Kultur

Das Problem der Schweizer Filmszene: Es fehlen Zukunftsvisionen – man schwelgt lieber in Nostalgie

Polizist Viktor Schuler (gespielt von Philippe Graber) in «Moskau Einfach!».

Polizist Viktor Schuler (gespielt von Philippe Graber) in «Moskau Einfach!».

Der Eröffnungsfilm der diesjährigen Solothurner Filmtage, «Moskau Einfach!», steht exemplarisch für das fehlende Nachdenken über die Zukunft im Schweizer Film.

Grosses Gefühlskino an den Solothurner Filmtagen. Eröffnet wird die 55. Ausgabe am Mittwoch mit «Moskau Einfach!» von Micha Lewinsky aus der Zeit des Fichenskandals. Einer Liebeskomödie über einen Spitzel der Polizei, der sich in eine Schauspielerin der linken Theaterszene verliebt, die er eigentlich überwachen müsste.

Im Zuge der Fichenaffäre von 1989 kam heraus: Gegen 900000 Bürgerinnen und Bürger wurden heimlich überwacht. Die Folgen reichen bis in die Gegenwart. Jeder kennt jemanden, der fichiert worden ist. Auch dann ist die Affäre manifest, wenn wir über Überwachung, Staatsschutz oder Big Data debattieren.

In «Moskau Einfach!» aber fühlen wir uns vor allem: zurückkatapultiert in die Zeit um den Mauerfall. Und die Bilder bringen die Zuschauer mehr zum Schwelgen in Erinnerungen denn zum Grübeln. Nach dem Film bleiben vor allem: die zu Ende gehenden Achtziger anhand der Kleider, Frisuren und der Musik.

Die Dystopie ist nicht angekommen im Schweizer Film

«Wenn Romane, dann bitte über Sachen, die jetzt passieren, die sich mit der Gegenwart auseinandersetzen, Romane also, die mir bei der Einordnung helfen», sagte die gefeiertste Buchautorin des Jahres 2019 in der Schweiz, Sibylle Berg, in dieser Zeitung. Der Anspruch lässt sich gut auf den Film ausweiten. Die Dystopie, eine Entwicklung der Gegenwart hin zu einer Zukunft mit negativem Ausgang, das Gegenteil der Utopie also, ist in aller Munde.

Filmemacher hingegen üben sich lieber in Vergangenheitsbewältigung. Und das ist keine Schweizer Spezialität, sondern ein internationaler Trend. Und fällt besonders auf in Fernsehserien. Als Beispiel soll hier die deutsche Erfolgsserie «Babylon Berlin» über die Zwischenkriegszeit dienen, die noch diesen Monat mit einer dritten Staffel auf die Fernsehschirme kommt. Auch das Schweizer Fernsehen setzt auf die fiktive Erzählung historischer Stoffe: Die Nachkriegsminiserie mit dem Titel «Frieden» wird im Herbst ausgestrahlt.

Der Filmwissenschafter und Science-Fiction-Spezialist Simon Spiegel nennt vor allem finanzielle Gründe. Aus seiner Sicht wäre zum Beispiel ein Film sehr interessant, der das Zusammenleben in der Schweiz in einem kommenden Jahrhundert behandeln würde. Das Problem: Wie man sich die Umwelt, die Städte, die Gesellschaft in der Zukunft für einen Kassenschlager auch ausdenkt, die Kosten für Requisiten, Studio oder Animation sind immens.

, so Spiegel. Hinzu komme, dass eine eigentliche Schweizer Filmindustrie und damit eine Genretradition fehlten. «Im Grunde ist die Komödie das einzige Genre, das hierzulande regelmässig produziert wird», so Spiegel.

Zurück zur Realität im Schweizer Film: Überwachung («Moskau Einfach!»), die Stellung der Frau (in «Le milieu de l’horizon» und «Tambour battant», zwei weiteren Schweizer Produktionen in Solothurn, die in den Siebzigern spielen) sind hochaktuelle Stoffe.

Die Filme sind so gut, dass sie die Zuschauer in ein anderes Jahrzehnt saugen. Die damit bediente Nostalgie reicht so weit, dass man sich nach einem bisschen Zeitgeist von damals sehnt.

Bei «Moskau Einfach!» ist es das nonkonforme Verhalten der Aufbegehrer gegen das System, bei «Le milieu de l’horizon» ist es der coole Siebzigerstil. Ganz absurde Wünsche hegt man beim Binge Watching der bereits genannten Serie «Babylon Berlin», die im Jahr 1929 spielt. Am liebsten möchte man den darin dargestellten hedonistischen Lebensstil der Berliner Polizisten und Sekretärinnen teilen und mitrauchen, -trinken und -tanzen. Absurderweise lässt so viel Coolness auf einmal uns verdrängen, dass wenig darauf Hitler in Deutschland die Macht übernimmt und die Welt in den Zweiten Weltkrieg stürzt, eine Epoche, die sich kaum jemand zurückwünscht.

Nostalgische Gefühle wichtiger als Einordnungsleistung

Doch sind die Filme auch so gut, dass wir uns mit dem Thema ernsthaft auseinandersetzen und sogar Erkenntnisse für die Gegenwart gewinnen? Oder verfallen wir vor allem der Nostalgie?

Die Schweizer Regisseurin Sabine Boss glaubt nicht, dass Letzteres generell passiert. Mit «Der Goalie bin ig» ist 2014 ein Kinofilm von ihr erschienen, der die Zuschauer in die Ästhetik der Achtziger mitnahm. Mit «Jagdzeit», der an den Filmtagen Uraufführung feiert, knöpft sich Boss nun ein aktuelleres Thema vor. Managersuizide wie derjenige von Ex-Swisscom-Chef Carsten Schloter dienten ihr als Vorlage. Sie findet, die Werkschau des Schweizer Films 2019 sei kein Abbild des Schweizer Films allgemein. Für sie sind historische Ereignisse bestens geeignet dafür, gesellschaftliche und politische Zusammenhänge im Hier und Jetzt zu erklären.

, sagt sie.

Etwas mehr «Wagemut, Schärfe und Radikalität in gesellschaftlichen Fragen» von den Schweizer Filmschaffenden wünscht sich dagegen der Zürcher Regisseur Samir Aldin («Snow White»), der bekannt ist für seine Sozialkritik im Film. Mit «Baghdad in my Shadow» ist auch er heuer an den Filmtagen vertreten.

Flüchtlinge und Konvertiten als aktuelle Themen in Solothurn

Natürlich laufen in Solothurn auch hochaktuelle Filme. Gerade der Syrienkrieg und die Flüchtlingskrise von 2015, die jederzeit wieder hochkochen könnte, spiegeln sich in zahlreichen Schweizer Produktionen von 2019. Die Ausweisung von Migranten («Arada» von Jonas Schaffner) oder das Thema Konvertiten («Shalom Allah» von David Vogel) sind weitere Sujets.

Abgesehen vom Kurzfilm «Dagu» über einen fiktiven afrikanischen Überwachungsstaat und «Les Particules» über eine Welt, die wegen des Teilchenbeschleunigers Cern aus den Fugen gerät, wagt sich aber keine letztjährige Produktion an futuristischen Stoff.

Aktuell in Postproduktion ist ein Film des Basler Regisseurs Tim Fehlbaum mit dem Titel «Haven». Darin soll es um eine Astronautin gehen, die nach einer globalen Katastrophe zurück auf die Erde kommt, wo niemand mehr lebt. Laut der Produktionsfirma kommt «Haven» im kommenden Herbst ins Kino. Damit dürfte zumindest an den Solothurner Filmtagen in einem Jahr ein aufwendig produzierter Science-Fiction-Film aus der Schweiz vertreten sein.

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