Kultur

Lyrikfestival Lenzburg: Erhabene Natur? Ungeheurer Mensch!

Marion Poschmann während eines Atelieraufenthalts im hessischen Lahntal-Gossfelden. (Bild: Silas Stein/Keystone)

Marion Poschmann während eines Atelieraufenthalts im hessischen Lahntal-Gossfelden. (Bild: Silas Stein/Keystone)

Marion Poschmann gehört am Wochenende zu den internationalen Gästen des Lyrikfestivals Neonfisch im Literaturhaus Lenzburg. Die Dichterin zeigt vor, wie sich die Tradition der Naturlyrik mit einem Bewusstsein für die Klimakrise verbinden lässt.

«Vielgestaltig ist das Ungeheure, und nichts ist ungeheurer als der Mensch». Dem berühmten Satz aus Sophokles’ «Antigone» müssen wir heute auf ganz neue Weise zustimmen. Die Natur, so fürchterlich und ungeheuer sie schon immer schien, ist nichts gegen den Menschen, der sie so übel zurichtet und unwiderruflich zerstört.

Die Schönheit und Erhabenheit der Natur waren zentrales Thema der klassischen und romantischen Lyrik, und die Natur blieb auch danach eine wesentliche Inspiration der Dichtkunst. Doch, was macht das mit der Dichtung, wenn der Mensch die Schönheit der Natur verunstaltet, wenn die Grobheit der Zivilisation ihre Erhabenheit herabwürdigt?

Wie ist Lyrik im Anthropozän möglich, im Zeitalter der Erdgeschichte, in welcher es der Mensch ist, der den grössten Einfluss auf die Entwicklung der Natur ausübt? Dieser Frage widmete sich 2016 die viel beachtete Anthologie «Lyrik im Anthropozän», zu der über 100 meist jüngere deutschsprachige Dichterinnen und Dichter beitrugen. Sie zeigten: Auch unter dem Vorzeichen einer radikalen Kritik der zerstörerischen Rolle des Menschen in der Erdgeschichte sind nicht nur weiterhin Formen der Naturlyrik möglich, sondern auch das Anknüpfen an die Traditionen der Poesie und Poetik.

«Ich schmolz die Gletscher»

Gleich mit vier Stücken vertreten war in jenem Band die 1969 in Essen geborene Marion Poschmann, vielfach ausgezeichnete Romanautorin und Lyrikerin. Den Fragen von Natur, Mensch und Ökologie hat sich Poschmann bereits früher gestellt, und ihr soeben erschienener Band «Nimbus» zeigt, dass sie das Thema auch seit ihren Beiträgen für die «Lyrik im Anthropozän» nicht losgelassen hat. «Vielgestaltig ist das Ungeheure, und nichts ist ungeheurer als der Mensch.» So lautet das Motto zum ersten Gedicht des neuen Bandes, das vom Verschwinden der verschneiten Berge und Gletscher handelt. Gestern waren sie noch da. «Jetzt sind sie eingeebnet, / aufgelöst, ganz schlicht, so wie man einen / Kühlschrank abtaut.»

Das ging nicht nur verblüffend schnell, sondern die Sprecherin des Gedichts nimmt diesen Klimawandel auch bereitwillig ganz auf sich allein: «ich taute Grönland auf mit einem Blick, / ich schmolz die Gletscher, während ich sie voll / der Andacht überflog.»

Wie soll das gehen? Ganz leicht! Denn, «wo ein Wille / ist, da ist ein Weg». «das Ungeheure, / Ungeheuerliche zu bezwingen, / ganz leicht, als schliefe man in seinem Sessel / und träumte nur von einem langen Flug.» Die jähe Klimaerwärmung als individuellen Wunsch und Willensakt darzustellen, das scheint nur einen Moment als sarkastische Überdrehung. Ging das etwa nicht ganz leicht, die Atmosphäre um ein Grad zu erwärmen? Der ungeheuerlichste Mensch: das ist heute derjenige, der am ruhigsten schläft und von den längsten Flügen träumt.

Überraschungseier am Strand

Nicht nur antike Dichter und Denker lugen diskret aus den Zeilen von Poschmanns Band hervor. Die Dichterin arbeitet mit Formen der neuzeitlichen Lyriktradition, etwa dem Sonett oder der Ode, und ihre Motive überlappen sich mit denjenigen der romantischen Naturlyriker: Berge, Wald, Landschaft, Nacht, und das darin wandelnde Selbst. Doch nichts liegt Poschmann ferner als ein ungebrochenes Einrücken in die Tradition. «Rettung des Weltklimas aus / dem Geiste der deutschen Ode – / haben wir uns da nicht etwas / viel vorgenommen?», heisst es im Gedicht «Hypnopomp» selbstironisch.

Keine rückwärtsgewandte, sehnsüchtige Haltung prägt den Band, sondern eine umfassende Sicht auf die Frage, was man sich heute so alles zur Natur denken muss. Plastikpartikel tauchen auf, Reifenabrieb, oder Überraschungseikapseln am Strand. Das lyrische Ich führt sich denn auch nicht als unbefleckter Mönch am Meer oder dergleichen auf. Seine Konfrontation mit der Natur ist schuldbewusst und verzwickt. «Wir praktizierten noch einmal den Atavismus / des Nachtlagers, trampelten Gras nieder, Hunde, / die sich instinktiv um sich selbst drehen, mehrfach, / bevor sie sich ins Körbchen legen», heisst es in einem Gedicht im Abschnitt «Stadtschamanen». Es gibt kein Zurück zum unverdorbenen Leben am Busen der Natur. Ob trotz allem noch ein Gefühl des Erhabenen möglich ist, scheint Poschmann zuweilen schlicht dem Leser zu überlassen, wenn sie etwa in telegrammartigem Stakkato resümiert: «Abends noch in die Berge gestiegen, / mit nichts als dem Blick auf die Höhen und Grössen. / Dunkelnde Tannenschlucht. Schutzhütte Tagesrest. / Felsgeröll löst sich im letzten Licht.»

Marion Poschmann: Nimbus, Gedichte, Suhrkamp, 128 Seiten.

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