Interview

Michael Haefliger zum Abschluss des Lucerne Festivals: «Wir wollten eine Lanze brechen für einen Konzertbetrieb unter Coronabedingungen»

Michael Haefliger beim Eröffnungskonzert des Strassenfestivals Luzern anlässlich des Lucerne Festival im Stadthauspark Luzern.

Michael Haefliger beim Eröffnungskonzert des Strassenfestivals Luzern anlässlich des Lucerne Festival im Stadthauspark Luzern.

Als grösstes Klassik-Festival der Schweiz hatte das Lucerne Festival auch im Kleinformat mehr Erfolg, als Intendant Michael Haefliger erwartete.

Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja hat am Lucerne Festival erzählt, dass sie sich in Salzburg testen lassen musste. Sie selber haben als Intendant viele Kontakte am Festival. Haben Sie sich schon einmal testen lassen?

Michael Haefliger: Ja, weil ich leichte Symptome hatte. Aber das Ergebnis war negativ. Der Grund war wohl eine der langen Nächte, die ein Festival für einen Intendanten mit sich bringt. (lacht)

«Life is Live» geht am Sonntag zu Ende und war in der Schweiz ein Testlauf für Konzerte mit knapp 1000 Besuchern. Wurde das von Veranstaltern und Behörden so wahrgenommen?

Ja, ein Zeichen dafür ist, dass uns viele Veranstalter nach den Masken fragen, die wir abgegeben haben. (lacht) Wir sind ohnehin im ständigen Austausch mit anderen Veranstaltern und den Behörden. Auch wenn diese unser Festival nicht kommentieren, ist klar, dass es gezeigt hat: Man kann Konzerte mit 1000 Personen, mit Orchestern und Künstlern wie Martha Argerich, Cecilia Bartoli oder Igor Levit sowie mit Schutzmassnahmen erfolgreich durchführen. Das gilt auch für die Zahlen zum Abschluss.

Obwohl wegen Corona rund 50 Prozent der Plätze nicht zur Verfügung standen, sank die Auslastung leicht gegenüber Vorjahren. Werten Sie auch das als Erfolg?

Auf jeden Fall. Die Auslastung von 87 Prozent, die wir mit 7'400 Besuchern erreicht haben, hätte sich vor Monaten kaum jemand vorzustellen gewagt. Sie ist sensationell auch angesichts der Tatsache, dass wir in nur zwei Monaten ein ganz neues Programm erstellt haben und für den Vorverkauf ebenfalls nicht mehr Zeit zur Verfügung stand. Das ist ein wichtiges Signal vonseiten des Publikums. Dieses hat offenbar das Bedürfnis, Konzerte zu besuchen. Es hat das Vertrauen in Schutzmassnahmen und ist bereit, diese mitzutragen. Ich bin eher ein zurückhaltender Typ. Aber jetzt muss ich sagen: Diese Zahlen, die Begeisterung des Publikums und der Musiker waren in der aktuellen Situation fantastisch.

Welche Schlüsse kann man aus dem Festival bezüglich der Schutzmassnahmen ziehen?

Dazu ist zunächst zu sagen, dass wir uns an das Schutzkonzept gehalten haben, das das KKL mit den Behörden definiert hat. Eine zentrale Massnahme war die Maskenpflicht für das Publikum. Sie wurde gut angenommen und dürfte unseren Konzertalltag auf Monate hinaus prägen. Wichtig war für mich auch, dass wir kurzfristig Tests durchführen konnten und die Resultate schnell vorlagen.

Sie haben auch Tests durchführen lassen?

Ja, einmal, als ein Musiker Symptome aufwies. Da war das Resultat zum Glück negativ. Angewendet haben wir auch die Quarantänebestimmungen des Bundes. Musiker, die aus Risikogebieten eingereist wären, hätten in Quarantäne gehen müssen. Auch das war nicht der Fall. Beim Strassenfestival haben wir durch die Verlegung in den Stadthauspark eine coronataugliche Lösung gefunden, die eine enge Durchmischung von Besuchern und Passanten verhinderte.

Als Besucher im Konzertsaal fühlte man sich angesichts der Freiplätze auf beiden Seiten sicherer als im ÖV und mindestens so sicher wie im Einkaufszentrum. Durchmischungen gab es lediglich beim Ausgang. Wieso haben Sie auf das nach Reihen gestaffelte Verlassen des Saals verzichtet?

Das Schutzkonzept des KKL hat das jetzt nicht vorgesehen, anders als bei vorangegangenen Konzerten mit 300 Besuchern. Aber ich kann mir vorstellen, dass man das diskutieren wird für Konzerte mit über 1000 Besuchern oder wenn steigende Fallzahlen weitergehende Massnahmen verlangen. Das Beispiel der Masken hat für mich gezeigt, dass das Publikum dazu bereit ist, wenn damit ein Konzertbetrieb sichergestellt werden kann.

Das Orchester von Cecilia Bartoli hat Fiebermessungen vorgenommen, in Salzburg müssen Künstlerteams in Produktionsquarantäne. Sind das mögliche weitergehende Massnahmen, falls die Fallzahlen steigen?

Ja, Fiebermessungen könnten ein Thema sein. Aber Produktionsquarantänen für Künstlerteams sind nur sinnvoll, wo Kollektive über längere Zeit zusammenarbeiten.

Die Diskussion um Grossveranstaltungen wird stark von Open Airs und aktuell von Sportveranstaltungen dominiert. War «Life is Live» eine Art Lobbying für bestuhlte, klassische Konzerte?

Wir wollten tatsächlich eine Lanze brechen für einen Konzertbetrieb unter Coronabedingungen. Als das grösste Schweizer Klassik-Festival mit nationaler und internationaler Ausstrahlung haben wir dafür ideale Voraussetzungen. Das unterstrich der Auftritt von Bundesrat Alain Berset als Eröffnungsredner und die mediale Ausstrahlung unter anderem durch Konzertübertragungen auf SRF2 und auf arte.tv – mit 350'000 Zuschauern allein für das dritte Konzert mit Solisten des Festival-Orchesters im TV-Programm von Arte.

Martin Engstroem, Intendant in Verbier, sagte im Gespräch mit unserer Zeitung, Stars sicherten sich inzwischen mit einer Covid-Klausel gegen Absagen ab. Erschwert das die Planung in Zukunft?

Mit solchen Fällen wurden wir noch nicht konfrontiert. Im Prinzip gehören Absagen wegen einer Pandemie weiterhin in die Kategorie der «höheren Gewalt». Zudem sind unsere Orchester-Partner selber Veranstalter und kennen die Problematik von beiden Seiten. Aber wenn die Pandemie ein, zwei Jahre anhält, wird das die Verträge sicher beeinflussen.

Stiftungsratspräsident Markus Hongler hat bei der Eröffnung gesagt, Lucerne Festival plane für nächstes Jahr wieder einen vierwöchigen Sommer – aber «mit Vorsicht». Was bedeutet das für die Festival-Zukunft?

Wir planen den Sommer im normalen Rahmen. Wenn sich die Situation bis da nicht entspannt oder wieder verschärft, werden wir reagieren müssen. Damit haben wir jetzt ja erste Erfahrungen gesammelt. Aber Voraussagen dazu, auch das hat der bisherige Verlauf der Pandemie gezeigt, sind einfach nicht möglich.

«Life is Live» geht am Sonntag zu Ende. Wie haben Sie persönlich diese Corona-Ausgabe erlebt?

Ich muss sagen: Für mich und unser ganzes Team war dieses Festival eine tolle Erfahrung und hat unglaublich Spass gemacht. Im Normalfall planen wir unsere Festivals auf zwei Jahre im Voraus. Dass wir jetzt in zwei Monaten von null auf ein Programm für zehn Tage auf die Beine stellen mussten, war eine ganz spezielle und auch anstrengende Herausforderung, zumal wir parallel dazu eine Reihe von neuen digitalen Angeboten kreiert haben. Ich hoffe, wir können etwas von der Spontaneität und der Kreativität, die das erforderte, in die Zukunft mitnehmen.

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