Kunststandort
Das Kunsthaus Zürich hat seine erste Präsidentin: Anne Keller Dubach – doch die Probleme beginnen erst

Mit der Wahl Dubachs wächst die Abhängigkeit des Kunststandort Zürich von Sponsoren wie der Credit Suisse.

Daniele Muscionico
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Zürcher Geldadel wählte Zürcher Geldadel: Die erste Präsidentin des Kunsthaus Zürich, Anne Keller Dubach.

Zürcher Geldadel wählte Zürcher Geldadel: Die erste Präsidentin des Kunsthaus Zürich, Anne Keller Dubach.

Bild: Braschler/Fischer

Für das Zürcher Kunsthaus ist die Zeit der Beschönigungen vorbei. Mit der Wahl von Anne Keller Dubach als Nachfolgerin von Walter Kielholz sind Herausforderungen der Zukunft nicht gelöst, sondern verstärkt worden: Die Abhängigkeit des Kunststandort Zürich von Sponsoren wie der Credit Suisse.

Die Zürcher Finanz- und Wirtschaftselite hat sich entschieden: Mit Anne Keller Dubach hat sie eine der ihren ins Präsidium des Trägervereins gewählt. Alter Zürcher Geldadel wählt alten Zürcher Geldadel. Denn wer das teuerste und älteste Schmuckstück, das Kunsthaus, einmal in Händen hält, gibt es ohne Not nicht mehr her.

Obwohl, Not wäre vorhanden. Und die Palastrevolution, die ein Jemand von ausserhalb Zürichs als Gegenkandidat versprach, ist berechtigt. Florian Schmidt-Gabain, ein Kunstanwalt aus Biel sah, was von aussen klar zu sehen ist: Das grösste Kunstmuseum der Schweiz braucht einen Imagewechsel, eine personelle Verjüngung und eine gesellschaftliche Öffnung, will es auch in Zukunft international im oberen Mittelfeld der Häuser mitspielen. Doch im Innern des Machtzirkels, der sich rühmen kann, über Ausstellungen und Ankäufe zu bestimmen und selbst den Kunsthaus-Direktor mit zu entscheiden, hat sich diese Einsicht offenbar nicht durchgesetzt. Läuft denn nicht alles wie am Schnürchen?

Provenienzforschung macht keine Kasse, Monet

Nichts läuft am Zürcher Heimplatz, wie es laufen soll. Deshalb schien die Gunst der Stunde perfekt. Ein kleiner Schritt für das Kunsthaus hätte ein grosser Schritt für das Kunsthaus werden können: Walter B. Kielholz gibt nach langen 20 Jahren das Präsidium des Trägervereins. ab. Her jetzt mit der mutigen Tat, Mannen und Frauen! Denn Traditionen, wenn verkrustet, müssen aufgebrochen werden, und neue Publikumsschichten erreicht man nicht, indem man die alte Riege in ihrem alten Trott nicht stört. Wenigstens ein bisschen.

Denn mit freiem Blick auf die Stadt und den Kunststandort Zürich ist diskussionslos wahr: Das Kunsthaus gehört dorthin, wo etwa die relevanten amerikanischen Häuser längst sind – im Bewusstsein der Öffentlichkeit. In Zürich aber ist man sich selbst genug. Das ist eine Mentalitätsfrage, und daran wird auch die Wahl von Anne Keller Dubach wenig ändern. Im Gegenteil. Und, am Lack und am Einfluss der Einflussreichen wird nicht gekratzt. Wer sollte denn schon kratzen? Niemand wird daran kratzen. Und keiner wird wenigstens den Finger auf die umstrittene Bührle-Sammlung legen, die im Herbst aufgewertet wird, indem sie in den prominenten Neubau übersiedelt. Der Direktor des Stiftung Sammlung E.G. Bührle sitzt unangefochten im Vorstand des Trägervereins.

Und so wird es möglich sein, dass die Bilder in Zukunft noch stärker als Publikumsmagnete und für das Standortmarketing eingesetzt werden. Der Seerosenteich von Claude Monet, ein Selbstbildnis von Vincent van Gogh, grosse Kunst schlägt sich an der Kasse nieder. Provenienzforschung hingegen und eine öffentliche Debatte über politisch belastete Kunst ruinieren das Geschäft.

Ein Totalsieg für Walter Kielholz - oder ein Pyrrhussieg

Es ist unbestritten, Walter Kielholz hat einen Sieg errungen. Er hat sein Erbe – nicht nur innerhalb der CS, sondern auch am Zürcher Heimplatz - in seinem Sinne verteilt. Der Aussenseiter Florian Schmidt Gabain, der als erster in der Geschichte des über 120-jährigen Vereins die Frechheit besass, eine Inthronisierung des Präsidiums in Frage zu stellen, hatte von Beginn weg keine Chance.

Blut ist dicker als Wasser. Der Kandidat besitzt weder die Mentalität noch die Familiengeschichte und das Netzwerk, die ein solches Amt voraussetzen. Kielholz’ Wunschnachfolgerin Keller Dubach tritt nach der Demission ihres Mentors aus dessen machtvollen Schatten und übernimmt.

Doch was übernimmt die neue Präsidentin in Wahrheit? Gegenwärtig verantwortet sie weltweit das Kunst- und Kulturengagement der Swiss Re. Nun steht sie einem Haus vor, dem nichts fehlt, bis auf das Entscheidende – Geld. Denn mit dem neuen Chipperfield-Bau haben Stadt und Kanton nicht nur immense Summen locker gemacht, im Gegenzug sind Erwartungen geschürt worden. Und das sind beileibe keine geringen.

Einerseits muss das Haus seine Besucherzahlen durch den Neubau inskünftig jährlich fast verdoppeln. Wie ist das zu schaffen? Anderseits hat die Pandemie auch für die Sponsoren schmerzhafte finanzielle Folgen. Das Haus, das sich zur Hälfte über Subventionen, zur anderen Hälfe aus Eintritten, Sponsoren und Donatoren finanziert, ist davon mitbetroffen. CS und die Swiss Re, die tragenden Säulen, stellten ihm bisher jedes Jahr Millionen in mehrstelligem Bereich für Ausstellungen und Ankäufe zur Verfügung.

Eine Gegenleistung erwartet auch die Stadt, die neu jährlich Betriebskosten von 17 Millionen Franken übernimmt. Corine Mauch, Zürichs Stadtpräsidentin will sich zwar nur unklar äussern, was ihre Vorstellung am Heimplatz sei. Sie erwarte einen «Schub» lässt sie sich zitieren. Weniger vage und vorsichtig kann sie sich nicht äussern. Mauch hat ihre Stimme Anne Keller Dubach gegeben. Woher man das weiss? Sie war es, die die Kielholz-Frau offiziell um ihre Kandidatur bat. Welche Rückversicherung die Politikerin damit im Hinterkopf hatte, bleibt Spekulation.

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