Künzlis Playlist

Mein Gott, Bob - Das sind die besser Dylans

Stefan Künzli

Stefan Künzli

Bob Dylan interpretiert Lieder aus dem «Great American Songbook». Doch Andere können das viel, viel besser.

Er hat es wieder getan. Sogar gleich dreifach. Auf dem Triple-Album «Triplicate» versucht sich der Literatur-Nobelpreisträger Bob Dylan, der sich dieses Wochenende endlich nach Stockholm bequemt, um seine Auszeichnung abzuholen, abermals an Song-Perlen aus dem «Great American Songbook». Mein Gott, Bob!
Das «Great American Songbook» ist eine Sammlung von Schlagern der amerikanischen Unterhaltungsmusik, die zwischen den 1930er- und 1960er-Jahren von Komponisten wie Cole Porter, George Gershwin, Hoagy Carmichael, Jerome Kern, Rodgers und Hart und Harold Arlen für Broadway-Musicals und Hollywood-Filme geschrieben wurden. Aufgrund ihrer melodischen und harmonischen Qualität wurden die Songs von Legionen von Sängerinnen und Sängern in den verschiedensten Formationen, Arrangements und Stilen interpretiert. Die besten wurden Jazz-Standards und zur Grundausstattung eines Jazzmusikers. Auch Modernisten wie Charlie Parker, Miles Davis, Chet Baker, Keith Jarrett und John Coltrane haben immer wieder auf die Schatzkiste des amerikanischen Songs zurückgegriffen.
Wieso allerdings Bob Dylan sich berufen fühlt, diese Songs neu zu interpretieren, bleibt uns schleierhaft. Das Verdikt ist dasselbe geblieben wie schon bei seinem ersten misslungenen Versuch, «Shadows In The Night», vor zwei Jahren: Dylan mag ein grosser Poet sein, als Sänger und Interpret fällt er hier durch. Das Urteil ist umso krasser, weil sich Dylan in diesem Genre mit den grössten Interpreten des 20. Jahrhunderts messen muss. Dieselben Songs wurden von Hunderten von Sängern und Sängerinnen schon hundertmal besser gesungen. Im Gegensatz zu Billie Holiday, Frank Sinatra, Dinah Washington, Ella Fitzgerald, Tony Bennett und Konsorten fehlt Dylan vor allem die emotionale Tiefe. Er gibt sich in den 30 neu aufgenommenen Songs zwar redlich Mühe, seine Möglichkeiten als Sänger sind und bleiben aber zu limitiert.
Wieso macht Bob Dylan das? Seit fünf Jahren hat er keine Eigenkomposition mehr veröffentlicht. Die ketzerische Frage muss denn auch bei «Seiner Heiligkeit» erlaubt sein: Fällt dem Meisterpoeten nichts mehr ein?
Als Alternative - und zum Vergleich - zu Dylans Versionen bieten wir hier eine Playlist der besten Interpretationen (in der Reihenfolge von «Triplicate»).

Künzlis Playlist

· I Could Have Told You (1955) von Dinah Washington.
· Stormy Weather (1952) von Louis Armstrong.
· That Old Feeling (1954) von Chet Baker.
· My One And Only Love (1963) von John Coltrane und Johnny Hartman.
· As Time Goes By (1944) von Billie Holiday.
· How Deep Is The Ocean (1999 digital ramastered) von Frank Sinatra.
· But Beautiful (2010) von Gregory Porter.
· These Foolish Things (1958) von Ella Fitzgerald mit Oscar Peterson. · Stardust (1958) von Sarah Vaughan mit Count Basie.
Folgen Sie Stefan Künzli und hören Sie seine Playlist auf Spotify.

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