Interview

Lucerne Festival startet mit einer Sensation in den Sommer

Lucerne Festival gab am Montagmorgen das Programm für das erste Wochenende bekannt, das die Nebenfestivals an Ostern und am Piano ersetzt.

Die Sensation ist perfekt: Der elektrisierende Kult-Dirigent Teodor Currentzis steht im Zentrum der vier Konzerte und drei Begleitveranstaltungen vom 1. bis zum 4. April. Das ist auch der Auftakt zum Beethoven-Sommer unter dem Motto «Freude», dessen Programm ebenfalls veröffentlicht wurde. Michael Haefliger, Intendant des Lucerne Festival, spricht im Interview über Currentzis und das Programm.

Michael Haefliger, das erste Wochenende von Lucerne Festival bringt vier Konzerte und drei Begleitveranstaltungen mit dem Kult-Dirigenten Teodor Currentzis. Hat sich da die Streichung des Oster-Festivals finanziell überhaupt gelohnt?

Wir haben von Anfang an gesagt, dass die Streichung der Festivals an Ostern und am Piano nicht einfach eine Sparübung ist. Klar bringt die Umstellung, die auch für uns ein schmerzhafter Einschnitt ist, eine finanzielle Entlastung mit sich. Aber der Entscheid fiel nicht aus einer Notlage heraus. Wir haben ja nach dem Rückzug von Nestlé mit der Kühne-Stiftung einen neuen Hauptsponsor gewonnen und sind, was das Sponsoring anbelangt, sehr gut unterwegs. Aber als Unternehmen, das zu 95 Prozent eigenfinanziert ist, müssen wir uns ständig überlegen, wie wir eine künstlerisch orientierte Wirtschaftlichkeit längerfristig sichern können.

Und das ist mit derart aufwendigen, verlängerten Wochenenden möglich?

Wir haben diese strukturelle Veränderung auch vorgenommen, um Mittel und Energien für derartige künstlerische Projekte zu gewinnen. Bei der Programmierung dieses ersten Wochenendes hat sich gezeigt, dass das die angestrebte engere Wechselwirkung mit dem Sommer erlaubt, der Lucerne Festival die internationale Ausstrahlung sichert. So schafft das Wochenende mit Currentzis einen schönen Übergang vom Osterfestival zu diesem neuen Format, weil im ersten Konzert sakrale Musik in der Jesuitenkirche erklingt. Aber das Wochenende knüpft auch beim grossen Erfolg an, den der Dirigent in diesem Sommer mit Mozarts Da-Ponte-Opern hatte.

Currentzis dirigiert mit der Choroper «Tristia» von Philippe Hersant ein weiteres Werk mit einer spirituellen Dimension. Ist das eine Programmidee für die Wochenenden vor Ostern?

Nein. Der Wechsel von den Nebenfestivals zu den Wochenenden soll ja gerade eine neue Offenheit ermöglichen. Im Fall der Oper «Tristia», der Texte von russischen und französischen Schriftstellern in Gefangenschaft zugrunde liegen, ist der Bezugspunkt Beethovens neunte Sinfonie, die solchem Gefangensein die Idee der Freiheit und einer brüderlich verbundenen Menschheit gegenüberstellt. Dass Currentzis die Neunte aufführt, schafft wiederum einen Bezug zum Sommer, wo alle Sinfonien von Beethoven erklingen.

Teodor Currentzis

Teodor Currentzis

Currentzis verkörpert einen neuen Typus von Künstlern, die durch radikale Interpretationen und eine körperintensive Performance neuen Wind in die Klassikszene bringen. Ist das ein Fokus für künftige Wochenende?

Ja, das könnte eine Rolle spielen. Aber es kann auch einmal ein Komponist im Zentrum stehen. Zentral ist die Idee, mit einem Künstler ein Programm zu entwickeln und zu kuratieren. Currentzis ist dafür ein Glücksfall, weil er mit seiner Strahlkraft das Publikum stark einbindet.

Deshalb schien es uns in diesem Fall angemessen, das Motto zu personalisieren und dafür nur die Rufform «Teodor» zu verwenden. Auch mit einem Filmportrait, einem Podium und einer Begegnung in einer Probe rücken wir Currentzis als Person und Künstler ins Zentrum, im Fall von «Meet Teodor» auch mit einem ganz neuen Format.

«Meet Teodor» ist mehr als eine öffentliche Probe?

Ja, Currentzis feilt da zwar mit dem Chor und Orchester von musicAeterna an Details der neunten Sinfonie. Aber er gibt auch Einblick in sein Verständnis des Komponisten Beethoven, den er als Revolutionär für ungebrochen aktuell und für immer wieder neue Deutungen offen hält – wie ein Orakel, das sein Geheimnis nie preisgibt. Damit entwickelt «Meet Teodor» die Idee der «40min»-Konzerte im Sommer in einer grösseren Dimension weiter.

Das Wochenende ist insofern der Auftakt zum Sommer, als dieser sich unter dem Motto «Freude» ebenfalls Beethoven widmet. Ist ein solcher Schwerpunkt zum Beethoven-Jahr für einen Intendanten eher Pflicht oder Kür?

Wenn man einen derart zeitlosen Klassiker feiern kann, wird die Pflicht auch zur Kür. Wir haben uns aber schon überlegt, wie wir uns mit unseren Mitteln von anderen Jubiläumsveranstaltungen abheben können. So haben wir als grösstes Orchesterfestival der Welt unter vielen anderen Werken alle neun Sinfonien im Programm, wobei jede von einem anderen Orchester oder Dirigenten aufgeführt wird. Damit decken wir das Spektrum an heutigen Beethoven-Interpretationen ab – von Aufführungen in historischer Aufführungspraxis unter Gardiner und Antonini bis zu Thielemann und Dudamel. Dazwischen liegt das Lucerne Festival Orchestra unter Riccardo Chailly – mit grosser Besetzung, aber Beethovens raschen Tempi – und Yannick Nézet-Séguin.

Mit Mirga Gražinytė-Tyla kommt erstmals eine Dirigentin als Artiste Etoile ans Festival. Machen Sie mit solchen Residenzkünstlern ähnlich kuratierte Programme wie am Wochenende im April?

Ja, solche Zusammenarbeiten haben sich da bereits bewährt. Im Fall von Mirga Gražinytė-Tyla führen wir den Aufbruch im «PrimaDonna»-Jahr weiter, in dem sie erstmals in Luzern aufgetreten ist. Ebenfalls ein sehr persönliches Programm ist das, weil sie nicht nur mit ihrem City of Birmingham Symphony Orchestra auftritt. In einem Late Night singt sie arabische Lieder, was auf ihre Herkunft aus der litauischen Chorszene verweist. Die Composer-in-residence Rebecca Saunders bringt ans Festival Lieblingsmusiker als Solisten mit, für die sie eigens Werke komponiert hat. Dass diese von der Lucerne Festival Academy und ihren Alumni aufgeführt werden, zeigt, wie am Festival selber neue Netzwerke entstehen. Die Alumni, die auf mittlerweile 1200 ehemalige Akademisten zurückgreifen können, beweisen ihre wachsende Bedeutung im nächsten Sommer unter anderem mit Strawinskys «Sacre du printemps».

Teodor Currentzis

Teodor Currentzis

Die Streichung der Nebenfestivals begründeten Sie mit einer Konzentration auf den Sommer. Trotzdem gab es dieses Jahr weniger Sinfoniekonzerte und wurden Leitungsfunktionen – beim Academy-Orchester, bei «Young» – nicht mehr besetzt. Findet da doch ein schleichender Abbau statt?

Nein, mit einem Abbau haben alle diese Fälle nichts zu tun. Die Zahl der Sinfoniekonzerte – nächstes Jahr sind es wieder 30 – schwankt leicht, wenn wir in anderen Bereichen stärkere Akzente setzen. Das Budget insgesamt ändert sich dadurch nicht. Im Fall der Konzerte für Kinder und Jugendliche wurde nach einem Sponsorenwechsel «Young Performance» durch das Music Camp abgelöst, bei dem wir mit der Hilti Foundation zusammenarbeiten. Die Academy arbeitet jeden Sommer mit individuell ausgewählten Künstler- und Komponisten-Persönlichkeiten zusammen, auf diese Weise entstehen jedes Jahr neue spannende Projekte und Konstellationen. Die Erwartung, dass wir mit allem einfach immer weitermachen müssten wie bisher, wäre falsch. Das gilt in einer grösseren Dimension auch für den Wechsel von den Nebenfestivals zu den Wochenenden und entspräche nicht dem künstlerischen Denken, dem ein Festival verpflichtet ist.

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