Interview

Literaturpreisträger Demian Lienhard über seinen Roman: «Der Platzspitz war Selbstmord auf Raten»

Die Archäologie hat er an den Nagel gehängt: Nun erforscht Demian Lienhard die Vergangenheit literarisch.

Die Archäologie hat er an den Nagel gehängt: Nun erforscht Demian Lienhard die Vergangenheit literarisch.

Demian Lienhard hat einen Literaturpreis des Bundes mit 25'000 Franken erhalten. Ein Gespräch auf Kurzbesuch in der alten Heimat Baden.

Im ehemaligen Buvette im Bahnhof Baden habe er als Jugendlicher oft mit Kollegen Bier getrunken, sagt Demian Lienhard und lacht. Für die Verleihung des eidgenössischen Literaturpreises ist er aus Berlin in die Schweiz gekommen. Den Preis erhält er für seinen Roman «Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat», in welchem er aus der Perspektive der jungen Alba das Abrutschen in die Zürcher Drogenszene der 1980er Jahre schildert.

Wir kennen uns seit zehn Minuten, aber mir scheint, Sie seien genauso humorvoll wie die erfrischend schnoddrigen Figuren Ihres Romans.

Demian Lienhard: Deshalb sagen viele meiner Kollegen, dass sie mich in diesem Roman reden hören. Zumindest im Kleinen, in den Dialogen. Das ist eine gewisse autobiografische Note.

Wir stehen hier vor dem Bahnhof Baden. Im Tal, aus dem Ihre Hauptfigur Alba stammt, bringen sich die Leute reihenweise selbst um. Ist der Aargau so schlimm?

Es geht mir schon um dieses exemplarische Zersiedelungstal. Wichtiger ist aber, dass die Selbstmordrate in der Schweiz eine der höchsten der Welt ist. Etwa 1500 Menschen jedes Jahr. Auch die Brücke, von der sich im Roman Schüler zu Tode stürzen, gibt es. Bis sie 2014 mit Schutzgittern versehen worden ist, zog sie viele Selbstmörder an. Mir war es wichtig, dieses Thema mit dem Platzspitz zu verbinden. Der Platzspitz war ja auch nur Selbstmord auf Raten.

Viele gute Kritiken, nun ein eidgenössischer Literaturpreis. Geben Sie jetzt die Wissenschaft auf und werden Vollzeit-Schriftsteller?

Ja. Ich habe meine Stelle an der Universität Frankfurt aufgegeben. Das Absurde ist ja, dass man mittlerweile im Wissenschaftsbetrieb noch schlechter bezahlt wird als im Literaturbetrieb, wo es zwar ähnlich unsicher ist, man aber tun kann, was man möchte. In der Wissenschaft gibt es eine sehr starke Bürokratisierung.

Ihre Doktorarbeit umfasst 2500 Seiten und thematisiert den römischen Städtebau in der Antike. Was hat Sie daran interessiert?

Um Goethe zu zitieren: Was die Welt im Innersten zusammenhält. Die Stadt fasst das öffentliche und private Leben einer Gesellschaft zusammen. Mich hat interessiert, wie sich die Architektur als Spiegelbild der Gesellschaft verändert unter dem Einfluss von Faktoren wie politische Veränderungen, Erdbeben, Brände oder Mietpreiserhöhungen. Prozesse wie Gentrifizierung gab es bereits in der Antike.

Gab es im alten Rom auch so etwas wie eine Drogenszene?

Drogen in der heutigen Vielfalt gab es in der Antike nicht. Alkohol gab es und man hat Hinweise, dass Pilze als Drogen verwendet wurden. Heroin oder Kokain kannte man nicht. Alkoholismus war aber verbreitet.

Als Archäologe hätten Sie auch einen Roman über Rom schreiben können. Warum einen über die Zürcher Drogenszene der 80er Jahre?

Einerseits war es für mich eine Art archäologische Arbeit, weil ich damit eine Vergangenheit, die ich selbst nicht erlebt habe, in die Gegenwart hole. Es war aber auch eine Rekonstruktion von Stadtraum. Dasselbe habe ich auch in meiner Doktorarbeit gemacht: Die Gestalt von heutzutage völlig anders aussehenden Orten wiederherzustellen, sie wiederzubeleben. Dabei ist Fiktion fast der einfachere Weg als die Wissenschaft.

Sie erzählen, wie die Revolte der 1980er Jahre für einige im Drogenelend endete.

In Deutschland können viele Leute gar nicht glauben, dass es in der reichsten Stadt der Welt Jugendunruhen und Drogenelend gab. Manche hielten meinen Roman für komplette Fiktion. Mich interessierte der harte Kontrast: Nördlich des Bahnhofs Verelendung, südlich die höchsten Quadratmeterpreise Europas.

Wie haben Sie recherchiert? Sie sind erst 1987 geboren, die offene Drogenszene wurde 1995 aufgelöst.

Vor allem habe ich mit Menschen gesprochen, die diese Zeit überlebt haben. Es gibt zwar Sachbücher und hilfreiche Dokumentarfilme. Leider aber wenige Erlebnisberichte.

Gibt es eine reale Alba?

Es gibt jemanden mit diesen Erlebnissen, aber nicht mit dem Namen.

Warum wählten Sie als Hauptfigur keinen Mann?

Einerseits ist da der Reiz, in andere Zeiten und Menschen zu schlüpfen und anderseits ist es für mich eine literarische Bedingung. Es ist hilfreich, weil ich mich stärker in etwas hineinversetzen muss. Bei Geschichten über mich bin ich zu sehr darauf bedacht, dass alle Details stimmen, was dann langweilig wird.

Wie fanden Sie die cool-flapsige Sprache dieser Unterschichtgöre Alba, die nie Nein sagen kann und in die Drogenszene abrutscht?

Lange war es ein Experimentieren. Typisch für Albas Sprechen sind die nachgeschobenen Satzglieder, wo man merkt, dass sie beim Reden abdriftet.

Sie sind Akademiker und ein Mittelschichtkind. Sitzen Sie in Spelunken und hören den Leuten beim Reden zu?

Privat bewege ich mich in einem wenig intellektuellen Milieu, gehe gerne in Bars. Ich kenne es schon, dass man eine Geschichte zwanzig Mal erzählt und dabei lernt, Pointen zu setzen.

Den Sound in diesen Bars haben Sie dann im Ohr?

Ja, aber schreiben tue immer in meiner privaten Schreibstube.

In Ihrem Roman beschreiben Sie glaubwürdig Drogenerfahrungen. Welche Drogen haben Sie selbst genommen?

Die Frage musste ja kommen. Eine gewisse Erfahrung habe ich zwar. Aber harte Drogen habe ich nie genommen.

Ihre Hauptfigur Alba schenkt am Ende dem sechsjährigen Jungen Demian eine Glacé. Dieser Spoiler riecht nach einem Fortsetzungsroman.

Das wäre denkbar. Aber mein nächstes Buch spielt in Chile, Argentinien, Deutschland und in der Schweiz. Auswanderung und politische Verbindungen werden dabei zum Thema.

Autor

Hansruedi Kugler

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