Film

Missbrauch in der katholischen Kirche: Das gebrochene Schweigen

© CH Media

François Ozons Film «Grâce à Dieu» über die Aufdeckung eines Missbrauchsfalls würdigt den Mut der Opfer.

«Gott sei Dank!» («Grâce à Dieu!»), entfuhr es Kardinal Philippe Barbarin, als 2016 die meisten Missbrauchsvorwürfe gegen den Priester Bernard Preynat als verjährt erklärt wurden. Seine impulsive Aussage löste in Frankreich einen Sturm der Entrüstung aus: Der in Lyon tätige Preynat soll zwischen 1986 und 1991 gegenüber Minderjährigen in mehr als 70 Fällen übergriffig geworden sein, und die katholische Kirche hat – obwohl sie offenbar darum wusste – dagegen nichts unternommen.

Den Fall aufgebracht hatte Alexander Guérin, der, in den 1980ern selber ein Opfer des Priesters, 2014 entdeckte, dass Preynat nach wie vor im Amt war und mit Kindern arbeitete. An der Person Guérins hat François Ozon «Grâce à Dieu» denn auch aufgezogen. Nicht als reisserischen Skandalfilm, nicht als Missbrauchsdrama im engeren Sinne, sondern als sorgfältige recherchierte Chronologie einer Aufdeckung.

Der erfolgreiche Banker und nach wie vor gläubige Katholik Guérin (Melvil Poupaud) braucht eine Weile, bis er 2014, unterstützt von seiner Frau Marie (Aurélia Petit), zu handeln beginnt. Wichtiger als die Aufarbeitung seines eigenen Falls und Traumas ist dem fünffachen Vater der Schutz weiterer möglicher Opfer.

Er nimmt Kontakt mit der Diözese auf, nach einigem Insistieren kommt es zur Aussprache zwischen Preynat (Bernard Verley) und Guérin. Dabei gibt Preynat seine Verfehlungen unumwunden zu. Er fühlt sich dafür aber nicht schuldig, sondern erklärt sich selber als Opfer seiner Pädophilie und verweigert Guérin eine Entschuldigung.

Obwohl Guérin weiss, dass sein Fall verjährt ist, erstattet er in der Folge Anzeige und macht sich auf die Suche nach weiteren von Preynats Missbrauchsopfern. Er wird alsbald fündig, spätestens als er zusammen mit Gilles Perret (Eric Caravaca) und François Debord (Dénis Ménochet) den Selbsthilfeverein La parole libérée gründet, kommt die Sache richtig ins Rollen.

Einer der wichtigen Akteure ist in der Folge der hochintelligente, aber psychisch labile Emmanuel Thomassin (Swann Arlaud), der sein Trauma sehr viel weniger gut verwunden hat als die anderen; Emmanuel, aus den Beschreibungen verschiedener Opfer erstellt, ist die einzige wirklich fiktive Figur in Ozons Film.

François Ozon, dessen Filme («L’amant double», «Frantz») meist ein Hang zum Surrealistischen kennzeichnet, gestaltete «Grace à Dieu» in nüchterner Sachlichkeit. Er rollt Fakten auf. Unterlegt die Bilder mit Briefen, Dokumenten und Mails. Obwohl das Zustandekommen der Klagen gegen Preynat und die katholische Kirche sozusagen Grund der Filmhandlung ist, ist das Anliegen des Filmes ein anderes.

«Grâce à Dieu» ist eine fein tarierte und auch sehr feinfühlige Studie über die seelische Versehrtheit von Missbrauchsopfern und ihre individuell unterschiedliche Art, damit umzugehen. Die Figur Alexanders rückt dabei in den Hintergrund, bis sich ein Chor von Stimmen ergibt. Ozon vergisst dabei auch nicht – und das macht seinen Film nicht nur dicht, sondern auch wichtig –, zu fragen, wie die Angehörigen (Eltern, Lebenspartner, Kinder) auf das Outing der Betroffenen reagieren und welche Auswirkungen dieses auf ihre Stellung in der Gesellschaft hat.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1