Literatur
Nobelpreisträger Patrick Modiano schreibt wieder einen betörenden Erinnerungskrimi

Der neue Roman des französischen Schriftstellers Patrick Modiano erzählt von einer Suche nach einer Verschollenen und besticht durch Erinnerungsbilder von suggestiver Kraft und Schönheit.

Peter Henning
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Patrick Modiano in seinem Arbeitszimmer.

Patrick Modiano in seinem Arbeitszimmer.

AP/Gallimard

«Ich habe viel von Simenon gelesen und fühle mich ihm nahe, insbesondere seinem Maigret», sagte Patrick Modiano einmal mit Blick auf das Werk seines belgischen Kollegen. Tatsächlich handelt es sich auch im Fall seiner eigenen Arbeiten um ähnlich sublime kriminalistische Suchspiele – allerdings nicht Mörder- sondern durch und durch Erinnerungs-getrieben. Bis die Erinnerung selbst bei ihm zum Mörder wird – und alles auslöscht, sodass das Zerstörte mühsam rekonstruiert werden muss.

Doch anders als bei Simenon geschieht dies nicht in Form nachgezeichneter krimineller Taten – sondern in Gestalt verlorener, vergessener oder sonst wie unter die Räder der Zeit geratener Biografien. Diesen faszinierenden Prozess wird Modiano, dieser 1945 geborene Proust’sche Nachfahre, nicht müde, seit nunmehr fünfzig Jahren in seinen einzigartigen Romanen zu beschwören. Denn ähnlich wie sein berühmter Vorgänger ist auch Modiano – grob gefasst – auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Und stets reicht ein Detail – ein verschwundener Koffer, eine alte Fotografie oder eine Vermisstenanzeige in der Zeitung –, um seine fein schnurrende Erinnerungsmaschine in Gang zu setzen.

Patrick Modiano: Unsichtbare Tinte. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. Roman. Hanser. 142 S.

Patrick Modiano: Unsichtbare Tinte. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. Roman. Hanser. 142 S.

Bild: zvg

Ein Detektiv spürt den 60er- und 70er-Jahren nach

Auch sein neuer, eleganter Kurzroman «Unsichtbare Tinte» folgt diesem von ihm längst zur einsamen Meisterschaft gebrachten Konstruktionsprinzip. Und wieder geleitet er uns darin zurück in die 60er- und 70er- Jahre, in denen sein Protagonist Jean Eyben, der seit einigen Monaten in einer Pariser Detektei arbeitet, den Auftrag erhält, sich auf die Suche nach einer gewissen Nóelle Lefebvre zu machen.

Eyben vertieft sich in das «Dossier», fängt Feuer – und schon wenig später bekennt Modiano, der seine Figur an eng geknüpften autobiografischen Fäden durch die Erzählung geleitet, durch sie hindurch: «Wieder einmal musste ich erfinden und etwas Falsches behaupten, um vielleicht die Wahrheit herauszukriegen. Natürlich, ich hatte schon immer Spass daran, mich ins Leben anderer einzuschleichen, aus Neugier und auch aus dem Bedürfnis heraus, sie besser zu verstehen – wozu sie selbst oft nicht in der Lage waren.» Darin erinnert die vorliegende neuerliche «Recherche» an Modianos 1998 auf Deutsch erschienenen Roman «Dora Bruder», in welchem er ins Jahr 1941 zurückblendend mikroskopisch genau dem in den Wirren der Geschichte verlorenen Leben einer Jüdin nachspürte – und ganz nebenbei das tiefenscharfe Porträt einer ganzen Epoche entwarf.

Die Verschwundene taucht aus dem Suchbild auf

Diesmal fügt er ein amerikanisches Cabrio, ausgesuchte ­Metrostationen, Tagebuchaufzeichnungen und zu mythischen Orten verschattete Cafés zum faszinierenden Suchbild einer jungen Verschwundenen, wie nur er, dieser Meister der poetisierten Erinnerung, es vermag. Das Unsichtbare wird darüber langsam sichtbar – trotzdem erscheint es am Ende unerheblich, zu welchem Resultat sein Fährtenleser mit Blick auf die Gesuchte gelangt. Was vielmehr einmal mehr anzuzeigen ist, ist der sensationelle Roman eines passionierten Erinnerungs-Flaneurs, dem man – hätte er ihn nicht bereits 2014 erhalten – dafür den Nobelpreis für Literatur verleihen müsste.