43. Solothurner Literaturtage
Optimismus und Auffrischung: Die Solothurner Literaturtage wagten in einer schrill-bunten Kulisse den literarischen Neustart

Dem monatelangen Literatur-Stillstand trotzten die Solothurner Literaturtage an den vergangenen drei Tagen mit Farbe. Und signalisierten schon mal Optimismus und Auffrischung – auch wenn die meisten der 11'000 Zuschauerinnen und Zuhörer nur online dabei sein konnten.

Hansruedi Kugler
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Vor bunter Kulisse: Gespräch mit Melitta Breznik, Anuschka Roshani und Elke Heidenreich.

Vor bunter Kulisse: Gespräch mit Melitta Breznik, Anuschka Roshani und Elke Heidenreich.

Bild: Zvg/Tom Ulrich

Jahrelang dominierten hier weisse Tischtücher vor schwarzen Vorhängen. Man konnte diese zwar elegant und dezent finden, sie vermittelten jedoch auch ein behäbiges Image des Literaturbetriebs. Übertreiben die Literaturtage nun in die andere Richtung? Denn bei den bunten Kulissen im Landhaus und im Stadttheater, wo das Onlinefestival gefilmt worden ist, fühlte man sich ein wenig wie in einem psychedelischen Kinderzimmer. Zumal auf der Leinwand auch noch vertikale Farbstreifen abrollten. Aber die fröhliche Zuversicht war ansteckend. An den drei Tagen waren insgesamt rund 11'000 Zuschauerinnen und Zuhörer via Stream dabei.

Zeitweise wie ein Performancefestival

Manuel Stahlberger mit Bit-Tuner.

Manuel Stahlberger mit Bit-Tuner.

Bild: fotomtina

War das nun blosse Kulissenpinselei? Oder hat man auch ein schrilles Programm gesehen und gehört, das diesem lustigen Farbambiente entsprach? Zumindest, als Manuel Stahlberger zu buntem Blitzlicht auf die Stadttheaterbühne hüpfte, zu pulsierendem Elektrosound herumsprang und «Solothurn, Solothurn» in den Saal brüllte, wähnte man sich fast schon in einem Performancefestival. Dass sich solche Auftritte nun wie selbstverständlich im Hauptprogramm etabliert haben, gehört zu den erfreulichen Entwicklungen der Solothurner Literaturtage – genauso wie der feste Platz, den die Graphic Novels einnehmen. Diese sind auch dank ihrer visuell tollen Präsentation sehr attraktiv.

Graphic-Novel-Lesung mit Jan Bachmann.

Graphic-Novel-Lesung mit Jan Bachmann.

Bild: fotomtnia

Die Melancholie des arabischen Dichters

Die Solothurner Literaturtage haben aber ihre Tradition und ihre Gene nicht verleugnet. Viele Veranstaltungen sind nach wie vor grundiert vom links-grünen Blick auf die Gegenwart, von Internationalität und Vielsprachigkeit. Berührend etwa die melancholische Rede des ägyptischen Dichters und Journalisten Wagdy El Komy, der auf Einladung von Pro Helvetia und den Solothurner Literaturtagen drei Monate in Solothurn verbringt. Literatur sei für ihn ein Garten, den man zumindest in der Fantasie pflegen müsse, um sich nicht dem Schrecken der Kriegs- und Betonlogik zu ergeben. Wenn er sehe, wie die autoritäre ägyptische Regierung die Gärten und Parks in seiner Heimatstadt Kairo zerstöre, fühle er sich in der Schweiz wie in einem Paradies.

Gute Öffnung aus dem links-grünen Milieu

Dass die in den letzten Jahren immer längere Liste von sozialdemokratischen Politgästen von Alain Berset über Simonetta Sommaruga bis Cédric Wermuth mit anderen Parteien ergänzt wurde, ist erfreulich. Das gegenseitige Schulterklopfen von Literatur und Politik war zuletzt oft wenig spannend. So schaute man denn dieses Jahr vergnügt etwa dem hochstehenden Gespräch der Gewerkschafterin und Autorin Annette Hug mit Mitte-Präsident Gerhard Pfister zu. Bei Fragen zu Flüchtlingen, Klimakrise oder Atommüll geriet er in die Defensive, kritisierte aber auch die Sonderfallmentalität der politischen Schweiz.

Die Moderationen sind besser geworden

Mit Freude festgestellt: Die moderierten Lesungen sind lebendiger geworden. Statt der früher üblichen, zu langen halbstündigen Leseblöcke mit anschliessenden Kurzfragen ist der Gesprächsanteil wesentlich länger geworden. Gespräch und Lesepassagen wechseln sich nach dem Vorbild der Radiosendung «52 beste Bücher» munter ab. So erschliessen sich die Bücher besser. Man verschmerzt deshalb, dass nach wie vor nett und wenig kritisch gefragt wird. Für die Autorinnen und Autoren ist das eine Wohlfühl­atmosphäre. Nach der langen Zwangspause ohne Lesungen haben sie es natürlich verdient. Bei den vielen Debüts konnte man jedoch zuweilen den Eindruck eines Nachwuchsfestivals bekommen.

Wenn Autorinnen augenzwinkernde Anekdoten erzählen

Gespräch mit Elke Heidenreich an den Literaturtagen.

Gespräch mit Elke Heidenreich an den Literaturtagen.

Zvg/Tom Ulrich

Was wäre das alles ohne unterhaltsame Gäste? Wenn Elke Heidenreich von ihrer Mutter erzählt, dass die sich für die Frechheit der Tochter geschämt habe, aber später stolz verkündete, wenn sie Preise gewann, dann bringt sie das Statusdenken jener Generation auf den Punkt. Oder wenn Lukas Linder erzählt, er schreibe am liebsten, wenn neben ihm das Essen auf dem Herd köchelt, hat man unvergessliche Episoden geschenkt bekommen.

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