Wenn aus Spass amtlicher Ernst wird: Taugen Satiriker als Politiker?

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Wenn aus Spass amtlicher Ernst wird: Taugen Satiriker als Politiker?

Jannes van den Wouwer/Unsplash

Meint Andreas Thiel das ernst? Ist der Marco Rima wirklich so drauf? Satiriker und Comedians in politischer Mission gibt es immer wieder. Warum sich die beiden Wirkungsfelder nicht immer vertragen.

Julia Stephan
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Kann man als Satiriker glaubwürdig in die Rolle eines verantwortungsvollen Politikers schlüpfen? In Deutschland scheiden sich an dieser Frage gerade die Geister. Schuld ist der Kabarettist Nico Semsrott. In der Schweiz kennt man den depressiven Kapuzenpulli-Träger vor allem von Bühnenauftritten. Seit 2019 sitzt er für das deutsche Satireprojekt «Die Partei» im EU-Parlament. Und er nimmt seinen Parlamentarierjob ernst. Zu ernst, finden manche. Denn Semsrott ist wütend. Wütend auf seinen Parteikollegen, den Parteigründer Martin Sonneborn.

Sind sich nicht mehr einig: EU-Parlamentarier und Kabarettist Nico Semsrott (links) mit seinem Parteikollegen Martin Sonneborn.

Sind sich nicht mehr einig: EU-Parlamentarier und Kabarettist Nico Semsrott (links) mit seinem Parteikollegen Martin Sonneborn.

Bild: Fabian Stürtz / BLZ

Vor zwei Wochen kündigte Semsrott den Austritt aus der Satirepartei an. In einem Schreiben auf Twitter nannte er als Grund Sonneborns «ignoranten Umgang mit Feedback». Der ehemalige Chefredaktor des «Titanic»-Satiremagazins zeige gegenüber Menschen, die sich von seinen Scherzen rassistisch angegriffen fühlen, keinerlei Empathie. Semsrott schreibt:

«Auch wenn wir beide glücklicherweise weit davon entfernt sind, irgendwo an nennenswerte politische Ämter zu kommen, tragen wir in unseren Rollen Verantwortung.»

Neben der Frage nach den Grenzen von Satire zeigt der Streit vor allem eines: Satirikerinnen und Satiriker, die ein politisches Amt ausüben, interpretieren ihre Rollen individuell anders – und die Öffentlichkeit sieht ihr Wirken nochmals in einem völlig anderen Licht. Diese Erfahrung machte schon der 1977 verstorbene Schweizer Kabarettist Alfred Rasser. Der Schöpfer der kultigen Soldatenfigur H. D. Läppli war ein spät berufener Politiker. Als Parteimitglied des Landesrings der Unabhängigen hielt sich Rasser von 1967 bis 1975 für zwei Legislaturperioden im Nationalrat.

In einem Film erinnert sich SP-Nationalratskollege Andreas Gerwig an die Anfeindungen, die Rasser erlebte: Der Durchschnittsnationalrat habe die Gesellschaftskritik von Rassers Kabarett mit Lachen hingenommen. «Sobald Rasser aber das Gleiche im Parlament sagte und es nicht mehr ums Lachen ging, hat man ihn bekämpft», so Gerwig.

Alfred Rasser um das Jahr 1970 vor einem seiner Auftrittsplakate.

Alfred Rasser um das Jahr 1970 vor einem seiner Auftrittsplakate.

Bild: Waldemar Gerber / Ullstein Bild Dtl.

Dabei hatte Rasser wie jeder Satiriker auch mit seinem Kabarett schon immer ein gesellschaftspolitisches Anliegen verfolgt. «Satire will die Welt anders haben, als sie ist, nämlich gut, wie schon Kurt Tucholsky sagte», erläutert die deutsche Germanistin und Satire-Expertin Jennifer Neumann. «Daher geht Satire im Prinzip sehr gut mit politischer Verantwortung zusammen, da Politik ebenso wie Satire auf Veränderung – zum Positiven – abzielt», so Neumann.

Die Gesellschaft der damaligen Zeit sah das freilich anders. Als Rasser, noch kein Parlamentarier und noch ganz Kabarettist, 1954 die Volksrepublik China bereiste, verschrie ihn die Öffentlichkeit als Kommunisten. Auf den Bühnen bekam er Hausverbot, die Karriere bekam einen Knick.

Der Verdacht der Distanzlosigkeit

Fehlende Distanz zum Gegenstand bemängelte man 2014 auch beim Satiriker Andreas Thiel.

Andreas Thiel als Bühnenfigur. Den Irokesenschnitt ist er inzwischen los.

Andreas Thiel als Bühnenfigur. Den Irokesenschnitt ist er inzwischen los.

Bild: zvg

Als er in der «Weltwoche» den Koran nach intensiver Lektüre als «Aufruf zur Gewalt» interpretierte, rätselte die Schweiz: Waren das die Gedanken eines Satirikers, der eine tolerante Gemeinschaft auf ihre Kurzsichtigkeit hinweisen wollte? Oder war das eine politische Streitschrift? Humorbegabte Gelehrte rieten Thiel zu mehr Humor, ansonsten war man geschockt bis konsterniert. Und auch Thiel stand plötzlich vor verschlossenen Kulturhäusern. Wenn er heute auf Anti-Corona-Demos auftritt, wenn er auf Facebook Gerichtsurteile über Maskenverweigerer kommentiert, scheinen sich die Fronten allerdings geklärt zu haben: Thiel hat seine Satirikerrolle an der Garderobe abgegeben.

Marco Rima hingegen scheint gerade erst politisiert zu werden. Jahrzehntelang war der Komiker durch seinen harmlosen Humor Sympathieträger der Massen. In Videos kleidet er seine Kritik an den Coronamassnahmen zwar lüpfig-komödiantisch bis süffisant ein. Rima engagiert sich aber auch politisch, sammelt Stimmen für eine Volksinitiative gegen eine Impfpflicht, schenkt Anti-Corona-Demos sein Gesicht. Es ist ihm ernst. Ob seine Fangemeinde sich durch diese Politisierung verringert hat, wird sich nach der Pandemie zeigen. Doch anders als ein Jan Böhmermann, der selbst bei der Beantragung einer SPD-Mitgliedschaft nicht richtig greifbar ist, geht es bei Rima um kein mehrdeutiges, subversives Spiel mit den Gepflogenheiten in der Politik.

Youtube

Es sei etwas grundlegend anderes, wenn ehemalige Satiriker oder Comedians den «Modus des Humorvollen nutzen, um eine eigene politische Agenda zu verfolgen», sagt auch der deutsche Medienwissenschafter Benedikt Porzelt. «In diesem Fall funktioniert dieser Modus weniger als Kritikform, sondern vielmehr als Wahlkampf- oder Kommunikationsstrategie im Kampf um politischen Einfluss», sagt er.

Und dieser Modus des Humorvollen, ergänzt Germanistin Jennifer Neumann, sei auch bei Politikern und Politikern weit verbreitet. «Plattformen wie Twitter und Co. eröffnen ihnen ganz neue Wirkungsmöglichkeiten, etwa zur Gewinnung von Sympathie. Politikerinnen und Politiker aus den USA zeigen sich schon lange in Satiresendungen wie Late-Night-Shows, um der Wählerschaft Selbstironie und Nahbarkeit zu suggerieren», so die Wissenschafterin.

Philippe Kuhn und Patti Basler.

Philippe Kuhn und Patti Basler.

Bild: André Albrecht

Es gibt für Satiriker also 1000 Gründe, um politisch aktiv zu werden: Sie sind dossierfest. Sie haben die Schwächen ihrer Gegner genaustens analysiert. Sie besitzen eine mediale Reichweite, von der Politikerinnen und Politiker auf ihren ersten Schritten ins Amt nur träumen können. Und sie sind in einer Gesellschaft, die auf die schiefe Weltlage mit Ironie oder Zynismus reagiert, die perfekten Volksvertreter.

Und spätestens seit Politclowns wie Boris Johnson hohe Ämter bekleiden, fallen sie auf dem Politparkett auch gar nicht mehr auf. Eine Handvoll von ihnen schaffte es in den letzten Jahren mühelos bis ins Präsidentenamt (siehe unten). Auch Nico Semsrott schlussfolgerte für sich vor geraumer Zeit: «Wenn die Politiker Satire machen, müssen Satiriker Politik machen.»

Die Satirikerin Patti Basler zieht trotzdem lieber eine Linie zwischen sich und der Politik:

«Ich bin zwar eine Hure des Systems, aber möchte mir wenigstens meine Freierschaft selbstständig aussuchen können und nicht für eine Parteilinie auf den Strich gehen.»

Und ihr Bühnenpartner Philippe Kuhn doppelt nach:

«Ich habe auch ohne Politik
kein erfülltes Leben.»

Martin Sonneborn, deutscher EU-Parlamentarier

Der deutsche Satiriker Martin Sonneborn wirbt mit Wahlplakat für seine Satirepartei.

Der deutsche Satiriker Martin Sonneborn wirbt mit Wahlplakat für seine Satirepartei.

Bild: Imago
Demokratie als launige Spassveranstaltung

2004 gründete der damalige Chefredaktor des deutschen Satiremagazins «Titanic» mit Mitstreitern das Satireprojekt «Die Partei». Als deren Vorsitzender wurde Sonneborn 2014 ins EU-Parlament gewählt, eine zweite Legislatur als gut bezahlter Parlamentarier folgte 2019. Aufgegeben hat Sonneborn seine satirische Agenda nie. Mit medienwirksamen Aktionen und Wortmeldungen im Parlament, die auf Youtube dokumentiert sind, und schriftlichen Zeugenberichten aus Brüssel macht er medienwirksam auf sich aufmerksam. Dass er beim Abstimmen über gewichtige Themen im Parlament abwechselnd Ja oder Nein stimmt, hat ihm grosse Kritik eingebracht. Sonneborn ist Teil der Delegation für die Beziehungen zur koreanischen Halbinsel.

Jan Böhmermann, gescheiterter SPD-Politiker

Der deutsche Satiriker Jan Böhmermann wollte SPD-Vorsitzender werden. Oder war's doch nicht ernst gemeint?

Der deutsche Satiriker Jan Böhmermann wollte SPD-Vorsitzender werden. Oder war's doch nicht ernst gemeint?

Bild: Ben Knabe / ZDF / Aargauer Zeitung
Eine Staatskrise löst man im Fernsehstudio aus

Man kann auch aus dem Fernsehstudio einer Late-Night-Show eine diplomatische Staatskrise auslösen. Der deutsche Satiriker Jan Böhmermann verlas 2016 in seiner Sendung «Neo Magazin Royale» eine Schmähkritik auf den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan mit dem Ziel, die rechtlichen Grenzen der Satire auszuloten, mit dem Ergebnis einer Strafanzeige durch die türkische Regierung. Da mutet vergleichsweise harmlos an, dass Böhmermann vor wenigen Wochen ankündigte, sich um das Amt des SPD-Vorsitzenden zu bewerben. Der Satiriker wurde SPD-Parteimitglied und machte mit Videos Wahlkampf für die SPD. Seine Kandidatur blieb chancenlos, und Böhmermann war fein raus aus der Nummer, die wohl nie ernst gemeint war.

Jon Gnarr, Bürgermeister Reykjavík (2010–2014)

Jon Gnarr, ehemaliger Bürgermeister von Reykjavik.

Jon Gnarr, ehemaliger Bürgermeister von Reykjavik.

Bild: Kenneth Nars / BLZ
«Ein Eisbär für den Zoo»:
Politik mit Punk-Attitüde

Ins System hat der Autor, Musiker und Satiriker Jon Gnarr nie gepasst. Der Sohn eines humorlosen Stalinisten landete früh in einer Anstalt für schwer erziehbare Jugendliche und fühlte sich vor allem in anarchistischen Kreisen zu Hause. Als Island 2008 in eine schwere Bankenkrise schlitterte, gründete Gnarr aus Jux eine eigene Partei und zog mit seinen Ex-Punk-Kollegen als Bürgermeister von Reykjavík in den Politbetrieb. «Besti flokkurinn», übersetzt «Die beste Partei», verfolgte eine spezielle Agenda: Ein Eisbär für den Zoo oder ein Disneyland mit wöchentlichem Gratiseintritt für Arbeitslose wurden gefordert. Die wilde Truppe hat die Realpolitik einschliesslich der Sanierung eines Energiekonzerns dann doch ganz gut gemeistert.

Beppe Grillo, Begründer des Movimento Cinque Stelle

Seine Entertainmentqualitäten helfen ihm in der Politik: Beppe Grillo.

Seine Entertainmentqualitäten helfen ihm in der Politik: Beppe Grillo.

Bild: Filippo Pruccoli / ap Ansa
Ein derber Politclown
mischt Italien auf

Beppe Grillo war in Italien ein gehypter Medienstar. Als er begann, korrupte Politiker mit den Waffen der Satire an den Pranger zu stellen, stellten ihm die TV-Sender bald den Bildschirm ab. Niemand konnte ahnen, dass der einen erfolgreichen Politblog betreibende Grillo, der 2009 den Movimento Cinque Stelle gründete, Italiens Regierungspolitik einmal entscheidend mitprägen würde. Kritiker nennen Grillo einen populis­tischen Politclown, seine Anhänger, die Grillini, einen leidenschaftlichen Kämpfer gegen das Establishment. Würde ihn die Pandemie nicht daran hindern, würde er mit seiner polternden und oft derben Italien-Satire, die er gegenüber der «Zeit» als «Hyperrealismus» bezeichnet hat, wieder Hallen füllen.

Wolodimir Selenski, ukrainischer Staatspräsident

Ein Hoffnungsträger für die politverdrossenen Ukrainer: Wolodimir Selenski.

Ein Hoffnungsträger für die politverdrossenen Ukrainer: Wolodimir Selenski.

Bild: Keystone
Die Fernsehrolle trug ihn
bis ins Präsidentenamt

Er parodierte ukrainische Staatspräsidenten, dann wurde er selbst einer: der Schauspieler und Komiker Wolodimir Selenski. Ob die politverdrossenen ­Ukrainer wirklich ihn meinten, als sie ihm 2019 ihre Stimme in die Wahlurne legten? Oder sassen sie dem TV-Märchen «Diener des Volkes» auf, dessen Hauptfigur Selenski so überzeugend spielt? Selenski steigt in der TV-Satire in der Rolle des harmlosen Dorfschullehrers bald zum Präsidenten seines Landes auf und weist die Oligarchen mutig in ihre Grenzen. Kritiker werfen dem amtierenden Staatspräsidenten Konzeptlosigkeit und fehlendes politisches Gespür vor beim Versuch, die Verhältnisse im Land wirklich umzukrempeln. Es scheint, als sei Selenski längst eine Parodie seiner selbst.

Jimmy Morales, Ex-Staatspräsident von Guatemala

Jimmy Morales konnte seine politischen Fehltritte nicht mit seinem Humor ausbügeln.

Jimmy Morales konnte seine politischen Fehltritte nicht mit seinem Humor ausbügeln.

Bild: Abir Sultan / epa
Humor schützt nicht
vor der Korruptionsfalle

15 Jahre stand er mit seinem Bruder Sammy für die beliebte Comedyserie «Moralejas» vor der Kamera. Und mit der Kamera flirtete er auch später beim Wahlkampf und in Amt und Würden noch ausserordentlich gut. Als guatemaltekischer Staatspräsident regierte Jimmy Morales das Land zwischen 2016 und 2020. Morales war wie der ukrainische Staatspräsident Wolodimir Selenski als Hoffnungsträger ins Amt gestartet. Der politische No-Name inszenierte sich als Emporkömmling aus der Unterschicht und wählte den Wahlslogan «Weder korrupt noch Dieb». Der Slogan erwies sich schliesslich als Farce, der studierte Betriebswirt sah sich während seiner Amtszeit mit et­lichen Korruptionsvorwürfen konfrontiert.

Marjan Sarec, Ex-Ministerpräsident von Slowenien

Hielt nicht lange durch: Marjan Sarec.

Hielt nicht lange durch: Marjan Sarec.

Bild: Getty
«Alle Komiker sind
im täglichen Leben ernst.»

Als Kabarettist, Comedian und ta­len­tierter Stimmenimitator hat der slo­wenische Politiker Marjan Sarec bei ­seinen Auftritten im öffentlich-rechtlichen Sender Radiotelevizija Slovenija neben Figuren wie Osama bin Laden oder Fidel Castro auch hiesige Politikerinnen und Politiker verulkt. Seine Kunstfigur «Ivan Serpentinsek» ist Kult. Doch seine politische Karriere verlief bald so gut, dass er 2018 selbst ins Amt des slowenischen Minister­präsidenten gewählt wurde. Sarec hat sein Showtalent anders als Beppe ­Grillo nie zu populistischen Zwecken eingesetzt. «Alle Komiker sind im täglichen Leben ernst», sagte er einmal gegenüber dem «Standard». 2020 warf er nach nur eineinhalb Jahren das Handtuch.

Alfred Rasser, Nationalrat (1967–1975)

Eine Schweizer Comedylegende: Alfred Rasser als HD-Soldat Läppli.

Eine Schweizer Comedylegende: Alfred Rasser als HD-Soldat Läppli.

Bild: SRF / Stamm Film AG
Bühnenwechsel: Ein
Kabarettist wird Nationalrat

An der Figur des tollpatschigen HD-Soldaten Läppli, der mit naiver Unterwürfigkeit seine Vorgesetzten in Rage versetzt, hatte die Nachkriegsschweiz schon bald ihren Narren gefressen und in seinem Schöpfer Alfred Rasser (1907–1977) ihren Narren gefunden. 1967 wurde Rasser in der Schweiz als erster Satiriker überhaupt in den Nationalrat gewählt. Hatte ihn seine linke Gesinnung schon manches Bühnen­engage­ment gekostet, wurde er als spätberufener Politiker erst recht zur Angriffsfläche. Während seine Gegner seine politischen Ambitionen durch das Etikett «Kabarettist» kleinzumachen versuchten, blieb Rasser seinen moralischen Überzeugungen stets treu. Zwei Legislaturperioden hielt er sich an der Macht.

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