Literatur
Von der ständigen Furcht, das neue Glück zu verlieren: Claire Messuds Roman zeigt die komplizierte Mechanik der Gefühle

Nach ihrem Bestseller «Des Kaisers Kinder» legt Claire Messud mit «Wunderland» das Psychogramm einer Frau vor, die das Opfer ihrer Sehnsüchte wird.

Peter Henning
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Claire Messud ist eine Meisterin, innere Kämpfe und Widersprüche sichtbar zu machen.

Claire Messud ist eine Meisterin, innere Kämpfe und Widersprüche sichtbar zu machen.

Bild: Ulf Andersen

Nora Eldrige ist wütend. Sie lebt nicht das Leben, das sie sich einst für sich erträumte – und sie wurde nicht der Mensch, der sie einmal zu werden hoffte. Statt ihre Kunstwerke auf grossen Ausstellungen zu präsentieren, unterrichtet sie Drittklässler. Und ihrer Kunst, dem Verfertigen kleinteiliger Puppenhäuser, geht sie in einsamen Stunden nach – abseits des grossen Weltgeschehens. Sie hat keinen Mann, ist kinderlos geblieben und blickt mit 42 Jahren auf ein Arsenal geplatzter Träume.

So weit die Ausgangslage in Claire Messuds neuem Buch «Wunderland», das sich fein in das aus inzwischen sechs Romanen bestehende Gesamtwerk der 1966 in Greenwich, Connecticut geborenen Amerikanerin einfügt. Messud, der mit ihrem 2006 erschienenen Roman «Des Kaisers Kinder» ein auch von der Literaturkritik hochgelobter Welterfolg gelang, und in welchem sie den amerikanischen Traum erbarmungslos, zugleich aber elegant und letztlich ironisch zerlegt hat.

Die Autorin ist spezialisiert auf die Beschreibungen der komplizierten Mechanik zwischenmenschlichen Mit- und Gegeneinanders. Zuletzt führte sie dies in ihrem anrührenden Roman «Das brennende Mädchen» vor, in welchem sie plastisch die Geschichte zweier jugendlicher Glückssucherinnen im Dickicht der anstehenden Pubertät beschrieb.

Erstmals fühlt sich Nora gesehen und respektiert

Nun also das Porträt einer Frau, die ihre Mutter an eine schwere Krankheit verloren hat, ihren Vater, der in einem winzigen Apartment mehr oder weniger tapfer vor sich hin vegetiert, kaum noch sieht – und die dem Lauf der Welt bloss noch ihre Wut entgegenzusetzen hat. Dann kommt der welthungrige achtjährige Reza in ihre Klasse. Sofort schliesst Nora den Sohn eines Künstlerpaares, das aus Paris nach Amerika gekommen ist, in ihr Herz.

Als der Junge von Mitschülern wiederholt verprügelt wird, bestellt sie dessen Mutter in die Schule. Nora ist augenblicklich fasziniert von Sirena, die ihren Künstlerinnentraum im Gegensatz zu ihr entschlossen lebt. Schnell kommen sich die beiden näher – und als Sirena Nora anbietet, ein Atelier mit ihr zu teilen, kann sie ihr Glück kaum fassen: Sie fühlt sich erstmals gesehen und respektiert. Als wenig später der anziehende Skandar, Sirenas Mann, sie im Atelier besucht, gerät Nora endgültig aus ihrer emotionalen Balance. «Also, du bist in Sirena verliebt, und du willst ihrem Mann an die Wäsche und ihr Kind stehlen», fasst ein Freund, dem Nora sich anvertraut, ihre Situation zusammen.

Claire Messud: Wunderland. RomanAus dem amerikanischen Englisch von Monika BaarkHoffmann und Campe. 384 Seiten

Claire Messud:
Wunderland. Roman
Aus dem amerikanischen Englisch von Monika Baark
Hoffmann und Campe. 384 Seiten

zvg

Massud schreibt subtil über Verzauberung und Verbitterung

Tatsächlich fantasiert Nora in ihren Träumen von einer sexuellen Beziehung zu Skandar. Und je enger sie sich an die Shahids anschliesst, desto grösser wird ihre Abhängigkeit von ihnen. Mehr und mehr beginnen ihre Vorstellungen auf ungute Weise die Wirklichkeit zu überlagen. Doch Nora, die sich ihr Leben lang als Einzelkämpferin erleben musste, hat endlich das Gefühl, dazuzugehören. Und eine Weile meint sie, in jenem «Wunderland» angekommen zu sein, das sie sich als Mädchen erträumte. Doch das Erwachen aus ihrem Traum ist hart: Sirena engagiert Nora als Kindermädchen für Reza, und als die kleine glückliche Familie Amerika wieder verlässt, bleibt Nora verbittert zurück.

Subtil und voller Empathie für ihre Protagonistin versteht es Claire Messud, deren innere Kämpfe und Widersprüche fühlbar zu machen: Noras ständige Furcht, das kleine neue Glück wieder zu verlieren. Und die Unsicherheit, die sie im Umgang damit immer neu beschleicht. An die bestechende Qualität ihres Welterfolgs «Des Kaisers Kinder» reicht «Wunderland» nicht heran. Als Nahaufnahme einer Frau jedoch, die es gegen ihre Erfahrungen wagt, sich ihren kühnen Wünschen – wenn auch am Ende erfolglos – auszusetzen, überzeugt Claire Messuds neuer Roman: Er liefert das fesselnde Psychogramm einer grossen, von ihren fehlgeleiteten Träumen Verführten.

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