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Geschichten statt Bücher verkaufen: Es braucht endlich ein Netflix für Leseratten

Wer einen Roman als Buch, E-Book und Hörbuch geniessen will, zahlt dreimal. Das muss sich ändern.

Raffael Schuppisser
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Leser sind längst auch Hörer: Audiobücher boomen.

Leser sind längst auch Hörer: Audiobücher boomen.

Bild: Getty

Endlich im Zug und Zeit zum Lesen. Dass ich das Buch nicht dabeihabe, macht nichts, der Bildschirm des Smartphones tut es auch. Zu Hause reicht es noch für eine Joggingrunde vor dem Nachtessen. Den Roman höre ich über Kopfhörer weiter. Am späteren Abend dann strecke ich die Beine auf dem Sofa aus, schlage das gedruckte Buch auf und nehme die Lektüre wieder auf.

So stellt man sich «Lesen» heutzutage vor: Wann immer man will, auf
dem gerade passenden Medium. Es bleibt aber bei der Wunschvor­stellung. Denn Verlage verkaufen ­keine Geschichten, sondern Bücher, E-Books und Hörbücher. Das heisst: Vor dem Kauf muss der Kunde sich für ein Medium entscheiden.

28 Franken für ein E-Book, das man schon als Buch besitzt

Nehmen wir Charles Lewinskys «Melnitz»: In der gebundenen Ausgabe kostet der Roman 35.90 Franken, als E-Book 28 und als Hörbuchfassung 41.90. Obwohl es derselbe Roman ist, zahlt ein Leser, der sich nicht auf ein Medium festlegen will, dreimal dafür. Dass man für das Hörbuch einen ­gewissen Aufpreis berappt, kann man noch nachvollziehen, schliesslich ist es mit einem Aufwand verbunden, den Text einzusprechen.

Dass eine Leserin des Printbuchs fürs E-Book zusätzlich zahlen muss, leuchtet aber nicht ein, schliesslich ist eine digitale Kopie ­quasi kostenlos. Damit ich nicht ­missverstanden werde: Es geht nicht darum, die Buchpreise zu kritisieren oder gar Gratiskultur zu fordern. Ich zahle gern für Bücher. Ich möchte dann aber auch einen zeitgemässen Service – und die Geschichte auf allen zur Verfü­gung stehenden Medien ­lesen und hören können. Ich würde dann nicht für ein Buch, sondern für eine ­Story zahlen.

Wo bleibt das Netflix für die Bücherwürmer?

Die Buchbranche allerdings denkt noch immer in analogen und digitalen ­Trägermedien. «Zuerst kommen die Hardcover-Books und die E-Books in den Handel, dann die Taschenbücher und die billigeren E-Books», sagt eine Verlagsmanagerin. Es ginge um «verschiedene Verwertungsstufen und Märkte, ähnlich wie beim Kino». Gerade das hat sich aber neu formiert: Filme kommen immer öfter gleichzeitig ins Kino und sind als Video-on-Demand sowie auf Streaming-Plattformen zugänglich.

Netflix und Co. haben den Markt zerschlagen und neu geordnet. In der Literaturbranche fehlt ein solcher Disruptor. Klar, das E-Book kam dazu. Einige dachten, nun werde nur noch digital gelesen. Es zeigte sich aber: Das gedruckte Buch stirbt nicht aus, das E-Book gesellt sich parallel dazu. Grosses Aufatmen in der Buchbranche: Es geht weiter wie bisher! Dabei würde es doch hier erst spannend.

Verlage sollten ihr Business-Modell überdenken

Die Zahlen zeigen, dass sowohl ­Bücher als auch E-Books als auch Hörbücher gefragt sind – je nach Präferenz der Leser. Man kann nun hoffen, dass einige alle drei Medien kaufen, kaum einer wird das hingegen tun. Lukrativer dürfte deshalb sein, die Leser dazu zu bringen, das teuerste der drei Medien zu kaufen, was dann gelingen kann, wenn man ihm die beiden billigeren «gratis» dazugibt. Da sich E-Books und Hörbücher kostenlos vervielfältigen lassen, wäre das wirtschaftlich lohnenswert.

Das könnte so aussehen: Wer das Hardcoverbuch von Lewinskys «Melnitz» zum Preis des Hörbuchs für 41.90 Franken (statt 35.90 Franken) kauft, bekommt einen Code, um Hörbuch und E-Book herunterzuladen. Somit könnte man für dieses Premium-Paket auch «Leser» begeistern, die sonst bloss das Buch oder das E-Book kaufen würden.

Es ist nicht so, dass es gar keine ­Ansätze gäbe, die verschiedenen ­Medien miteinander zu verzahnen. Einer heisst Papego und ist ebenso simpel wie genial: Man fotografiert die zuletzt gelesene Seite eines Buches und kann das E-Book an der entsprechenden Stelle auf dem Smartphone oder Tablet weiterlesen. 2016 wurde die App lanciert, stiess in der Presse auf viel Begeisterung und wurde mit Preisen überhäuft. Heute wird sie nicht mehr wei­terentwickelt und ist de facto bereits Geschichte.

63000 deutschsprachige Hörbücher im Abo

Die Unterstützung der Verlage habe ­gefehlt, sagt Mitgründer Karl von Wendt. Der Unternehmer, der auch als Jugendbuch-und Thrillerautor tätig ist, kritisiert:

«Die Buchbranche ist behäbig, und es fehlt ihr an Offenheit gegenüber der Technologie.»
Karl von Wendt Gründer von Papego

Karl von Wendt
Gründer von Papego

Bild: zvg

Wenn ein Schriftsteller mit einem Manuskript zu einem Verlag gelange, sehe der bloss ein Buch vor sich. Es fehle das ganzheitliche Denken. Deshalb werden die Rechte für Hörbücher häufig weiterverkauft.

Zum Beispiel an Audible, eine Tochterfirma von Amazon. Bereits über 63000 deutschsprachige Hörbücher stehen den Kunden auf dem Portal zur Verfügung. Wer ein Abo für 15 Franken löst, kann monatlich eines herunter­laden – kommt also einiges günstiger, als wenn er sie bei anderen Anbietern einzeln kauft. Und vor allem gibt es
hier eine Verknüpfung mit den E-Books. Wer aufhört, zu lesen, und sich die Kopfhörer einstöpselt, kann an exakt der Stelle weiterhören. Das hybride Lesen, also das Wechseln zwischen Hörbuch und E-Book, sei bei den Nutzern sehr beliebt, sagt das Unternehmen auf ­Anfrage.

Warum kann man nicht zwischen unterschiedlichen Sprachen wechseln?

Dennoch ist die Funktion erst bei rund einem Viertel der Titel verfügbar. Ausserdem vermissen wir in diesem Hybriden-Angebot das gute alte gedruckte Buch. Und wenn wir schon bei der Wunschliste sind: Toll wäre es, wenn man zwischen unterschiedlichen Sprachen wechseln könnte: Michel Houellebecq auf Französisch beginnen, und wenn es zu kompliziert wird, auf Deutsch wechseln.

Geht nicht, winkt eine Verlags­mitarbeiterin ab: Schliesslich verdiene man mit dem Verkauf von Rechten für Übersetzungen an andere Verlage Geld. Und wieder zeigt sich, dass hier zu sehr in einzelnen Silos gedacht wird: Die wenigsten Menschen kaufen sich ein Buch in zwei verschiedenen ­Sprachen, ergo macht man auch keine Verluste, wenn man digitale fremd­sprachige Ausgaben hinzufügt. Dafür müssten die Verlage aber zusammenspannen und gegenseitig Übersetzungen austauschen.

Dem Kulturkonsumenten käme das zugute. Er ist es längst gewohnt,
auf Netflix zwischen verschiedenen Sprachen und Untertiteln zu switchen. Wenn die Buchbranche nicht noch mehr Leser verlieren will, täte sie
gut daran, sich hier ein bisschen Inspiration zu holen.

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