.

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5. Trombone Shorty: Lifted

Trombone Shorty (Troy Andrews) ist heute neben Jon Batiste der zweite, wichtige Botschafter der Musikstadt New Orleans. Auch die Rezeptur ist ähnlich. Ausgehend von Jazz, mischt er mit Funk, Blues und Rock einen Cocktail, der in die Beine geht. Die Musik hat nicht so viel Tiefgang wie bei Batiste, aber macht unglaublich Spass – vor allem Live. Dazu beweist er, dass er ein ganz passabler Sänger ist. Unwiderstehlich sind aber seine messerscharfen Posaunenattacken.

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6. Flora Purim: If You Will

Flora Purim war wohl die bedeutendste Jazz-Sängerin der 1970er-Jahre. Den Scat-Gesang, den melodisch-linearen Gesang ohne Worte, hat sie damals massgeblich erweitert. Lachen, Weinen, Stöhnen gehörte wie selbstverständlich zu ihrem vokalen Spektrum. Ihr ganzer wurde zum Klangkörper. «Ich habe gelernt, die Sounds durch meinen Körper reisen zu lassen», sagte sie einmal. Dazu hat sie, zusammen mit ihrem Mann, dem Perkussionisten Airto Moreira, entscheidend dazu beigetragen, dass brasilianische Rhythmen in den Fusion-Jazz der 70er-Jahre einflossen.

In den letzten Jahren ist es um Flora Purim ruhig geworden und sie ging fast vergessen. Doch jetzt hat sie sich 21 Jahre nach ihrem letzten Album aus ihrer Heimat Brasilien zurückgemeldet. Ihr Lebensgefährte Airto, ebenfalls 80, ist wie selbstverständlich dabei, aber auch ihre singende Tochter Diana Purim, der sie gleich den Titelsong «If You Will» überliess. Es sei ein Familienalbum, das als Feier ihrer Musik, ihres Lebens und als letztes Kapitel ihrer Karriere gedacht ist.

Das Album ist pop-orientierter Brazil-Jazz wie man ihn von Flora Purim kennt. Es vereinigt neue Kompositionen und neue Versionen von persönlichen Lieblingsliedern wie «500 Miles High» und den Titelsong «If You Will». Dabei beweist die 80-jährige, dass sie noch sehr gut bei Stimme ist. Viel von seiner einstigen Kraft verloren, hat gemäss Purim dagegen ihr Mann Airto. Aber auch von ihm soll es schon bald ein letztes Lebenszeichen geben: Als Sänger.

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7. Tanja Dankner: Swingness

Tanja Dankner war bisher bekannt als formidable Soulsängerin. Jetzt wechselt sie ins Swing-Fach und macht das, wie wenn sie nie etwas anderes gemacht hätte. Ins Visier genommen haben sie und ihr Produzent Greg Galli dabei einige der grössten Schweizer Hits wie «Kiosk», «W. Nuss» oder «079». Geschmackvoll umgesetzt hat das Unterfangen Mr. Swing Pepe Lienhard und seine Big Band. Das passt.

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BEST OF APRIL 2022: DIE BESTE MUSIK DES MONATS APRIL

1. Red Hot Chili Peppers: Unlimited Love

Nach zehn Jahren mit dem Gitarristen Josh Klinghoffer, der einen tadellosen Job gemacht hatte, setzte die Band ihn wieder vor die Türe und holte mit John Frusciante jenen Gitarristen zurück, mit dem sie etwa das Jahrhundertwerk «Blood Sugar Sex Magik» (1991), «Californication» (1999) oder «Stadium Arcadium» (2006) schuf. Der eigenbrötlerische Gitarrist, zwischendurch stark den Drogen und ein wenig dem Okkultismus verfallen, bringt diese grandios-lässige Verspieltheit in den Sound der Chili Peppers ein. «Unlimited Love» ist ein üppiges Füllhorn der exquisiten Chili-Peppers-Kunst. Die Grundstimmung der Platte mag zurückgelehnter und chilliger Natur sein, in Sachen Komposition und Experimentierfreude jedoch enttäuscht die Band nicht. Die vier sind verspielt wie junge Kater, sie grooven und harmonieren so sonnig, dass es eine Wonne ist. Musikalisch ist «Unlimited Love» erste Liga.

2. Caroline Chevin: Note To Self

Die Luzerner Sängerin Caroline Chevin hat wie keine Andere Höhen und Tiefen des Lebens erlebt. Als ihr neuseeländischer Mann sich das Leben nahm, stürzte sie sich in die Musik, um den Schicksalsschlag zu verarbeiten und zu überwinden. Sie ist das beste Beispiel für die heilende Kraft von Musik. Mit zwölf souligen und groovigen Songs knüpft sie auf «Note To Self» musikalisch bei ihrem Vorgängeralbum «Enjoy The Ride» von 2020 an. Die Sängerin hatte schon immer eine Schwäche für den Soul der 60er-, 70er- und 80er-Jahre. Aufgepeppt mit Bläsersätzen, kommen jetzt da und dort noch Streicher dazu. Im Mittelpunkt steht aber die Stimme von Chevin: im tieferen Register fest und kräftig, im oberen Register unangestrengt virtuos. Sie singt souverän und mit spielerischer Leichtigkeit. So wie sie es gerade auch im TV-Tauschkonzert «Sing meinen Song» demonstriert. Als Sängerin ist die 47-jährige Caroline Chevin an der Spitze angekommen. «Note To Self» klingt aber vor allem nach einer riesigen Portion Lebensfreude und Lebensmut. Öffne deine Augen und sieh, was das Leben für dich bereithält, heisst es in «Open your eyes». Lebe positiv, bewusster, lebe intensiver, geniesse das Leben. Es sind Klänge der Hoffnung und des Optimismus und man will es ihr glauben.

3. Shake Stew: Heat

Fulminant, ekstatisch, zum Schreien schön. Das ist Shake Stew, das österreichische Septett, das 2021 den Deutschen Jazzpreis gewann und aktuell mindestens zu den spannendsten Bands Europas zählt. Sie kombiniert repetitive, rhythmische Muster mit einfachen Melodien und entwickelt mit furiosen Soli einen hypnotischen Sog, dem sich niemand entziehen kann. Ein Steigerungslauf der anderen, österreichischen Art.

4. Bonnie Raitt: Just Like That

Sie wolle mal etwas Neues ausprobieren, sagte Bonnie Raitt über ihr 21. Album «Just Like That». Sie hat es nicht geschafft - zum Glück. Ok, der einne Song, «Waitin‘ For You To Blow» ist ziemlich funky. Aber sonst ist die 72-jährige Gitarristin und Sängerin der Musik an der Schnittstelle von Rock, Blues und Country treu geblieben. Dabei spielt und singt sie so elegant und umwerfend relaxed wie eh und je. Bonnie Raitt ist die Königin des Laid-Back-Americana.

5. Hecht: Hecht For Life

Im Schweizer Pop heisst der Mount Everest Hallenstadion Zürich. Die Luzerner-Zürcher Band hat die Multifunktionsarena Ende 2019 gefüllt. Jetzt erscheint «Hecht For Life» – Album 1 nach der Besteigung des Schweizer Pop-Everest. Was wollen die Hechte nun noch erreichen? «Wir haben uns ganz bewusst nicht ausgeruht und wollten nicht einfach dasselbe noch einmal machen», sagt Buck. Auf «Hecht For Life» ist das Quintett verspielter und mutiger – ohne dabei aber die bewährte Hecht-Formel zu verlassen. Beinahe jede Note und jede Zeile schreit nach Mithüpfen. Jetzt auch mal mit Stimmeffekten, Samples und insgesamt moderner als die drei bisherigen Alben. Hecht geben sich selbstironisch, hadernd und bleiben am Ende doch irgendwie grundoptimistisch. Feel-Good-Musik. Mal für die Beine, mal für die Seele. Die Diversität der Songs hilft, dass sich die Platte nicht erschöpft. Getragen wird die Musik von der Energie, die sie vermittelt. Das ist nicht immer wahnsinnig originell oder kreativ, aber ansteckend. Und es füllt das Hallenstadion. Vielleicht kann das Erlebnis Mount Everest nicht getoppt werden, aber die allermeisten kommen ja gar nicht erst so weit nach oben.

6. Honey For Petzi: Observations + Descriptions

Nach Jahren der Funkstille meldet sich Honey for Petzi zurück. Elf lange Jahre liegen zwischen dem letzten und dem eben erschienenen «Observations + Descriptions». Während die Band früher deutlich postrockiger unterwegs war, ist es heute zumindest zwei Zacken mehr Pop. Noch immer haben sich die Lausanner den treibenden Grundgroove bewahrt und all die kleinen Vertracktheiten auch. Doch insgesamt ist da mehr Luft und Raum. Das liegt auch am Gesang, der nun die Lieder begleitet. Mit mehr Elektronik, mehr Direktheit und mehr Farbe. Aber noch immer macht der Rock genug Umwege, prescht repetitiv voran und hat auch ein paar fiebrige Momente, damit er nie durchschaubar wird und immer wieder überrascht.

7. Bilderbuch: Gelb ist das Feld

Die lüsternen Lyrics der österreichischen Band Bilderbuch auf ihrem neuen Album «Gelb ist das Feld» haben etwas erfrischend Freies, ja Freizügiges, Kokettes, ohne dabei ordinär oder unangenehm übergriffig zu wirken. Man lässt sich von den vier Burschen gern mitreissen in diesen frühsommerlichen Sog der knospenden Gefühle, der verträumt-schläfrigen Beischlafstimmung. Das ist Eskapismus der besten Art, in bewährter Falco-Tradition in einer Mischsprache aus Deutsch und Englisch vorgetragen. Die Schwere unserer postpandemischen und kriegserschütterten bis traumatisierender Wirklichkeit bleibt für die Dauer dieses Albums einfach mal aussen vor. Die Haare der Jungs sind länger, die Hemden weniger feinseidig, die Gitarren etwas lauter und die Hip-Hop-Elemente vom Durchbruchsalbum «Schick Schock» weitestgehend getilgt. Bilderbuch, die als Band des guten Geschmacks gilt, mag schon mal innovativer geklungen haben. Die Musik ist aber immer noch hinreichend verspielt und spielerisch. Geht es ums gekonnte Herauskitzeln von guten bis sehr guten Gefühlen, schlägt auch «Gelb ist das Feld» die Konkurrenz um Längen.

BEST OF MARCH: DIE BESTE MUSIK DES MONATS MÄRZ

1. Stromae: Multitude

An der aktuellen Popmusik kann man schon mal zweifeln – oder verzweifeln. Aber zum Glück gibt es Stromae, diesen belgischen Schlacks und musikalischen Wunderknaben. Sechs lange Jahre hat uns der Sänger, Komponist und Produzent von «Alors on danse» und «Papaoutai» warten, ja schmoren lassen. Er selbst war 2015 nach Monaten auf Tour ausgebrannt, geplagt von Depressionen, hat mit sich und der Welt gehadert. Jetzt hat er sich, rechtzeitig zum Pandemie-Finale, aus dem Tal der Finsternis gekämpft und erfreut uns mit «Multitude».

Natürlich hat Stromae nicht ahnen können, dass die Welt zur Zeit der Veröffentlichung von der einen in die andere globale Katastrophe schlittern würde. Die triumphale Ouvertüre «Invaincu», in der er den Kampf der Menschheit gegen Krankheiten und Seuchen thematisiert, kann aus aktuellem Anlass aber auch als heroisches Widerstandslied gelesen werden: «Du hast mehr Siege als Niederlagen… Du hast den Krieg nicht gewonnen… solange ich lebe, bin ich ungeschlagen.» Und immer wieder präsentiert Stromae seine eigene Zerbrechlichkeit und Verwundbarkeit. Er thematisiert die menschlichen Abgründe und schlüpft dabei in Rollen, die auch seine oder unsere sein könnten. Und bleibt doch zuversichtlich.

Der Albumtitel «Multitude», Vielfalt, ist treffend gewählt. Der in Brüssel aufgewachsene Paul Van Haver, Sohn einer Belgierin und eines Vaters aus Ruanda, der im Bürgerkrieg starb, ist ein Weltenbürger. Afrikanische und orientalische Rhythmen sind seine Passion, und doch ist seine Musik vom Charme und der Poesie des französischen Chansons durchdrungen. Sie ist nachdenklich, geht aber auch als euphorisierende Party- und Tanzmusik durch.

Und überall lässt er sich inspirieren. Ein durchdringender bulgarischer Frauenchor hier, ein Balafon oder eine Flöte da. In «Mauvaise journée» misst er die kleine schrille Andengitarre Charango an der sehnsüchtigen portugiesischen Fado-Gitarre und lässt beide an einer mächtigen Posaunenwand abprallen: «Aidez moi. Je m’sens si seul.» («Hilf mir. Ich fühle mich so allein.»)

Stromae treibt die Lust am musikalischen Fabulieren an. Seine Musik ist unglaublich verspielt. Auf «Multitude» hat es ihm aber vor allem der kolumbianische Cumbia-Rhythmus angetan, den der Weltenbummler in Lateinamerika kennen gelernt hat. Stromae liebt es, traditionelle Rhythmen aufzunehmen und dann neue Akzente zu setzen, indem er sie raffiniert verschiebt und verzögert. Er lässt die Rhythmen galoppieren und hüpfen, aber auch stolpern, hinken und lahmen.

Stromae umarmt alle und alles: Europa, Afrika, Lateinamerika. Er spannt seinen Bogen aber auch nach Fernost. Dreimal lässt er die wimmernde zweisaitige chinesische Geige Erhu erklingen und kontrastiert sie mit einem europäischen Streichquartett. Dabei geht es ihm nicht um kulturelle Aneignung. Auch der Clash der Zivilisationen, der Zusammenprall der Kulturen, bleibt aus. Vielmehr hat Stromae einen weltumspannenden, völkerverbindenden Popsound von unermesslichem musikalischem Reichtum kreiert. Dabei bedient er sich modernster Produktionstechniken der elektronischen Musik. Widersetzt sich aber gekonnt dem Diktat der Trendpolizei. Auf «Multitude» findet man zum Glück keine der angesagten Sounds und Beats. Vielmehr bedient er sich der neusten Techniken, um sie für seine eigene musikalische Sprache zu nutzen.

«Multitude» ist ein Fest der Vielfalt und der Hoffnung. «Ja, lasst uns diejenigen feiern, die nicht feiern», singt Stromae im lüpfigen «Santé», «ich möchte mein Glas auf diejenigen erheben, die keins haben.»

2. Rosalía: Motomani

Die katalanische Sängerin hat uns schon vor vier Jahren mit ihrem Album «El mal quere» verzückt, als sie mit einer raffinierten Mischung von Flamenco, Electronica und moderner Popmusik für Aufsehen sorgte und den in die Jahre gekommenen Flamenco fulminant ins neue Jahrtausend rettete. Es war zu befürchten, dass sie nach diesem Erfolg den Versuchungen des internationalen Pop und den Lockrufen des amerikanischen Marktes erliegen würde. Auf «Motomani» hat sie eindrücklich widerstanden. Es ist ein irrer Ritt durch Stile und Genres, voll mit Anspielungen, Referenzen, Pop-Mainstream wird durchsetzt mit avantgardistischen Brüchen. Da kann nicht einmal das Gastspiel von Superstar «The Weeknd» etwas ändern. Dabei ironisiert Rosalía nicht. «Ich liebe alle Stile», sagt sie und man glaubt ihr. Doch ihre spanische Herkunft, die zehnjährige klassische Flamenco-Ausbildung schimmert immer durch.

3. District Five: Burnt Sugar

District Five, das Quartett um den Saxofonisten Tapiwa Svosve, wollte einmal eine «supergute Jazzband» sein. Mit dem Begriff «Jazz» wird man der Band aber heute nicht mehr gerecht. Rockrhythmen, elektronische Sounds, minimalistische Elemente und Gesang haben die Stilgrenzen der Band aufgelöst. District Five steht heute für eine neue Generation von Jazzmusikern, die Genres sprengt und radikal neue Ausdrucksformen sucht. Der Anfang ist vielversprechend.

4. Zurich Jazz Orchestra: To My Beloved Ones

Tiefe Register, raffinierte Wechsel zwischen Tutti und Kammermusik zeichnen Steffen Schorn aus. Nach sechs Jahren als musikalischer Leiter des Zurich Jazz Orchestra will er sich nun als Composer-in-Residence auf das Komponieren konzentrieren. «To My Beloved Ones» ist deshalb ein wunderbar klingendes Abschiedsgeschenk an das Orchester, das sich zu einem der besten Grossorchester Europas entwickelt hat.

5. Tome Iliev Sextet: Trinaiska

Tome Iliev ist ein mazedonischer Klarinettist, der in der Schweiz studiert hat und seither mit seinem Sextett (u.a. Florian Weiss, Posaune) die Schweizer Jazzszene bereichert. Sein zweites Album, «Trinaiska», ist furios, fulminant, virtuos und gespickt mit Balkan-Anleihen. Es ist aber auch besonders emotional, denn der hoffnungsvolle junge Gitarrist Valentin Baumgartner ist nach der Aufnahme auf einer Wanderung tödlich verunglückt. Ein würdiges, quicklebendiges Vermächtnis.

6. Dabu Fantastic:

Wie schnell die Welt erodieren kann, erleben wir gerade jetzt schmerzhaft. Die vermeintliche Machtlosigkeit dieser Tage hat nun Dabu Fantastic in ein Lied gegossen – geschrieben längst bevor Schüsse krachten und Raketen explodierten. «Wiso hät mi niemert gweckt?», singt Dabu Bucher in einer Ballade. Es soll ein Weckruf sein, damit nicht immer erst nach dem Knall protestiert, sondern schon vorher gehandelt wird. «Wiso hät mi niemert gweckt?/Zum au Ii-stah gäg di Gsetz?/Zum go zeige, was es bruucht/ dass es eus nöd alli lupft?», singt der Zürcher.

Was klagend beginnt, endet im Erlösungsgospel. Ab auf die Strasse. Universell singbar für Klimakatastrophe und Krieg. Der Song Nummer 7 auf dem Album «So Easy» steht so sinnbildlich für zwei Dinge, die Dabu Bucher wichtig waren bei der Entstehung der Platte. Erstens: das Ende der Coolness. Während sich viele Bubbles in Polit-Aktivismus überbieten, braucht es Mut, die eigene Trägheit zu thematisieren. «Früher habe ich mir immer überlegt, was ich machen muss, damit auch noch meine Freunde in den hippsten Kreisen von Zürich meine Lieder cool finden», sagt Bucher, der derzeit auch bei der Schweizer Ausgabe von «Sing meinen Song» zu sehen ist. Zuerst habe es Mut gebraucht, auf diese Coolness zu verzichten, «aber kaum hatte ich diese Wand mal durchschlagen, flossen die Texte viel natürlicher».

Die zweite Neuerung ist ebenfalls keine, die einen sonderlich coolen Ruf hat: Chorgesang. «Ich habe gemerkt, dass mich dies wahnsinnig berührt», sagt Bucher, der zusammen mit DJ Arts den Kern der Band bildet. «So kamen wir auf die Idee, Chormusik mit Mundart-Pop zu verbinden. In dieser Art gab es das noch nicht.» Immer wieder tauchen Elemente aus dem Chorgesang auf der Platte auf. Manchmal tatsächlich eingesungen mit einem Chor (dem Luzerner Chor Molto Cantabile), teilweise aber auch durch das Vermehrfachen der eigenen Stimmen.

Im Kern bleibt es aber ein Popalbum. Zwar sind das Bemühen für mehr Volkstümlichkeit und die choralen Elemente spürbar, aber es bleibt Dabu Fantastic. Vielleicht einen Tick ernster und einen Tick ruhiger. Ein Hit wie ihr «Angelina» findet sich auf «So Easy» nicht. Es sind solide Popsongs. «Männerchor und Frauechor» ist ein gmögiges Lied über die Vereinskultur, «Di Falschi» ein Liebeslied voller Verletzlichkeit, und «Niemert Gweckt» wurde bereits weiter vorne im Text gelobt. Daneben hat es auch seichtere Nummern.

Spannend lesen sich die Namen der Mitwirkenden. Neben den üblichen Verdächtigen aus dem Musikbusiness taucht da auch Nik Hartmann als Co-Produzent auf. Einen «Beobachter von aussen» nennt Bucher Hartmann. «Wir brauchen das. Ich sage dem unseren ‹Hater›», so Bucher. Die Rolle des Haters: Dabu Fantastic auf den Boden der Tatsachen zurückholen, auch mal sagen, wenn etwas nicht gut ist. «Gerade nach dem Songschreib-Prozess hatte ich durchaus ein gutes Selbstbewusstsein», lacht der 41-Jährige.

Was Hartmann neben dem Hater auch ist: die Personifizierung des schweizerischen Durchschnitts. Der Wanderer der Nation. «Ich glaube schon, dass Nik spürt, was die Schweiz mag und was funktioniert», sagt Bucher. Zusammen haben sie an den Texten gefeilt. «Teilweise hat er aber auch gesagt: ‹Da müssen wir nichts machen, das müsst ihr exakt so belassen.›»

All die Prozesse sind «So Easy» nicht anzuhören. «So unkompliziert lief noch keine Plattenproduktion», sagt Bucher. Jetzt geht es auf Tour durch die Schweiz. «Ich habe mega Bock zu spielen», sagt Bucher. Und wenn am Ende alle nur die alten Hits hören wollen? Bucher lacht: «Ich freue mich immer, diese zu spielen. Ich glaube aber auf jeden Fall, dass die neuen Songs ein Publikum finden werden.»

7. Heidi Happy: Nid für ewig

Herzlich willkommen im Gemischtwarenladen von Heidi Happy. 12 Songs, 5 Sprachen, diverse Stile. Auf ihrem neuen Album «Nid für Ewig» zeigt sich die Luzerner Sängerin vielfältig. Oder modern: divers. Aber gerade das Albumformat verlangt Homogenität.

Woher kommt diese Lust auf das Inkonstante? «Ich habe das eigentlich immer schon gemacht», sagt Priska Zemp, wie Heidi Happy bürgerlich heisst, lachend in einem Luzerner Café. Die Sonne scheint und hellt die Stimmung der Menschen spürbar auf. «Ich habe mich immer zwischen den Stilen bewegt und dabei nicht auf ein Gesamtkonzept Rücksicht genommen.»

Hörbar ist vor allem eine neue Nuance dazugekommen: Schweizerdeutsch. Die Mehrheit der Songs ist in Mundart verfasst. «Meine Texte waren immer sehr persönlich. Die Sprache war auch immer ein Schutzschild. Auf Schweizerdeutsch fühlen sich die Songs noch persönlicher an, noch nackter», sagt die 41-Jährige. Auch darum habe sie sich lange überlegt, ob sie das wirklich wolle, «auf Schweizerdeutsch kannst du nichts verstecken».

Verstecken muss sie gar nichts. Sie besingt universelle Themen, die Liebe natürlich, die Sehnsucht nach etwas Ruhe, sie spart aber auch nicht mit Kritik an der europäischen Asylpolitik. Heidi Happy hat etwas zu erzählen und etwas zu sagen. Dabei war gar nicht immer sicher, dass sie das noch einmal tut. Ihr letztes reguläres Album liegt acht Jahre zurück. «Ich war in einem kreativen Loch», gibt Happy unumwunden zu. Mit zwei kleinen Kindern daheim haben sich die Prioritäten verschoben, die Zeit wurde weniger und die Muse klopfte seltener an. «Ich musste bewusst weg.»

Die Songs entstanden zusammen mit ihrem Schwager, dem Pianisten Ephrem Lüchinger, in dessen Studio in Zürich. «Es hat sofort funktioniert», sagt Happy. Pro Tag entstand ein Song. Im Zug, Tram, Studio feilte die Luzernerin an den Texten, zusammen mit Lüchinger entstand die Musik. Und da setzte sich das Duo keine Grenzen. «Eis, ohne Zucker» ist farbiger bis fiebriger Synthiepop, «Nie meh wieder cho» eine wunderschöne Folknummer, und mit «Bliib no ne chli» ist auch noch eine Kostprobe von Happys Arbeit als Schreiberin für Filmmusik zu hören. Diesen Song schrieb sie für die SRF-Serie «Wilder».

Während es um Heidi Happy etwas ruhiger wurde, war es bei Priska Zemp nie langweilig. Sie komponierte Filmmusik und tourte zuerst mit Stephan Eicher und nun mit Patent Ochsner durch Europa und die Schweiz. «Eine unglaublich schöne Zeit», sagt Happy. Mit den Ochsners stehen nun noch diverse Konzerte an. Büne Huber habe bereits gesagt, sie gehöre jetzt auch dazu. «Was das genau bedeutet, werden wir dann sehen», sagt Happy. Jetzt habe sie Lust auf die eigenen Songs. «Das Arbeiten mit Stephan und Büne ist aber eine grosse Inspiration und hat mich auf verschiedenen Ebenen weitergebracht.»

Auch das ist Teil vom Gemischtwarenladen: All die Einflüsse finden ihren Platz. Und doch wird gerade aus der Vielfalt auch wieder etwas Eigenes. Egal, ob auf Englisch oder Schweizerdeutsch. Egal ob Ballade oder zappeliger Pop. Heidi Happy bleibt unverkennbar Heidi Happy.

8. Gigi Moto: Superkraft

Wenn die Sängerin Gigi Moto und der Gitarrist Jean-Pierre von Dach zusammen Musik machen, kann nichts schiefgehen. Schliesslich gehört das Zürcher Musikerpaar seit Jahren zur Creme der Schweizer Pop- und Rockszene. Das ist exzellent gesungen, formidabel interpretiert, sorgfältig produziert. Höhepunkt ist der Opener «25 000 Yesterdays» mit einem langen, grandiosen Gitarren-Solo von Jean-Pierre von Dach.

9. Aldous Harding: Warm Chris

Zehn Songs hat die neue Platte «Warm Chris» von Aldous Harding. Und auf jedem der zehn Songs klingt die Neuseeländerin anders. Und Harding macht das nicht, weil sie ihren Sound sucht, sondern weil sie es kann. Sie hüpft zwischen den Gesangsstilen und sogar Akzenten hin und her. Musikalisch ist es frei von diesem zappeligen Gefühl. Aufgeräumter Indie-Folk, der deutlich mehr Sonne ausstrahlt, als ihre letzten Platten. Die Magie in dieser Platte liegt in dieser Leichtigkeit, der all den Songs innewohnt. Zwischen tänzelnden Tunes und leicht psychedelischen Elementen liegen nur ein paar Wimpernschlägen. Beim genaueren Hinhören sind die Kapriolen von Harding etwas wilder. Es bleibt alles höchst undurchsichtig. Nie ganz fassbar und ganz weit weg von allen Schubladen. Dass es stets so rätselhaft bleibt und trotzdem unverkopft wirkt, ist die wahre Meisterleistung der 32-Jährigen. Und wenn sie dann noch schräg-schöne Sätze singt wie «All my favourite places are bars» bevor wuchtige Bläser einsetzen, spürt man die Lust an der eigenen Rätselhaftigkeit. Vier Songs weiter ist dann nur ein nacktes Klavier und Stimme da. Das ist gleichermassen unberechenbar wie unaustauschbar und unverkennbar Aldous Harding. Das muss ihr erst einmal jemand nachmachen. Oder am besten gleich mehrere zusammen.

10. Marius Bear: Boys Do Cry

Das neue Album von Marius Bear, sein zweites, trägt den Titel jenes Songs, den Marius Bear in Turin am Eurovision Song Contest performen wird. «Boys Do Cry» ist eine Ballade mit viel Streichern, Piano und einer Message, die in die heutige Zeit passt: dass es keine Schande ist, wenn man als Mann seine Emotionen zeigt. Auch Bear steht offen zu seinen Gefühlen: «Ich bin ein sehr emotionaler Mann – egal ob Freude oder Trauer, ich zelebriere einfach alles.» Dafür schäme er sich nicht und fühle sich deswegen auch nicht unmännlich. Im Gegenteil.

Erwartungsgemäss besteht das Album zum grössten Teil aus sanften, aber keineswegs seichten Popballaden, die von Liebe und Herzschmerz handeln. Das ist auch Bears Paradedisziplin. Songs, bei denen er sich die Seele aus dem Leib singen kann, sind ja auch wie geschaffen für seine voluminöse und raue Stimme, die ihm schon Vergleiche mit Joe Cocker eingebracht hat. Dennoch ist Bear eben nicht nur der Schmusesänger, der auf die Tränendrüsen drückt, sondern lässt auch gerne mal die Sau raus. «Auch Party und Gaudi muss sein», meint Bear, der mit druckvollen und tanzbaren Nummern wie «Evergreen», «Good Love» oder «High Notes» einfach nur «guten Vibe» verbreiten möchte. Gefühle zu zeigen, heisse eben auch, Freude zu zeigen, positiv zu sein.

BEST OF FEBRUARY: DIE BESTE MUSIK DES MONATS FEBRUAR

1. Patent Ochsner: MTV Unplugged

Für das erste Konzert einer Schweizer Band für «MTV Unplugged» haben die Ochsners Gäste eingeladen, einige neue Songs präsentiert und alte Songs neu arrangiert und neu verpackt. Das Resultat ist nicht fundamental anders, die Seele der Songs wurden belassen, aber allein der Verzicht auf Stromgitarren hat die Hierarchien etwas verschoben. Die fünfköpfige Bläsersektion, ohnehin stilprägend, wird hier noch einmal präsenter. Die Arrangements von Trompeter Woody Woodtli sind famos und gehören wie die Saxsoli von Alex Hendriksen zu den Aktivposten des Unplugged-Abenteuers. Vor allem von polyfonen Teilen wie auf «Novämber» und «Scharlachrot» können wir nicht genug kriegen.

Die grösste Veränderung betrifft den Gesang. Der Chor mit Daniela Sarda, Andreas Schärer, Heidi Happy und anderen Ochsnermitgliedern macht den Ochsnersound noch etwas weicher, wärmer, fragiler und wohlklingender. Noch nie waren die Ochsners so weit weg vom einstigen Rumpelsound. Insgesamt ist der Sound tänzerischer, luftiger und leichter. Das afrikanische Element ist stärker ausgeprägt denn je. Nicht alles ist gelungen, etwa die neue Version von «Bälpmoos».

Grandios sind dagegen die Duette mit Daniela Sarda, Heidi Happy und Olombelo Ricky. Vokalakrobat Andreas Schärer führt die Band sogar in eine andere Dimension und auch Sophie Hunger legt sich emotional ins Zeug. Ihr «Hotelsong» ist aber wohl zu tief angesetzt. Die Gastbeiträge gehören zu den Highlights des Unplugged-Konzerts und Patent Ochsner hat den Ruf als beste Schweizer Liveband unterstrichen.

2. Zeal & Ardor: Zeal & Ardor

«Zeal & Ardor» heisst das dritte Album der gleichnamigen Basler Band, die mit ihrer Mischung aus Black Metal, Spiritual und Work Songs ein unerhörtes neues Genre begründet hat. Nach intensiven Dreiviertelstunden ist das Gewitter vorbei, und man sitzt patschnass unter dem Kopfhörer: Der musikalische Höllenritt ist ein blendender Lichtblick im helvetischen Rockschaffen. Angstschweiss vermengt sich mit Freudentränen. Welch grossartige Mischung! «Feed The Machine» bedient sich des bewährten laut/leise-Wechselbads, erzielt jedoch ungeahnte Höchstwerte auf der Wutskala. Bandleader Manuel Gagneux entlockt seinen Stimmbändern hier Laute, die einen staunen lassen, dass er danach überhaupt noch sprechen kann.

Auch «Erase» zerschmettert die Bedenken all jener, die die Metal-Ausbrüche von Zeal & Ardor in der Vergangenheit als aufgesetzt empfanden. Und «Golden Liar» erweitert das Klangspektrum in Richtung Spaghetti-Western, ohne dabei den roten Faden zu verlieren. Das ist ein Verdienst des gereiften Songwritings, aber auch der auf Topniveau angehobenen Produktion. Hatten sich Zeal & Ardor auf den bisherigen Alben mit einzelnen Songs, die ohne Drumsalven, Gitarrenwänden und angeschwollene Halsschlagadern auskamen, kurzzeitig etwas näher an die Massentauglichkeit herangewagt, so ist «Zeal & Ardor» nun ein Bekenntnis zur Nische. Lieber für ein geneigtes Publikum keinerlei Kompromisse eingehen als im Mainstream farblos untergehen.

3. Black Sea Dahu: I Am My Mother

Black Sea Dahu legen mit «I Am My Mother» einen intensiven Zweitling hin. Sie haben ihren Folk-Pop um einige Schwarztöne erweitert. Und auch um einigen Pomp. Es ist unüberhörbar, dass die Band auf die grossen Bühnen will. Und da gehört sie auch hin. Selten klang Musik aus der Schweiz so international. Das liegt an Janine Cathreins dunkelsamtiger Stimme, aber auch an raffinierten Wendungen und Kniffen in den Songs. «Transience» mäandriert vom Flüsschen zum Sturzbach. In diesen 6 Minuten und 30 Sekunden durchleben wir so viele und unterschiedliche Intensitätsstufen, dass wir am Ende ähnlich atemlos zurückbleiben wie Cathrein. «How will I survive in this world gone mad?», fragt sie immer wieder und in wechselnden Varianten. Ihre Antwort ist die Musik: «No human torch can bring me where music takes me». Wir nicken unter dem Kopfhörer. Wie sich dieser Song aufrollt und wie die Band es schafft, dass er trotz der respektablen Länge nie vor sich hinplätschert, ist grossartig. Musik wird die Welt wohl eher nicht retten, aber sie im Moment besser machen, kann sie durchaus. Sehr sogar.

Während ihr Erstling «White Creatures» noch deutlich schlanker klang, hat die Band nun akustisch aufgerüstet. Es klingt breiter, produzierter und dichter. Aber auch das mit Feingefühl. Und vor allem haben Black Sea Dahu das Gespür für die Zwischentöne nicht verloren. Die Streicher übertünchen nicht, alle Instrumente und Musikerinnen und Musiker bleiben stets spürbar, und die kleineren Effekt-Spielereien fügen sich nahtlos ins Gesamtbild ein. Der Weltschmerz-Pathos wird in homöopathischen Dosen eingesetzt und ist darum auch für Sonnenkinder gut erträglich. Es wird gehadert und gezweifelt. An der Liebe. An der Welt. An der Musik. «I look so goddamn tired/Even in my sleep», heisst es in «Human Kind».

Allem Schwermut zum Trotz: Der Grundton bleibt optimistisch zuversichtlich. Der Sonnenaufgang ist näher als der Sonnenuntergang. Schnelle, leicht verdauliche Unterhaltung ist «I Am My Mother» keineswegs, aber musikalischen Fast-Food gibt es ja zur Genüge – und sonderlich bekömmlich ist dieser ja trotzdem nur äusserst selten. Dagegen wirkt Black Sea Dahu nachhaltig. Es ist «Glue», musikalischer Leim. Die Songs, die Stimmung, die Lieder: Sie gehen nicht so rasch aus den Köpfen, wollen nicht vergessen werden.

4. Ikarus: Plasma

Die Band Ikarus des Schlagzeugers und Komponisten Ramón Oliveras haben für ihr neues Album «Plasma» bewusst nach tanzbaren Grooves und Rhythmen gesucht. «Wir möchten, dass man sich zu unserer Musik auch bewegen kann», sagt der Bandleader. Fliegt Ikarus nächstens auf den Dancefloor? «Wir sind immer noch am Experimentieren, aber eigentlich schon. Ich fänd’s cool», sagt Oliveras. Ikarus ist vor zehn Jahren aus dem Bachelor-Projekt von Oliveras an der ZHdK gewachsen und hat seitdem schon vier Alben auf Nik Bärtschs Label Ronin Rhythm Records veröffentlicht. Die musikalische Verwandtschaft zu Bärtschs jazziger Groove und Minimal Music ist dabei offensichtlich. Sich verändernde repetitive Muster stehen im Kern. Die Groove-Sektion mit Mo Meyer (Bass), Lucca Fries (Piano) und Oliveras ist zentral, aber vor allem die Stimmen von Anna Hirsch und Andreas Lareida geben der Band ihren unverwechselbaren, eigenständigen Bandsound.

In den Anfängen war Ikarus stark von Neuer Musik und der New Yorker Avantgarde beeinflusst. Eine intellektuelle Musik mit komplexer Harmonik und experimentellen Klängen. Oliveras ist sich aber bewusst geworden, dass gerade der Gesang eine starke emotionale Wirkung hat. «Heute wollen wir nicht nur den Kopf, sondern auch den Bauch ansprechen», sagt Oliveras. Sein Interesse gilt denn auch jener kinetischen Energie, die man vor allem von Techno und der elektronischen Tanzmusik (EDM) kennt. Ikarus soll, über einen längeren Zeitraum gespielt, eine emotionale und körperliche Wirkung auslösen. Die Richtung stimmt.

5. Erich Strebel: Rägeboge-Waag

Auch wenn es um seine eigenen Lieder geht, pflegt Erich Strebel den Blick aufs grosse Ganze, ohne dabei die Details zu vernachlässigen. Nach seinem Debüt «Zwüschewälte» von 2017 erscheint nun das Nachfolgealbum «Rägeboge-Waag». Es bringt eine Art Soundtrack fürs Kopfkino, lässt Bilder aufscheinen aus schwarz-weissen Filmen und spielt auf Augenhöhe mit den Chansons der «Niederdorfoper», bei deren Neuinszenierung Erich Strebel mitgewirkt hat. Erneut setzt er als Sänger auf Mundart, denn er will verstanden werden. Seine Texte – dialekttechnisch ein Mix aus dem Freiamt (wo er herkommt) und Zürich (wo er wohnt) – sind clever aufgebaut und machen das Leben nicht einfacher, als es ist. Man hört in ihnen die Musikalität des Autors: Die Rhythmik ist bestechend und Strebel spielt nicht nur mit den Worten, sondern auch mit ihrem Klang.

Die Tonalität auf «Rägeboge-Waag» mag aus der Zeit fallen, doch auch das macht Erich Strebel nicht zum Nostalgiker. Er spiegelt die Befindlichkeiten des 21. Jahrhunderts, problematisiert, relativiert, spintisiert. Als scharfsinniger Beobachter erzählt er kleine Geschichten und gewinnt aus ihnen Erkenntnisse, die allgemeingültig sind. Es erstaunt daher nicht, dass Strebel mit «Eskimo» auch ein Chanson von Mani Matter in seinem Repertoire hat. Er habe mit «Rägeboge-Waag» neue Wege gehen, etwas Unverwechselbares schaffen wollen, sagt Erich Strebel, etwas, was es so nicht gibt in der Schweizer Musikszene. Musikalisch hat der Arrangeur seine ohnehin schlanken Pop-Chansons noch mehr abgespeckt.

Hatte er für sein Debüt noch ein Jazztrio engagiert, das keinen Jazz spielte, so gibt diesmal ein klassisches Streicherquartett den Ton an. Der Fokus liegt dabei stets auf Strebels unaufgeregter Stimme und derjenigen seiner Background-Sängerinnen, die ihn auch bei komplexen Tempowechseln umgarnen. So entstehen Minimal-Chansons mit Sogwirkung. Und auch wenn alles ganz leicht klingt: Diese Lieder sind kein «Easy Listening»: Wer sich Zeit nimmt, dem Sänger zuzuhören bei seinen Reflexionen über den besten Kaffee der Welt, die Tücken der Zeit und die grosse Liebe, wird reich belohnt. Dass es Zeit braucht, um seine Lieder zu erfassen, dürfte Strebel nicht stören. Er wolle zum Denken anregen, sagt er, und Texte schreiben, die auch ihn selber interessieren würden.

6. Tears For Fears: The Tipping Point

Es gibt kaum eine interessantere 80er-Jahre-Band als Tears For Fears. Vom Synthiepop über hymnischen Rock bis zu Soul und raffinierten Beatles-Anleihen spannten die Briten Roland Orzabal und Curt Smith von 1983 bis 1989 auf drei Alben einen weiten Bogen. Ihre Singlehits «Mad World», «Shout» und «Everybody Wants To Rule The World» definierten einen für diese Pop-Dekade massgeblichen Sound. Tears For Fears beherrschten zeitweise tatsächlich die Welt, doch dann - kam fast nichts mehr. Umso mehr überrascht nun der so entspannte wie selbstbewusste Auftritt mit dem Comeback-Album «The Tipping Point». «The Tipping Point» erzählt nun keine gänzlich neuen Dinge über Tears For Fears. Aber der Band gelingt in zehn (Deluxe-Edition: 13) Songs doch eine sehr respektable Brücke zwischen flauschigen 80er-Klängen und der gereiften Songschreiber-Kunst von zwei inzwischen 60 Jahre alten Musikern.

«No Small Thing» zum Einstieg beginnt zart mit akustischer Gitarre und steigert sich zu jenem stilvollen Bombast, den man von Tears For Fears so mag. Auch der Titelsong erfüllt mit treibenden Drums und opulenten Harmoniegesängen den Wunsch vieler Fans nach einer sofort wiedererkennbaren Klangwelt. «Long, Long, Long Road» und «Rivers Of Mercy» hätten auch auf dem Soul-Blues-Meisterwerk «The Seeds Of Love» (1989) - für viele der kreative Höhepunkt dieser Band - keine schlechte Figur gemacht. Und so geht es weiter bis zum Schluss mit Liedern, die nicht krampfhaft Pop des 21. Jahrhunderts sein wollen - dafür aber von zeitloser Grösse.

7. Lo & Leduc: Mercato

Es ist gemein: Natürlich muss sich auch 4 Jahre nach dem Erscheinen von «079» noch jeder Song von Lo & Leduc mit dem Riesenhit messen. Drum gleich die Antwort: Nein, ein zweites «079» haben wir auf «Mercato» nicht gefunden. Auch auf die Folgefrage gibts ein «Nein». Das ist nicht schlimm. Hits, die mit der Brechstange geschrieben werden, sind selten gute Hits. Und gute Songs hat es auf der Platte. «Zwüschezit» ist so einer. Fragmentartig setzen die beiden Berner kleine, feine Spotlights im Nebel des Lebens: «I weiss nid, wele Tag/ I weiss nid weles Jahr isch / Wele Monet/ Das isch ir Ornig». Die Geschichtenerzähler lassen ihren Texten mehr Geheimnisse als auch schon. Weitere Anspieltipps: «Rewind», «Gschirr» und «Melodie». Was auffällt: In den spannenden Songs hat es meist ein bisschen Melancholie drin. Und selbst wenn ein Lied wie «Jedes Wort» auf den ersten Blick etwas lehrerhaft wirkt, schält sich später oft doch noch mindestens ein cleveres Wortspiel raus. «Mercato» ist eine solide Platte. Charmanter Pop mit Hirn.

BEST OF JANUARY 2022: DIE BESTE MUSIK DES MONATS JANUAR

1. Mathias Landtwing: Helvetikuss

Die Band Helvetikuss hat Mathias Landtwing als musikalischer Leiter und Komponist für den Circus Lapsus, eine Kombination von Artistik, Comedy und Volksmusik, formiert. Neben dem Bassisten Pirmin Huber und dem Pianisten Lukas V. Gernet ist die junge Schwyzerörgelerin Kristina Brunner dabei, die Mezzasopranistin und Jodlerin Simone Felber, Violinist und Dozent Andreas Gabriel sowie der gefragte und vielseitige Schlagzeuger Jwan Steiner, der auch bei der Rap-Crew GeilerAsDu und Dabu Fantastic den Takt angibt. Es ist eine neue Generation von Volksmusikanten und Volksmusikantinnen, die die Volksmusik in neue Sphären führen. Für Helvetikuss denkt Landtwing gross. Der traditionelle Ländler ist dabei nur eine Möglichkeit unter vielen. Alphorn und Jodel erklingen neben einer klassisch anmutenden Version des Guggisberg-Liedes. Da wird geörgelet, gejutzt und improvisiert, gejazzt und gerockt. Selbst vor Electronica-Anleihen scheut Helvetikuss nicht zurück. Alles fliesst ineinander, alles ist möglich. Helvetikuss ist eine musikalische Wundertüte. Komposition und Interpretation sind ambitioniert und hochstehend, wirken aber nie abgehoben. Neue Volksmusik wirkt oft etwas elitär, Landtwing hat den Stallgeruch bewahrt. «Meine Musik wird wohl immer einen volksmusikalischen Anstrich haben», sagt Landtwing. Wichtiger als die stilistische Einordnung ist ihm aber die eigene Handschrift.

2. Gläuffig: Gesellenwanderung

Die Ländlerkapelle Gläuffig hat Klarinettist Mathias Landtwing 2008 mit dem Akkordeon-Virtuosen Fränggi Gehrig, dem Pianisten Lukas V. Gernet und Pirmin Huber am Bass gegründet. Alle sind zwischen 35 und 37 Jahre alt und alle sind mit Volksmusik sozialisiert worden. Ihre Musik war denn auch zunächst der Tradition verpflichtet und wurde nur sanft erneuert. Inzwischen haben sie ihren musikalischen Horizont in alle Himmelsrichtungen erweitert. Und so tönt die neue Scheibe «Gesellenwanderung» denn auch. Gezielt wird nach neuen Ebenen gesucht. Zum Beispiel, wenn die Klarinette auch perkussiv und als Groove-Instrument eingesetzt wird. Mit «Hudigääggeler» hat das nichts mehr zu tun. Erstmals sind alle Kompositionen von Bandmitgliedern geschrieben worden. Im Wechsel mit traditionellem Ländler hören wir Klezmer, Balkan-und Zigeunerweisen, Musette, Choro aus Brasilien und viele Jazzakkorde. Überhaupt: Die jazzmässige Improvisation ist ein zentrales Element. Das unterscheidet Landtwing auch von seinem einstigen Vorbild Dani Häusler, der sich der Stegreiftradition der Schweizer Volksmusik verpflichtet fühlt.

3. Lady Blackbird: Black Acid Soul

Es macht misstrauisch, wenn jemand mit so viel Vorschusslorbeeren eingedeckt wird. Doch bei Lady Blackbird ist die Schwärmerei gerechtfertigt. Ihre Stimme ist ein Segen, eine Sensation. Wohlig, einschmeichelnd, mysteriös und geheimnisvoll zugleich. Lady Blackbird ist die Entdeckung des noch jungen Jahres 2022. Dabei weiss man nicht viel über die junge Dame, die im Südwesten der USA als Marley Munroe geboren ist. Sie wuchs mit Gospel auf und bekam mit 16 ihren ersten Plattenvertrag. Sie ging nach New York und versuchte sich in verschiedenen Stilen, bevor sie vom Grammy-nominierten Produzenten Chris Seefried entdeckt wurde. Er hat Lady Blackbird geformt. Wobei das Rezept des Debüt- albums «Black Acid Soul» so einfach wie bestechend ist. Die Sängerin wird nur von einer zurückhaltend spielenden, kleinen Jazzband begleitet. Klavier oder Jazzgitarre, Bass genügen. Der transparente Sound bringt die ausdrucksstarke Stimme zum Glänzen und Glühen. Die Songauswahl ist exquisit und setzt sich nebst Songs von Seefried aus weniger bekannten Soul-Stücken von Allen Toussaint, Gene Chandler oder Nina Simone zusammen. Überhaupt Nina Simone. Lady Blackbirds Stimme erinnert am ehesten an jene der exzentrischen Sängerin, ist aber viel wandelbarer und vielfältiger. Seit Amy Winehouse hat keine Stimme mehr so berührt.

4. Jethro Tull: The Zealot Gene

Jahrelang verzichtete Sänger und Flötist Ian Anderson darauf, unter dem Bandnamen Jethro Tull aufzutreten, obwohl er weiter die Musik der von ihm gegründeten Rockband spielte. Jetzt steht wieder Jethro Tull drauf, wo Musik von Jethro Tull drin ist. Das letzte Studiowerk, das unter dem Bandnamen erschien, war ein Weihnachtsalbum im Jahr 2003, bevor Anderson die Gruppe 2012 auflöste. Nach Soloalben steht der Bandname nun wieder wie früher gross auf dem Cover. Die Musiker sind bis auf Anderson allerdings andere. Auf «The Zealot Gene» klingen Jethro Tull wieder wie Jethro Tull. Natürlich startet die Platte mit der berühmten Querflöte, mit der sich Andersons Gruppe, die ursprünglich aus dem Blues kam, früh von anderen Rockbands abhob. Die Flöte galt als mädchenhaftes Instrument, Anderson hat sie hart klingen lassen. Musikalisch sind die neuen Songs im positiven Sinne wie aus der Zeit gefallen, bar jeglicher musikalischer Trends. Die blitzsaubere Produktion schadet dem erdigen Sound nicht. In zwölf Songs und fast 50 Minuten gibt es auf «The Zealot Gene» intelligenten, entspannten Progressive Rock. Eine gelungene Rückkehr zum Jethro-Tull-Sound, auch wenn der dank Ian Anderson genau genommen nie wirklich weg war.

5. Sophie Hunger & Bonaparte: 1

In dieser auf Hochglanz geschmirgelten Welt hat das Dreckige leider einen schwierigen Stand. Sophie Hunger und Bonaparte, Schweizer Musiker mit internationaler Ausstrahlung, haben nun zusammen eine EP veröffentlicht, die diesen schicken Garagencharme hat. Es schrummelt und schrammelt. Klingt schön unaufgeräumt und nicht ganz fertig. Und vielleicht auch genau drum fährt das sofort in die Beine und ins Herz. Ideal zum Gläserverschütten.

6. David Bowie: Toy

Die 1960er-Jahre waren für den späteren Superstar David Bowie eine Zeit der Irrwege und Enttäuschungen. Er versuchte vieles und scheiterte immer wieder. Auch sein Debüt von 1967, erstmals unter dem Künstlernamen David Bowie, floppte und seine Plattenfirma lehnte in der Folge eine Reihe von Singles ab. Der Frust bei Bowie muss gross gewesen sein. Nicht zuletzt, weil wir heute wissen, dass darunter auch einige Pop-Perlen versteckt waren. Im Jahr 2000 erinnerte sich Bowie an diese Songs, nahm sie mit seiner damaligen Band noch einmal auf und wollte sie unter dem Namen «Toy» veröffentlichen. Doch auch diese Neuinterpretationen aus Bowies Babyphase fanden bei den Plattenbossen keine Gnade. Bowie verkrachte sich mit ihnen, wechselte das Label und wandte sich neuen Projekten zu – «Toy» ging vergessen. Erst jetzt, zum 75. Geburtstag des verstorbenen Musikers, ist das ganze Paket des vergessenen Albums in seiner ganzen Pracht veröffentlicht worden. Von den zwölf Songs ist nur der Titelsong wirklich neu und bisher unveröffentlicht. Ein Schmuckstück mit einem wunderbar perlenden Klavierlauf. Auf der emotionalen Ballade «Shadow Man» flirtet Bowie charmant mit dem Kitsch. Zu den stärksten Stücken gehören weiter das originell arrangierte «Karma Man» und sowie die grossorchestralen «Conversation Piece» und vor allem «Silly Boy Blue». Aber eigentlich hat jedes Stück seinen Reiz und es ist aus heutiger Sicht schwer verständlich, weshalb die Songs damals durchgefallen sind. Dieser Meinung war offenbar auch Bowie. David Bowie hatte im Jahr 2000 die rockige Phase der 90er-Jahre ebenso hinter sich gelassen wie die technoiden Experimente. Aber auch von einem Retro-Touch ist in den Songs nur wenig zu spüren. Entstanden sind vielmehr zugängliche, bekömmliche und vor allem zeitlose Pop-Schmankerl. Das ist deshalb bemerkenswert, weil Bowies Gesamtwerk eigentlich wie kein anderes den jeweiligen Zeitgeist reflektiert und auch explizit in diesem Kontext zu verstehen ist. «Toy» klingt dagegen wie Musik, die sich vom Diktat der Zeit befreit hat. «Toy» fügt zu Bowies Künstlerbiografie nichts grundlegend Neues hinzu. Es füllt in seinem Gesamtwerk auch keine grosse Lücke. Aber selbst Bowie waren die Songs offenbar eine Herzensangelegenheit. Sie haben eine Chance verdient.

7. Anaïs Mitchell

Der Triumph ihres Albums «Hadestown» bei Popkritik und Musical-Fans begleitet Anaïs Mitchell seit gut zehn Jahren. Nun beweist die US-Amerikanerin, warum viele Kritiker sie als eine der besten Joni-Nachfolgerinnen preisen. In zehn mit heller, klarer Stimme gesungenen Liedern pendelt Anaïs Mitchell zwischen Sixties-Folk und Gitarre/Piano-Balladen. Jede Textzeile und jeder Ton dieser nur gut 32 Minuten langen und doch opulent wirkenden Platte transportieren eine berührende Songpoeten-Sensibilität, die sofort an das grosse Vorbild aus Kanada denken lässt.

8. OG Keemo: Mann beisst Hund

Das wird ungemütlich. OG Keemo nimmt uns auf «Mann beisst Hund» mit in einen dunklen Gangster-Film. Er spielt in der Vorstadt. In einer Hochhaussiedlung. Drogen, Gewalt, Suizid. Dieses Platte tut zuweilen weh. Sie geht verdammt nah ran. An das Leben von Keemo. Die Perspektiven sind so grau wie die Betonfassaden. Alkohol, Gras und ein paar härtere Sachen bringen etwas Farbe ins Grau. Und dann dieser Übermut. Bling und Peng. Aufbruch zum Einbruch. Keemo erzählt in Episoden. Und es ist eigentlich unmöglich, es nicht am Stück zu konsumieren. Es ist in dieser songgetriebenen Deutschrapwelt eine wohltuende Ausnahme. Es ist ein rundes Album. Mit einer Geschichte. Ein bisschen «La Haine», ein bisschen «Kids». Immer bleibt die bittere Erkenntnis, dass nach der Party der Kater prompt kommt. Und OG Keemo erzählt das Auf und Ab so präzise. Mit der Sprache der Strasse und doch voller Poesie. «Wenn es regnet, regnet’s richtig. Ich sitze in Küche nachts und zähle meinen Lichtblick», rappt er. Manchmal ist es fast mehr Spoken Word als Rap. Es kann aber auch punchen und grooven. «Ich jage schon mein Leben lang die Gegenwart», so Keemo. Er hat sie gefunden. «Mann beisst Hund» ist ein kleines Meisterwerk. So dicht und atmosphärisch. Auch dank so vertrackten Beats, die beunruhigend rollen. Grosses Kino in Plattenform.

9. Marc Amacher: Grandhotel

Auf dem Vorgängeralbum «Roadhouse» hat Marc Amacher die Richtung mit lautem, ungeschliffenem Blues-Rock vorgegeben. Auf «Grandhotel» geht dieses knorrige Ur-Viech mit seiner Band (Norman Süsstrunk am Bass, Dave Flütsch am Schlagzeug und Gitarrist Phipu Gerber, der die Band inzwischen verlassen hat) noch weiter. «Devil» ist ein achtminütiger, psychedelischer Höllentrip in die tiefsten Abgründe unserer Seelen. Nicht minder bedrohlich und düster klingen «STFU» und «Berlin». Im Grandhotel Giessbach ist alles andere als bekömmlicher Salon-Blues entstanden. Vielmehr kracht, knorzt und ächzt es im alten Gebälk und Amacher klingt ungehobelter, roher, und unangepasster denn je. Die Stücke sind tendenziell länger geworden. Die Reprise von «Rocket Man Blues» dauert stattliche zwölf Minuten. Das kommt Amacher entgegen, denn er spielt aus dem Bauch heraus, singt wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Dabei braucht er Raum und Zeit für seine Spontaneität, Impulsivität und eruptiven Einwürfe. Und doch wäre da und dort mehr Struktur willkommen gewesen. Überflüssig ist der Opener «Stay Clean», ein Stück von Motörhead. Auch «Ride» im Stil von AC/DC berührt wenig. Gelungen ist dagegen das minimalistisch interpretierte Depeche-Mode-Cover «Personal Jesus». Überhaupt: Am überzeugendsten ist Marc Amacher, wenn er seinen Sound radikal reduziert und einen stampfenden, archaischen und urtümlichen Blues entstehen lässt, der an die Urväter des Country Blues erinnert.

10. ZIAN: Burden

Aus dem Nichts ist der Basler Sänger ZIAN Anfang 2021 aufgetaucht und wurde zum Newcomer des Jahres. Zwanzig Wochen hielt sich sein Song «Show You» in der Schweizer Hitparade. Jetzt ist das Debütalbum «Burden» da und der Ehrgeiz quillt aus allen Tönen, aus jedem Sound und jedem Beat, aus allen elf bombastisch produzierten Stücken von Henrik Amschler. Bei ZIAN trägt er ganz dick auf und greift tief in die Kiste des Überwältigungspop. Opulent, pompös und pathetisch sucht er den Wow-Effekt des Zuhörers. Das Klangkostüm passt durchaus zum nachdenklichen, tiefgründigen ZIAN. Intensiv hat er sich mit dem Leben und mit philosophischen Fragen auseinandergesetzt und wie der Albumtitel «Burden» vermuten lässt, geht es um Last und Lasten. Aber auch um Themen wie Angst, Verlust und Aufopferung. Es sind intime Angelegenheiten, die das Scheidungskind Tizian am eigenen Leib erfahren hat und in den Songs verarbeitet. Ehrliche Offenbarungen seiner Seele, die er mit seiner ausdrucksstarken und bewegenden Stimme zu interpretieren weiss. Bemerkenswert ist auch, dass das junge Team um ZIAN, entgegen dem Trend, nicht auf den schnellen Erfolg mit Streaming setzt, sondern auf das gute alte Album. «Burden» ist ein Konzeptalbum mit einem roten Faden von Song zu Song – wie früher. Es ist denn auch die Idee, dass man das Album als Ganzes und in einem Zug durchhört. ZIAN macht es seiner Hörerschaft aber nicht einfach. ZIAN versteht «Burden» als «Spiegel der Erkenntnis, aber auch als Auffangbecken, weshalb am Ende jedes Songs Hoffnung aufkeimt. Tatsächlich verspricht auch der letzte Song ‹Betray The Loss› den Start in eine andere hellere Dimension. ‹Burden› ist mein erstes Kapitel auf dem Weg vom Dunkel ins Licht», sagt ZIAN. Doch der Lichtschimmer ist dünn, zu dünn, vermag die drückende Schwere nur bedingt aufzuhellen. Die Atmosphäre bleibt erdrückend, der Gesamteindruck dunkel und beladen – vielleicht überladen.

BEST OF NOVEMBER 2021: DIE BESTE MUSIK DES MONATS NOVEMBER

1. Adele: 30

Adele weint. Sie, die sie mit ihren Schmachtsongs Millionen Menschen zum Griff zu den Papiertaschentüchern genötigt hatte, schluchzt nun selber. In «My Little Love» erklärt sie ihrem Sohn, warum sie, Adele, nun nicht mehr mit seinem Vater zusammenlebt. Ihre Geschichte könnte unsere sein. Das war, nebst dieser einzigartigen Stimme, schon immer das Erfolgsgeheimnis von Adele. Sie wirkte stets, als wäre sie eine von uns. Mit einem Kübel voller Liebeskummer. Kennen wir alle. Und wie sie dann diese Kübel zu pathosgeladenen Balladen zimmerte – irgendetwas zwischen Frustbewältigung und Frustabladen –, war schlicht grossartig. Ihr vorletztes Album «21» ist eine Wucht. «30» kommt nicht daran heran. Aber es ist besser als «25», das 2015 erschienen ist. Und es ist mindestens ein Wüchtchen. Gerade im Mittelteil der Platte ist die musikalische Tränendrückmaschine angenehm runtergefahren. Allgemein ist die neue CD sehr vielfältig ausgefallen. Sie erinntert daran, dass nach dem Regen ­irgend- wann auch mal wieder die Sonne scheint. Auch musikalisch berührt sie locker etwas R ‹n› B und gemahnt einmal an Frank Sinatra und öfter an Amy Winehouse. Aber klar, es gibt sie auch, die mit viel Bombast angerührten Balladen. Streicher inklusive. Was diese Songs vor einer Überdosis Pathos rettet, ist die Stimme von Adele. Die voller Soul alles auslotet, was es da auszuloten gibt. Durchaus mutig und von einem beeindruckenden Umfang.

2. Hilke: Silent Violent

Mit minimer Verspätung sind wir über Hilke gestolpert und hängengeblieben. Dunkel pumpender Dream-Pop aus Baden, der mal wuchtig, dann aber wieder fein funkeln kann. Grossartig sind die beiden ersten Songs «Paradoxes» und «Freeze». Aber auch der Rest nimmt uns mit auf eine musikalische Reise, die zwar ein leichtes Gefühl hinterlässt, aber wohl auch gerade darum so einnehmend ist.

3. Kinnship & Pablo Nouvelle: Stones & Geysers

Eine kurze Wanderung, um den Kopf etwas zu lüften, knapp unter der Nebelgrenze, auf den Ohren Pablo Nouvelle und Kinnship. Der Berner und der Brite (Kinnship) spannen für «Stones & Geysers» zusammen und starten verträumt. Zu sphärischen Klavierklängen ruckelt ein karger Beat und die Stimme von Sänger Kinnship dringt wie durch sanfte Nebelschwaden. Die Musik ist wie ein Begleiter. Einer, mit dem man auch mal spricht, aber neben dem man einfach auch schweigend laufen kann. Einer, mit dem man gerne unterwegs ist. Und die Natur scheint mitzuhören: Kaum mischt sich mehr Licht in die Sounds der beiden Musiker, sinkt auch der Nebel. In der Ferne kämpft gar die Sonne gegen die milchige Suppe. Beim Titeltrack «Stones & Geysers» wird der Schritt zum leichten Tänzeln. Beeindruckend vielfältig zeigen sich die Musiker auf ihrer Platte. Mal sind die Landschaften, die sie hier kreieren karg, dann wieder verspielt. Es wirkt aber immer unheimlich locker, nie bemüht und auch nie überladen. Die Nebelgrenze sinkt wieder, die Temperatur auch, die Sonne hat den Kampf verloren. «Frank Miller» heisst der letzte Track. Die Stimme schwebt von links nach rechts, wirkt schwerelos. Langsam schwingen die Töne aus. Nie sucht die Musik den Knalleffekt, bleibt immer entspannt. Kopf gelüftet. Zufrieden daheim. Angekommen.

4. Dino Brandão: Bouncy Castle

Einer der schönsten Tracks dieses nun langsam auströpfelnden Jahres heisst «Bouncy Castle». Er stammt aus der Feder von Dino Brandão und lässt uns bei allem Schwermut glückselig schunkeln. «Life’s a bouncy castle / Filled with tears and laughter». Das Leben, ein Auf und Ab, ein «Gompischloss», eine Hüpfburg. Bis die Luft mal ausgeht. Bei Brandão gibt es aber keinerlei Anlass zur Vermutung, dass dies bald mal der Fall sein könnte. Nachdem seine letzte Band Frank Powers auf Eis gelegt wurde, hat er an eigenem Songmaterial gearbeitet. Herausgekommen ist nun das Album «Bouncy Castle»: 20 Minuten, 5 Songs. Es ist ein wundersamer Gemischtwarenladen. Pop trifft auf Samba, trifft auf Psychedelic Rock, trifft auf afrikanische Musik, trifft auf eine Ballade, die jazzig ausufert. «Es gibt schon Lieder, die ziemliche Kurven machen», sagt er. Ihm selber gefalle Musik, die ein bisschen «gwagglet» und bei aller Schönheit auch etwas Schräges hat. Das hat er unüberhörbar auch in seinen Songs einfliessen lassen. Kaum setzt ein Mitwippen ein, wechselt Tempo oder Intensität. Nur etwas ist immer da: Dino Brandãos Stimme. Zart, manchmal fast zerbrechlich, aber immer klar spürbar und voller Ausdruck. Während er mit seiner alten Band Frank Powers sprachlich aus dem Vollen schöpfte und soeben im Trio mit Faber und Sophie Hunger ein Album auf Schweizerdeutsch veröffentlichte, singt er unter seinem richtigen Namen derzeit nur auf Englisch.

5. Enrico Rava: Edizione Speciale

Trompeter Enrico Rava, 82, ist eine der prägenden Figuren des europäischen Jazz. Kein Kraftmeier, vielmehr einer, der das Unerwartete liebt und die Neugierde bis ins hohe Alter bewahrt hat. Das wird auch am Konzert 2019 in Antwerpen mit seinem italienischen Sextett deutlich. Er und seine grandiosen Musiker sprühen vor Energie. Die Lust, zu musizieren, ist spürbar. Ja, die Musiker haben offensichtlich Spass. Eine Sternstunde des zeitgenössischen Jazz.

6. Makaya McCraven: Deciphering The Message

Überall wird Makaya McCraven gefeiert. Und selbst die Hipster hören seinen Jazz. Er bastelt aus Samples aus dem Blue-Note-Records-Katalog und neu eingespielten Sounds aufregende Collagen. Das klingt mal entspannt, dann wieder forsch, immer aber zeitgemäss, ohne die Wurzeln zu kaschieren. McCraven ist auch ein Türöffner, um in den Jazzsachen zu stöbern und zu wühlen. Vielleicht ist ja bald wieder mehr Zeit.

7. Robert Plant Alison Krauss: Raise The Roof

Das Debüt der Led-Zeppelin-Legende Robert Plant mit der US-Sängerin Alison Krauss war ein Überraschungserfolg: «Raising Sand» (2007) gewann fünf Grammys. Die Coverversionen bekannter und weniger bekannter Folk-, Country-, Blues-und Rocksongs klangen so inspiriert, dass man sich auf eine Fortsetzung des Projekts zweier sehr unterschiedlicher Künstler uneingeschränkt freuen durfte. 14 Jahre danach ist es so weit. Nach den Single-Appetizern «Can’t Let Go» im August und «High And Lonesome» zeigen der immer noch lockenmähnige Brite Plant (73) und die Bluegrass-Spezialistin Krauss (50) mit «Raise The Roof» erneut auch auf Albumlänge, wie gut ihre Stimmen harmonieren: der heiser-libidinöse Kraftprotz-Gesang des Ex-Hardrockers und der klare Sopran der Country-Ikone aus Illinois. Mit wechselnden Lead-Vocals stürzen sich die beiden Top-Stars in alte Lieder von Bert Jansch, Merle Haggard, Allen Toussaint oder The Everly Brothers. Hinzu kommen die Neukomposition «High And Lonesome» von Plant mit Studioproduzent T-Bone Burnett sowie «Quattro (Worlds Drift In)» von der Roots-Band Calexico. Der Überraschungseffekt von damals ist natürlich weg. Ein feines Werk, dem man die Freude am gemeinsamen Singen anhört, ist Plant/Krauss aber in jedem Fall ein zweites Mal geglückt.

8. Deep Purple: Turning To Crime

«Das ist vielleicht unser letztes Album», sagte Roger Glover vor einem Jahr. Jetzt ist alles wieder anders. «Turning To Crime» heisst das neue Werk von Deep Purple. Und schon hat sich die Band wieder zu Songsessions für ein weiteres Album getroffen. Doch das aktuelle zeigt Deep Purple von einer anderen Seite. In den Anfangsjahren Ende der 60er hat die Band auch Songs von anderen Interpreten wie den Beatles, Jimi Hendrix und Ike & Tina Turner interpretiert, ein reines Coveralbum gab’s in der über 50-jährigen Geschichte von Deep Purple aber noch nie. Gehen der Band die Ideen aus? Bassist Roger Glover widerspricht. Das Problem sei ein anderes, wie er im Gespräch in seiner Wohngemeinde Frick ausführt: «Wir schreiben keine Songs. Vielmehr treffen wir uns, jammen ein bisschen und lassen die Songs spielend entstehen.» Dieses Vorgehen war aus den bekannten Gründen nicht möglich, weshalb sie für einmal auf andere Songs zurückgegriffen. Auf der Songliste befindet sich kein Hard Rock. Vielmehr sind viele Rock-‹n›-Roll-Stücke der 1950er-Jahre dabei sowie Songs der Yardbirds, von Love, Fleetwood Mac, Cream aus den 1960er-Jahren. «Es sind Songs, die uns geformt haben und Teil unserer musikalischen DNA geworden sind», sagt Glover. Deep Purple interpretieren die Songs natürlich anders. Auffällig ist aber, dass ein Grossteil ein rhythmisches Swingfeeling hat, die Songs leichter wirken als normale Purple-Songs. Ian Paice, ursprünglich ein Jazz-Drummer, aber auch Don Airey (Piano) und Sänger Ian Gillan fühlen sich auf diesem Parkett hörbar wohl. Überraschend für Schweizer Ohren sind die Songs «Dixie Chicken» und«Battle Of New Orleans». Aus Letzterem, einem Traditional, haben die Les Humphries Singers im Jahre 1972 den Mega-Hit «Mexico» geschustert und «Dixie Chicken», ursprünglich von Little Feat, kennen wir in der Mundartversion «Kiosk», dem grössten Hit von Rumpelstilz mit Polo Hofer. Beide Versionen sind dem Wahl-Schweizer Glover aber nicht bekannt. Und auch mit dem Namen Polo Hofer kann Glover nichts anfangen. «Ganz ehrlich, wir haben uns damals weder für Musik aus Deutschland noch aus der Schweiz interessiert», sagt er. Wir hätten es ja eh nicht verstanden.»

BEST OF Octobre: DIE BESTE MUSIK DES MONATS OKTOBER

1. Basements Saints: Stimulation

Die multinationale Combo Basement Saints um Sänger Anton Delen hat schon im Frühling auf sich aufmerksam gemacht. Coronabedingt wurden die Songs gestaffelt veröffentlicht. Jetzt ist das Trio auf Tour (am Sa 30. Okt im Z7 in Pratteln), weshalb die acht Songs im Album-Paket «Stimulation» zusammenfasst sind: In geballter Ladung. Markenzeichen der Band ist die aussergewöhnliche Stimme von Anton Delen. Eine Stimme wie ein Donnergrollen. Die Songs der langhaarigen Wilden riechen nach Whiskey, Rauch und Schweiss und sind in der Blütezeit des Rock zu verorten. Mehrheitlich sind es kompromisslose Riff-Kracher zwischen Hard- und Blues-Rock. Spürbar sind hierzulande seltene Leidenschaft, Wucht und Feuer. Basement Saints bedienen Retro-Gefühle und deuten an, dass noch viel mehr kommen kann. «Stimulation» ist ein Versprechen.

2. Velvet Two Stripes: Sugar Honey Iced Tea

Velvet Two Stripes sind zurück – rockig, rotzig, laut. «Sugar Honey Iced Tea» heisst das dritte Album der St.Galler Rockband. Überzuckert ist darauf nichts. Im Gegenteil: Die neun Songs zwischen Blues- und Garage-Rock sind sperrig, treibend, vielschichtig und dynamisch, versetzt mit ruhigen Parts, welche die verzerrten Ausbrüche umso wirkungsvoller machen. «Es ist unser wütendstes und sozialkritischstes Album», sagt Sängerin Sophie Diggelmann. «Sugar Honey Iced Tea» ist im Eigenvertrieb und ohne Label veröffentlicht worden. Aus der gehypten Nachwuchshoffnung ist eine Band geworden, die weiss, was sie will und wie sie es erreicht.

3. Sam Himself: Power Ballads

Der Basler Popmusiker Sam Himself ist mit seinem Debütalbum, das er grösstenteils in Eigenregie eingespielt hat, auf der Überholspur. «Power Ballads» heisst die Sammlung von zehn ausnahmslos starken Stücken, die mit den als Powerballaden bekannten Schmachthymnen der späten Eighties ¬wenig gemein haben. Der Widerspruch ist Kalkül. «Wer wie ich im Jahr 2021 Rockmusik macht, muss sich der Altlasten des Genres bewusst sein», sagt Sam Himself und führt aus, welche Attribute er von Bord werfen will: «All den Pomp, Pathos und Exzess, deretwegen Rock’n’roll völlig zurecht immer wieder für tot erklärt wird.» Entsprechend hat Sam Himself für sein Album-Debüt die Arrangements weiter entschlackt. Schon auf den bisher veröffentlichten drei EPs bewies er einen Hang zur luftigen Kargheit bei gemächlichem Tempo, auf «Power Ballads» betreibt Sam Himself diese Reduktion jedoch noch konsequenter.

4. James Gruntz: Movement

Ella Fitzgerald war die Königin des Scatgesangs. Dieser Gesangsart des Jazz, bei der Silbenfolgen ohne Wortbedeutung aneinandergereiht werden. Scatman John hat ihn auch zu Pop gemacht und mit Text kombiniert. James Gruntz verzichtet nun in seiner Scatversion völlig darauf. Das heisst auch: Nicht Wörter und Sätze bestimmen den Rhythmus, sondern einzig die musikalische Eingebung des Sängers. Gruntz lässt sich treiben und gibt sich der Musik hin. Himmlisch.

5. Crimer: Fake Nails

Den Rollkragenpulli hat Crimer im Kleiderschrank verstaut, der berühmte Mittelscheitel ist passé. Stattdessen trägt Alexander Frei Vokuhila und falsche Nägel. Es verwundert daher nicht, dass er sein neues Album «Fake Nails»tauft. Sie sind sein neues Markenzeichen. «Ich wollte nicht einfach mein altes Album reproduzieren, sondern Neues ausprobieren», sagt Crimer. 80ies-Sound sind geblieben, für die grosse Wiedererkennung sorgt allein seine Stimme. Doch plötzlich gesellen sich eine Gitarrenmelodie, ein Engelschor sowie ein Glockenspiel zu den glitzernden Synthies und elektronischen Drums. Wir lernen neue Facetten von Crimer kennen. Er habe versucht, das zu machen, worauf er Lust hatte – ohne den Druck, dabei bestimmten Konventionen entsprechen zu müssen.

6. GeilerAsDu: Versus

Meine Damen und Herren, das Rennen ist hiermit gelaufen: «Versus» von GeilerAsDu ist der beste Schweizer Rap-Track des Jahres. Das breitbeinig trabende Lied rechnet wortgewaltig und lustvoll mit dem Hamsterrad des Lebens ab. Zwar läuft grad einiges schief auf dieser Welt, aber Hauptsache: läuft. Systemkritik in witzig, blitzgescheit und doch tanzbar. Grossartig. Auch der Rest der EP der Luzerner ist einmal mehr höchst eindrücklich.

7. The Legendary Lightness: Bis doch froh

Jetzt auch noch Mundart. Die Zürcher von The Legendary Lightness waren schon vorher furchtlos durch die Genregrenzen gewandert und haben so etwas Eigenes kreiert. Auch «Bis doch froh» ist höchst eigenständig. Verkunstet ohne Pseudo-Ochsner-Poesie und musikalisch nie ganz fassbar. Zwischen Holper-Rock und Jazz ist auch noch das folkig-warme «Wett wüsse wo du hii bisch». Musik zum genau Hinhören. Michael Graber

8. John Coltrane: A Love Supreme. Live In Seattle

«A Love Supreme» ist das berühmteste und erfolgreichste Werk des Jazz-Erneuerers John Coltrane. Vom Popmagazin «Musikexpress» wurde es sogar zum besten Jazzalbum aller Zeiten gewählt. Im Dezember 1964 mit seinem klassischen Quartett (McCoy Tyner, Jimmy Garrison und Elvin Jones) aufgenommen, begründete dieses suitenartige Loblied auf Gott den Allmächtigen, den sogenannten Spiritual Jazz, der heute wieder topaktuell ist. Musikalisch ist die Studioaufnahme aber relativ konventionell, im damals geläufigen modalen Jazz gehalten. Live hat Coltrane das epochale Werk nur selten gespielt. Das macht die jetzt veröffentlichte Live-Aufnahme aus Seattle umso wichtiger. Der rastlose Saxofongott war damals auf der Suche nach einer neuen Intensität und Spiritualität. Coltranes Spiel wurde immer freier und ekstatischer. «Live In Seattle», nicht einmal ein Jahr später im Septett aufgenommen, dokumentiert diesen Prozess eindrücklich. Coltranes Spiel wurde schon zuvor von Kritikern als aggressiv, wütend und hässlich beschrieben. Doch die neuen, jungen Saxofonisten Carlos Ward (ab den 70er-Jahren bei Abdullah Ibrahim) und vor allem Pharoah Sanders spielten auf dieser Version von «A Love Supreme» noch radikaler, expressiver, wilder und freier. Sie haben dem zögernden Bandleader den Weg in neue Sphären gewiesen. Coltrane hob ab.

9. Tony Bennett & Lady Gaga: Love For Sale

Der 95-jährige Tony Bennet muss seine Karriere krankheitsbedingt beenden. Das Album «Love For Sale» mit Pop-Superstar Lady Gaga ist das  Vermächtnis und letzte Lebenszeichen eines grossen Künstlers. Bis zuletzt bleibt Bennett sich treu und interpretiert, unterstützt von einer Big Band, zwölf Songs wie «I Get Kick Out Of You», «Night and Day» oder «Just One Of Those Things» von Cole Porter, dem wohl begnadetsten amerikanischen Songschreiber. Seine Stimme ist noch einmal etwas brüchiger geworden, klingt aber immer noch bewundernswert kräftig und ­ausdrucksstark. Und Lady Gaga bestätigt, dass sie mehr ist als eine knallige Pop-Chanteuse. Auf diesem Parkett bewegt sie sich immer stilsicherer und mutiger. «Love For Sale» ist freilich alles andere als innovativ, nein, tausendfach ­gehört, tausendfach interpretiert. Aber immer noch erstklassig. Und zum letzten Mal gelingt es Tony Bennett, den Zeitbegriff ausser Kraft zu setzen. Thank you for the music, Tony!

10. Zaz: Isa

Sie hat die Popwelt mit ihrer unbekümmerten Art erobert und verzaubert. Sie war der Sonnenschein und Wirbelwind der des französischen Pop zwischen Chanson und Jazz. Doch seit ihrem grossen Durchbruch vor zehn Jahren ist viel passiert. 41-jährig ist Zaz inzwischen. Sie, die eigentlich Isabelle Geffroy heisst, hatte viel Zeit, sich mit sich selbst und der Welt zu befassen. So ist es nur logisch, dass sie sich auf ihrem neuen Album auf sich selbst besinnt und «Isa» nennt. «Isa» klingt melancholische und weniger unbeschwert als das, was wir von ihr kennen. Aber auch das Nachdenkliche und Besinnliche steht ihr gut. Und vor allem: Der Charme ist geblieben.

11. Yes: The Quest

Nach mehreren enttäuschenden Alben und dem Tod von Gründungsmitglied Chris Squire sah es schlecht aus für die Prog-Rock-Veteranen von Yes. Doch nun zeigt die Band auf einer gelungenen neuen Platte, dass mit ihr auch nach gut 50 Jahren noch zu rechnen ist. Steve Howe hat keine Lust, sich zu wiederholen. Der langjährige Yes-Gitarrist hat auf «The Quest», dem 22. Album seiner Band, deshalb neue musikalische Wege eingeschlagen. «Wir strengen uns an, Yes neu zu erfinden, etwas Frisches zu liefern. Es geht auf "The Quest" darum, vorgefasste Meinungen über Yes in Frage zu stellen.» Das neue Werk ist ein Sammelsurium verschiedener Musikstile. Nach dem E-Gitarren-lastigen Start entpuppt sich «The Quest» als ein recht entspanntes, fast sanftes Album, das der Akustikgitarre sehr viel Raum gibt. Tatsächlich sind die elf neuen Songs um Klassen besser als das, was Yes auf den drei oder vier vorherigen Alben abgeliefert hat.

BEST OF SEPTEMBRE: DIE BESTE MUSIK DES MONATS SEPTEMBER

1. Krokodil: Another Time

Krokodil, die erste Schweizer Rockband von internationalem Format und Ruf, ist zurück. 50 Jahre danach. Mit neuer Formation und dem neuen Album «Another Time». Von der Ur-Formation sind noch Düde Dürst und Terry Stevens dabei. Der erste Schweizer Rockmusiker, Gitarrist Walty Anselmo, hat Parkinson und kann nur noch als Gastmusiker mitmachen. Ihn ersetzt der Niederdörfler Adrian Weyermann (49). Der ehemalige Frontmann von Crank und The Weyers ist nicht nur der Wunschgitarrist von Düde Dürst, sondern auch von Anselmo. «Wir verstehen uns menschlich und musikalisch prächtig», sagt Weyermann, und Anselmo ist begeistert von der Arbeit seines Nachfolgers. Dazu kommt Erich Strebel, 50, ein geschmackvoller Keyboarder, der dem Krokodil eine neue Note gibt, sich gleichzeitig mit viel Musikalität und Gespür in den Kosmos von Psychedelia einfügt.

Trotz neuer Formation und neuer Instrumentierung gelingt es dem neuen Krokodil, ans alte Krokodil anzuknüpfen. Noch immer ist alles möglich, noch immer gibt es den Freiraum, Breaks und Rhythmuswechsel. Die Stücke können schon mal bis acht Minuten lang sein, der Sound ist psychedelisch. Aber die Pionierzeit ist natürlich längst verflogen, «Another Time». Aber auch das neue Krokodil setzt auf die Kraft des Kollektivs. Oft gibt Dürst das rhythmische Grundgerüst vor, Weyermann fügt eine Idee dazu, das Stück wird aber zusammen in der Band erarbeitet. Jeder gibt sich in den kreativen Prozess ein. Krokodil-Groove.

So ist zwar Adrian Weyermann der erste und beste Sänger der Band, doch auch Strebel, Stevens und Anselmo haben ihre Parts als Leadsänger. Der Song «Shadow Blues» hat Weyermann dem Sänger Anselmo auf den Leib geschrieben. Umwerfend! Unnachahmlich hinter dem Beat singt Terry Stevens auf «Better Slow Down». Eine Kiffer-Hymne für das ewige Lächeln. Zum Schmunzeln schön und ein potenzieller Hit – wenn der Song nicht acht Minuten lang wäre. Das Krokodil ist mehr als ein Nostalgie-Projekt aus der Gründerzeit des Schweizer Rock. Die Band ist ambitioniert, und gebucht sind Konzerte auch schon in Deutschland. Ist «Another Time» vielleicht sogar das beste Album von Krokodil? Dürst lächelt verschmitzt und meint im breitesten Züritüütsch: «Scho no mögli.»

2. Pablo Infernal: Mount Angeles

Die Zürcher Rockband Pablo Infernal gehört zu jenen jüngeren Schweizer Rockbands, die ihren Sound erfrischend unverfroren hinbrettern. Auf ihrem dritten Album «Mount Angeles» bedient sich das famose Quartett in der Pop- und Rockhistorie. Mehr als einmal klingen die Beatles durch, Elvis und Ravel werden augenzwinkernd zitiert und immer wieder überrascht die Band mit originellen Wendungen und Brüchen. Das ist ein grosser Spass und grosse Klasse.

3. Lea Lu: I Call You

Zuletzt prodzierte die Schweizer SingerSongwriterin Lea Lu noch im Alleingang. Für ihr neues Album «I Call You» hat sie nun aber Könner aus dem Schweizer Jazzlager wie Claudio Strüby (Schlagzeug) und Shems Bendali (Trompete), die Sängerin Daniela Sarda sowie den kreativen Kanadier Mocky um sich geschart. Sie bleibt dabei dem Folk-Pop treu und serviert 13 luftige und geschmackvolle Köstlichkeiten mit jazziger Schlagseite. Vor allem die Beiträge mit den Posaunisten Andreas Tschopp und Nils Wogram sowie dem Bassklarinettisten Rafael Schilt, geben den Songs eine spezielle Note.

4. Baze Fabian M. Müller: Kraake

Irgendwo zwischen Lebensturbulenzen, Gefühlsstürmen und Gewitterwolken am Himmel. Jazzmusiker Fabian M. Müller und Rapper Baze nehmen uns mit auf eine Schifffahrt ins gefühlte Bermudadreieck. Kraake heisst die Band, die sie ins Leben gerufen haben, um in unsere Leben etwas Unruhe zu platzieren. Baze brummelt seine Texte, manchmal nuschelnd, manchmal entschlossen. Müller lässt sie klingen. An den Tasten und Effekten. Mal klingt es wie ein Gurgeln, mal wie ein nervöses Zucken. Nicht alles ist deprimierend auf dieser Platte. Und manchmal hat es genau durch die Traurigkeit eine tröstende Kraft. Der Kraake schafft es zwar, unser Schiff in bedrohliche Lagen zu bringen, ganz hinunterziehen kann er den Kahn aber nicht. Kurz vor Ende der Platte reisst der Himmel auf, die Sonne kommt, die Wellen verebben. «Wenn i ehrlech bi, isch es viu schöner aus i mrs je vorgsteut ha», sagt Baze. Zu sich, zu uns. Es ist nicht nur schöner, es ist sogar «viu, viu, viu, viu» schöner.

5. Lindsay Buckingham: Lindsay Buckingham

Als Sänger, Gitarrist und Songwriter prägte Lindsey Buckingham den Sound von Fleetwood Mac. Nach seinem überraschenden Rauswurf und gesundheitlichen Problemen veröffentlicht der 71-Jährige jetzt ein hervorragendes Soloalbum, das klanglich an seine Ex-Band erinnert. Der Bruch mit seiner Ex-Freundin Nicks führte allerdings dazu, dass er 2018 gefeuert wurde. Ein Jahr später musste er sich einer Operation am offenen Herzen unterziehen. Nun meldet er sich musikalisch zurück und zeigt, dass seine Ex-Kollegen vielleicht einen Fehler gemacht haben. Zehn Jahre nach «Seeds We Sow» präsentiert der 71-jährige Buckingham auf seinem selbstbetitelten neuen Soloalbum zehn Songs, die sehr frisch und trotzdem zeitlos klingen. Das war schon immer eine seiner Stärken. Harmonischer Background-Gesang, treibende Rhythmen und Buckinghams markantes Gitarrenspiel prägen die Songs.Wie sehr der radiotaugliche Fleetwood-Sound der 70er und 80er Jahre und der Stil von Buckingham miteinander verwoben sind, wird auf dieser Scheibe wieder deutlich. Eigentlich fehlt nur die Stimme von Stevie Nicks oder Christine McVie. Buckingham hat Sängerinnen mit ähnlicher Klangfarbe engagiert. Fast jedes Lied hätte so auch auf ein Album der britisch-amerikanischen Supergroup gepasst, die seit 2003 keins mehr veröffentlicht hat. Während Fleetwood Mac nur ihre grössten Hits runterspielen, überzeugt Buckingham solo mit neuer Musik.

6. Odd Beholder: Sunny Bay

Was gestern noch lustig war, wird plötzlich ernst. Odd Beholder, wie sich die Badener Musikerin und Sängerin Daniela Weinmann nennt, besingt Jugendliche, die früher Katastrophenfilme schauten und nun mitten in der Klimakatastrophe sind. Die Strassen geflutet, wenig Rettung. Weinmann singt über Dunkles und macht dazu träumerischen Pop. Es lohnt sich, auf die Texte zu hören und dann beim Tanzen zusammenzuzucken.

7. Kush K: Your Humming

Wie schnell die Welt dreht, ist erst durch komponierte Langsamkeit deutlich zu spüren. Kush K bremsen ihre Songs zuweilen bis zum Stillstand runter. Darum nehmen wir die Lieder auch so intensiv auf. Sie fliessen in die Ohren und lassen uns weg schweben. Gemächlich driftet man über die Landschaften, verfolgt Bäche, die zu Flüssen werden, und geniesst den Space so nahe über dem Boden. «Your Humming» heisst das sanft gleitende Raumschiff, das Kush K gebaut haben. Es ist nach «Lotophagi» (2020) ihre zweite Platte. Die fünf Musikerinnen und Musiker machen träumerischen Pop, der auch mal in psychedelische Gefilde abdriftet, aber die Erdung nie verliert. «Euphoria» ist von schön schlurfender Glückseligkeit. Plötzlich schlängeln sich noch Bläser in die karge Melodie, und in Gedanken taucht am Horizont langsam die Sonne auf. Das Titelstück «Your Humming» dauert fast elf Minuten. Es passiert wenig, doch bei jedem Hören gibt es in der scheinbaren Gleichförmigkeit neue Facetten zu entdecken. Da singt ein leises Chörlein, es rasselt, dann setzt der Gesang ein. Längst ist man gefangen im dunklen Sog dieses Songs. Catia Lanfranchi, Nicolas Habegger, Pascal Eugster, Paul Amereller und neu Lorraine Dinkel lassen die Klänge ineinanderfliessen, lassen sie passieren. Es wirkt improvisiert und doch immer strukturiert. Fast schon hypnotisch sind die sieben Songs. Wohltuend entschleunigt und wunderbar unkonkret. Und vor allem Lanfranchis Stimme strahlt Ruhe und Wärme aus. 41 Minuten und elf Sekunden, in denen die Zeit etwas langsamer tickt.

8. Steve Gunn: Another You

Steve Gunn scheint seine innere Ruhe gefunden zu haben. Völlig locker schlängelt sich seine neue Platte «Other You» voran. Der Gitarrist ist immer noch hoch virtuos, verliert sich aber deutlich seltener in seiner Virtuosität als früher. Auch die Schwermut hat er offenbar abgeschüttelt und scheint zufrieden mit sich und der Welt. Das tut den Songs gut. Anspruchsvoller Folk, der den Pop manchmal umarmt und wieder wegstösst.

9. Jake Bugg: Saturday Night, Sunday Morning

Wer Jake Bugg bislang als Retro-Gitarrensongschreiber kannte, wird umdenken müssen. Der 27-jährige Engländer macht jetzt Pop. Er war der führende Retro-Singer-Songwriter einer neuen Generation. Doch begann er sich in der Nische zu langweilen, die Musik war nicht mehr spannend. Deshalb will er sich auf dem fünften Album «Saturday Night, Sunday Morning» ganz neu kalibrieren. Was das heisst? Jake Bugg hat mit inzwischen 27 Lebensjahren die am jüngsten klingende Platte seiner Karriere gemacht. Die persönliche Hochstimmung hat der Engländer auf die frische neue Songsammlung «Saturday Night, Sunday Morning» übertragen. Jake Bugg hat das leicht nölige Element in seiner Musik abgelegt und ist plötzlich jemand, zu dessen Songs man sogar tanzen kann. «Lost» zum Beispiel lässt sich, ohne zu übertreiben, als Discosong beschreiben. In diesem Lied verarbeitet er seine tiefe und lebenslange Liebe zu ABBA.

BEST OF AUGUST: DIE BESTE MUSIK DES MONATS AUGUST

1. Billie Eilish: Happier Than Ever

Das, was unter dem schweren Gucci-Hoodie, den Billie Eilish mit dem neuen Album “Happier Than Ever» abgelegt hat, zum Vorschein kommt, klingt ziemlich verletzlich. Die Texte erzählen vom Wachsen und Entwachsen, von Brüchen in dem Teenagerleben, das seit dem Durchbruch 2016 von der medialen Öffentlichkeit gespiegelt wird. Im neuen Album begegnet man Stalkern, verletzenden Ex-Freunden. Man hört weniger Bass als im Hit «Bad Guy», die Songs klingen gesetzter, zeitweise so melancholisch, dass man an Lana Del Rey oder Lorde denken muss. Der «Billie Bossa Nova» oder der futuristische, bissige Drive in «Oxytocin» funken diesem Klang dazwischen. Und spätestens in «My Future» hält Billy Eilish dagegen: «I, I’m in love / With my future / Can’t wait to meet her» – Ich liebe meine Zukunft, ich kann es nicht erwarten, ihr zu begegnen. Für diese Zukunft hat sie sich «entblösst», der grungige Look mit den Codes der Subkulturen der Elektro- und Hip-Hop-Szene hat sich aufgelöst. Die grünen Streifen in den schwarzen Haaren sind einer blonden Marilyn-Monroe-Mähne gewichen. Statt übergrossen Pullovern mit Markenprint schmiegt sich Eilish auf dem Album-Cover in einen beigen Kaschmirpullover. Die Farbe ist so erwachsen wie das neue Auftreten. Billie Eilish ist kein Wunderkind mehr, sondern eine Künstlerin, die sich zu vermarkten weiss. Jede Zeile ist bewusst gesetzt, zu den Musikvideos führte sie selbst Regie. Es ist eine Selbstbestimmung, die im Album hörbar ist, und vor allem Mut stiftet, es ihr gleich zu tun und die Fäden selbst in die Hand zu nehmen. Schliesslich scheint es zu funktionieren, zumindest Billie Eilish ist «Happier Than Ever» – glücklicher denn je.

2. Inga Rumpf: Universe Of Dreams & Hidden Tracks

Inga Rumpf zählte in der Gründerzeit des Rock zu den wenigen Sängerinnen, die sich in dieser Männerwelt durchsetzten. Ihr Markenzeichen war aber die aussergewöhnliche Stimme, die nicht nur einfach kräftig war, sondern auch dunkel, verraucht und etwas verrucht. Jetzt, zum 75. Geburtstag meldet sie sich zurück und gleich mit einem Doppelalbum. Auf dem neuen Album «Universe Of Dreams» mit alten und neuen Liedern beweist Rumpf, dass sie nichts an Ausdrucksstärke und Intensität verloren hat. Dazu kommt das Album «Hidden Tracks» mit unveröffentlichtem Material: Die deutsche Sängerin hat Ende der 80er-Jahre in London Songs eingespielt mit den Rolling-Stones-Musikern Keith Richards, Ronnie Wood, Mick Taylor sowie zwei Flaschen Jack Daniel’s und einer Kiste bayrischem Bier. Das passt.

3. Lorde: Solar Power

Lorde ist die Meisterin der kreativen Verknappung. Die in Auckland geborene und dort noch immer überwiegend ansässige Neuseeländerin hat in den letzten drei Jahren kaum von sich hören lassen. Über die gesunde Balance in ihrem Leben hat die heute 24-Jährige nun ein Album aufgenommen, von dem es eine Vinyl-Ausgabe gibt, aber keine CD. Eine Zurück-zur-Natur-Platte. Hier zirpen die Zikaden, hier wird in bester Hippiemädchenmanier Cannabis konsumiert. Hier schwebt über allem dieses angenehm leichte, unbelastete Sommerbrisen-Gefühl. «Solar Power», an dem Lorde wieder mit ihren Stammkollaborateuren Jack Antonoff (The Bleachers) und Malay arbeitete, ist kein schweres Album. Sondern ein entspannendes, tiefes und bewusstes Ein- und Ausatmen, wie man es vom Yoga kennt. Musikalisch hat sich Lorde mit «Solar Power» noch weiter aus dem Rattenrennen um Chartrekorde und die meisten Clicks verabschiedet. Die Songs sind subtil, die Melodien zart. Die elektronische Ausrüstung hat sie bis auf einen alten Synthesizer aus dem Studio verbannt und verlässt sich ganz auf die akustische Gitarre und ihre wundervolle Stimme.

4. Brandee Younger: Somewhere Different

Die Harfe und der Jazz stammen aus zwei verschiedenen musikalischen Universen. Und doch haben zwei Harfenistinnen in der Vergangenheit bewiesen, dass das Engelsinstrument im Jazz kein Fremdkörper sein muss. Die eine ist Dorothy Ashby, die die Harfe im modernen Jazz eingeführt und mit ihrem rhythmischen Spiel unter anderem auch Andreas Vollenweider stark beeinflusst hat. Die andere ist Alice Coltrane. Die 2007 verstorbene Witwe des Saxofonisten John Coltrane erlebt gerade eine Art Revival. Eben sind unveröffentlichte Aufnahmen mit mantrischen Gesängen von ihr erschienen. Weit interessanter ist aber ihr Beitrag als Harfenistin und Vertreterin des sogenannten Spiritual Jazz. Auf die Göttin des Spiritual Jazz, die ihre Harfentöne netzartig über die atmosphärische Musik legte, beziehen sich heute viele Musikerinnen und Musiker des jungen Londoner Jazz, aber auch die 38-jährige US-Harfenistin Brandee Younger. Sie führt das Erbe von Dorothy Ashby und Alice Coltrane weiter, erneuert und aktualisiert es auf ihrem neuen Album «Somewhere Different» auf himmlische Art und Weise. Mit Gastsolist Ron Carter würdigt sie die Jazztradition, mit der Vokalistin Tarriona «Tank» Ball von Tank und den Bangas zeigt sie ihre zeitgenössische Seite. Mit Anklängen an R’n’B und Hip-Hop überschreitet sie Grenzen und erweitert das Harfen-Vokabular.

5. Annakin: The Light Before Love Disappears

Annakin war schon lange fasziniert vom Anblick dieser Musikdosen. Die fragile Musik, und oben das Püppchen, das sich stoisch im Kreis dreht, bis die Energie ausgeht und man sie wieder aufziehen muss. Nun hat sie die Erfindung des Genfer Uhrmachers Antoine Favre aus dem Jahr 1796 in ihre Musik übersetzt. Der englische Produzent Ed Harcourt zeichnete für das ganze Album mitverantwortlich. Seine Versiertheit mit feisten organischen Klängen (auffällig: die Glocken!), aber auch mit Synthesizer-Sounds und pfundigem Schlagzeug geben Annakins schwereloser Stimme und herrlichen Refrains Gewicht, aber auch Wärme.

6. Bleachers: Take The Sadness Out Of Saturday Night

Der gerade extrem gefragte Sänger, Songschreiber und Produzent Jack Antonoff ist Experte für den sensiblen Superstarpop. Aber auch alleine kann er glänzen, wie «Take The Sadness Out Of Saturday Night», sein drittes Album unter dem Namen Bleachers, beeindruckend belegt. Seine Spezialität ist geschmackvolle, etwas dezente, aber doch effektive Popmusik, gern mit Geigen, akustischen Gitarren, einer feinen Melodie und authentischem Text. Seit geraumer Zeit ist er der Mann für die Superstarproduktionen. Mit Taylor Swift arbeitete Jack an «1989» und «Folklore», mit Lana Del Rey konzipierte er das tolle «Norman Fucking Rockwell»-Album, für St. Vincents «Masseduction» bekam er einen weiteren Grammy (insgesamt sind es inzwischen fünf), und auch an Lordes Werk «Solar Power» (siehe oben) arbeitete er intensiv mit. Auf «Take The Sadness Out Of Saturday Night» verstreut er seinen Zauber jedenfalls grossflächig. Das Album ist ein bisschen wie Antonoff selbst – schwer zu durchschauen, aber genial. Er hat ein paar sehr zackige, von Bläsern vorangetriebene und euphorisierende Popsongs wie «How Dare You Want More» und «Stop Making This Hurt» im Angebot. Aber auch reichlich nachdenkliches, ja trauriges Material wie «Secret Life», auf dem Lana Del Rey mitsingt. Einen besseren Duett-Partner als Bruce Springsteen hätte er sodann nicht finden können. Gemeinsam singen sie eine Strophe auf «Chinatown», einem klanglich hübsch intimen Lied über die Fahrt mit der neuen Freundin heim nach New Jersey, um sie dort den Eltern vorzustellen. «Bruce ist mein Kindheitsidol und meine grösste Inspirationsquelle», so Antonoff, «seine Musik hat mich stets begleitet und bestärkt.» Nur folgerichtig also, dass sich das ganze Album angenehm Spring­steen-nah anhört.

7. Peter Schärli Trio featuring Glenn Ferris: Give

Im schnell sich drehenden Karussell der musikalischen Neuheiten und Trends ist Peter Schärli ein sicherer Wert. Seit über 40 Jahren steht er auf der Bühne, veröffentlicht Alben, schreibt Musik und macht die Menschen, die daran teilhaben, glücklich damit. Jetzt bringt uns das bunte Cover mit der untrüglichen grafischen Handschrift von Niklaus Troxler ein neues Schärli Album, und es gehört zu seinen Allerbesten. Das mit dem langjährigen Stammgast Glenn Ferris erweiterte Trio ist in beneidenswerter Form. Zur Erinnerung für die Big Name-Fetischisten: Das ist jener Glenn Ferris, der mit Frank Zappa, Don Ellis, Tim Buckley, Quincy Jones oder Stevie Wonder gespielt hat. Das neue Album heisst «Give», enthält sieben Kompositionen und klingt wie aus einem Guss. Die Musik strahlt in Gelassenheit, schmeichelt unsere Sinne, stimmt uns fröhlich. Neben Schärli haben auch seine Mitmusiker Glenn Ferris, Hans Peter Pfammatter und Thomas Dürst Stücke geschrieben. Jeder der Musiker bekommt Platz, um sich mit seinem Sound und Handwerk unprätentiös in Szene zu setzen. Die melodische Freiheit von Schärli, der luftige Swing von Ferris, die fein artikulierende Pianokunst von Pfammatter und die zuverlässige Herzlinie von Bassist Dürst fliessen im Kollektiv zu einem bezwingenden Ganzen. Der sichere Wert von Schärli heisst nicht Zeitgeist oder Innovation auf Biegen und Brechen. Seine Qualität ist, das hervorzubringen, was im Jazz, in der Musik immer schon zählte, und es in raffinierter Schlichtheit neu erlebbar zu machen.

BEST OF JULY: DIE BESTE MUSIK DES MONATS JULI

1. Tedeschi Trucks Band: Layla Revisited (Live At LOCKN’)

Das Album «Layla and Other Assorted Love Songs» markierte einen Höhepunkt im Schaffen von Gitarrengott Eric Clapton. Im Dezember 1970 mit seiner damaligen Band Derek & The Dominos veröffentlicht, ist der Titelsong «Layla» ein Rock-Klassiker. Das Doppelalbum selbst gehört zu den «500 besten Alben aller Zeiten» der Zeitschrift «Rolling Stone». Eigentlich kann man ja nur scheitern, wenn man sich heute, 50 Jahre danach, an ein solches Meisterwerk wagt. Trotzdem stürzte sich die Tedeschi Trucks Band in das Abenteuer, das ganze Doppelalbum Song für Song an einem Konzert des LOCKN’ Festivals in Arrington/Virginia zu interpretieren.

«Layla Revisited» ist mehr als eine Verbeugung vor diesem Meisterwerk der Rockgeschichte. Es ist ein Fest der Musik, gefeiert von einer der besten Bands der Gegenwart. Im Mittelpunkt steht natürlich die grandiose Gitarrenarbeit von Derek Trucks. Kongenial und gefühlvoll sekundiert wird er vom Gitarrenkollegen Trey Anastasio, bekannt von der amerikanischen Band Phish und selbst ein grosser Gitarrenmeister. Er übernimmt auf dem Remake die Rolle von Duane Allman und singt auch. Die Interaktionen der beiden Gitarristen, die Gitarrenduelle, die sich ins Ekstatische steigern, sind die Höhepunkte auf diesem feinen Remake. Der soulige Gesang von Co-Leaderin Susan Tedeschi setzt dem Ganzen noch die Krone auf.

Dabei werden die Originalsongs gar nicht gross verändert. Ergänzt durch Bläsersektion und Backing Vocals, bleibt das Grundgerüst bestehen. Doch das Remake lebt von der Instrumentalkunst der Exponenten und deren Individualität. Sie erlaubt eine Ausdehnung des Werks von ursprünglich 75 auf fast 100 Minuten. Von diesem inspirierenden, begeisternden Feuerwerk können wir einfach nicht genug kriegen.

2. Emma-Jean Thackray: Yellow

Dancefloor trifft abgespacten Spiritual-Jazz, Afro Beat und englische Brassband. Die Musik der 31-jährigen Emma-Jean Thackray klingt so, wie wenn sich Sun Ra, Alice Coltrane mit Fela Kuti und den Hip-Hop-Soundtüftlern DJ Dilla und Madlib zu einer Jamsession treffen würden. «Yellow» heisst das Debüt der gefeierten Musikerin, Bandleaderin, Komponistin, Sängerin, Keyboarderin und Trompeterin, Radiomoderatorin und Labelchefin, das in ihrer Heimat als «next hot shit» gehandelt wird. Emma-Jean Thackray ist die «Supernova im Biotop des hippen britischen Nu Jazz» («Guardian»). Umso spannender ist Emma-Jean Thackray, als sie sich allen klischierten Vorstellungen eines hippen, jungen und neuen Crossover-Stars widersetzt. Statt Rastazopf trägt sie Brille. Ihre Vorfahren kommen nicht aus Afrika oder der Karibik, wie man aufgrund ihres Sounds vermuten könnte. Sie ist weiss, klein, pummelig und stammt aus Yorkshire, dem ländlich geprägten Norden Englands, dort wo Blaskapellen eine lange und reiche Tradition haben. Sie arbeitete mit dem London Symphony Orchestra, spielt Free Jazz, vermählt Digitales und Akustisches, um jetzt wieder in poppige, tanzbare Gefilde einzutauchen. Party und Spiritualität sind bei ihr keine Gegensätze. Die Ernsthaftigkeit von Emma-Jean Thackray macht Spass, grossen Spass.

3. David Crosby: For Free

Mit seinen alten Bandkollegen Stephen Stills, Graham Nash und Neil Young will er sich nicht versöhnen und hält eine letzte Wiedervereinigung von Crosby, Stills, Nash & Young für unrealistisch. Umso versöhnlicher klingen die Lieder, die der bald 80-jährige Barde zusammen mit seinem Sohn dem 59-jährigen Filmkomponisten James Raymond geschrieben und produziert hat. „For Free“ ist ein meisterhaftes, betörend schönes und entspanntes Spätwerk eines legendären Musikers, der sich und der Welt nichts mehr beweisen muss. Crosbys Stimme hat sich erstaunlich gut gehalten. Höhepunkte sind die beiden Duette mit Doobie Brother Michael McDonald und der Titelsong mit der wunderbaren Sarah Jarosz.

4. Jackson Browne: Downhill From Everywhere

Im Duell der beiden Pioniere des kalifornischen Westcoast-Sounds hat der sechs Jahre ältere David Crosby gegenüber Jackson Browne die Nase vorne. Doch auch Brownes Alterwerk lässt sich sehr wohl hören. Die Stimme des 72-jährigen Troubadours verströmt eine wohlige Wärme, der Sound ist entspannt wie eh und je und Songs wie «Minutes To Downtown», «Love Is Love» klingen wie Heimkommen.

5. Prince: Welcome 2 America

«Welcome 2 America» ist ein grosses Fest vor allem für Pop-Fans, die Prince über Hits wie «1999» oder «Purple Rain» kennen. Wie der mit 57 Jahren gestorbene Prince auch hier wieder Soul, Rock, Funk-Jazz und Hip-Hop zu einem ambitionierten und tanzbaren Mix verrührt, ist eine Meisterleistung. Der Auftakt des «neuen» Albums, der Titelsong «Welcome 2 America», lässt sofort alle Fehlentscheidungen und Schlampigkeiten dieses begnadeten Musikers vergessen: Ein cooler Bass-Groove, Triangel, Fingerschnipsen, weibliche Soul-Chorstimmen, dann der unnachahmliche Sprechgesang, irgendwann kommt dessen typische Funk-Gitarre hinzu. Nicht nur musikalisch erinnert dieses Stück an seinen vielleicht grössten Song, das wütende «Sign O’ The Times» von 1987. Die Botschaft des Stücks weist Prince abermals als scharfsinnigen Beobachter der bitteren Realitäten in seinem Heimatland aus. Der zynische US-Kapitalismus, Ungleichheit, Rassismus, öffentliche Lügen, die unsozialen Medien – all das klingt an. «Die Welt ist voller Desinformation. George Orwells Vision der Zukunft ist schon da», sagte Prince 2010. Auch später hört man Gesellschaftskritik in den musikalisch sehr abwechslungsreichen, zugänglichen Liedern – und muss manchmal an die wichtigen Polit-Soul-Alben der 70er-Jahre von Curtis Mayfield oder Marvin Gaye denken. Ein erotisch aufgeladener Falsett-Schmachtfetzen und Groove-Granaten finden sich auf dem Album. Keines der bisherigen Posthum-Alben begeistert so wie das brandneue «Welcome 2 America» aus den Tiefen eines Prince-Tresors.

6. Cha Wa: My People

Zur vielfältigen Musiktradition von New Orleans gehört auch jene der Mardi Gras Indians. Sie geht zurück auf die Zeit als flüchtende Sklaven aus der Karibik in New Orleans bei Native Americans Unterschlupf suchten und sich mit ihnen vermischten. Die ursprüngliche Musik bestand aus Gesang und Perkussion und wurde nur auf Strassen aufgeführt. Die Musiker und Musikerinnen kleideten sich in den farbigen Federkostümen der Native Americans. Die Band Cha Wa um Joe Gelini und Joseph Boudreaux jr. hat diese Tradition mit aktuellen Instrumenten der Pop- und Rockmusik weiterentwickelt, auf die Bühne gebracht und ins Hier und Heute überführt.

7. John Mayer: Sob Rock

Seine Absicht ist klar: Nach den Monaten der Entbehrung und des Verzichts will der amerikanische Superstar John Mayer mit seiner Musik trösten und aufmuntern. Sein neues Album «Sob Rock» ist ein Trip in eine Wohlfühloase. Der schluchzende Softrock plätschert manchmal bedrohlich Richtung Belanglosigkeit. Zum Glück ist da sein grandioses Gitarrenspiel. Es macht auch John Mayers achtes Album zu einem musikalischen Hochgenuss.