Bühne
Kollektiv Aeternam im Theaterpavillon Luzern: Mit hohem Tempo in die Groteske

Das Luzerner Theater Aeternam inszeniert «Tür auf, Tür zu» – und tut sich etwas schwer mit dem Stoff von Vorlagengeberin Ingrid Lausund.

Stefan Welzel
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Das Ensemble mit Marco Sieber, Christoph Fellmann, Franziska Bachmann Pfister und Suramira Vos (v.l.n.r.) weiss insgesamt zu überzeugen.

Das Ensemble mit Marco Sieber, Christoph Fellmann, Franziska Bachmann Pfister und Suramira Vos (v.l.n.r.) weiss insgesamt zu überzeugen.

Bild: Ingo Höhn

Ein griechischer Chor, der aus Sparzwecken zusammengeschrumpft wird, eine Frau, die sich mit sozialer Ausbootung konfrontiert sieht und – in der Tat – eine sprechende Tür. Das sind die Eckpfeiler und Figuren des Stücks «Tür auf, Tür zu» von Ingrid Lausund. Am Wochenende präsentierte das Theater Aeternam seine Interpretation dieses grotesk-heiteren Stoffes der deutschen Gegenwartsautorin im Theaterpavillon Luzern.

Zunächst ist da der alles kommentierende Chor (Christoph Fellmann und Franziska Bachmann Pfister), der sich beschwert, dass es «keine richtigen Stücke mit richtigen Figuren» mehr gäbe. Die Lausundsche Dekonstruktion klassischer Bühnenkunst haut schon mal den ersten Pflock ein. Dem Chor zur Seite steht die vermenschlichte Tür (Marco Sieber), die ihren Mechanismus des Aufgehens und Schliessens laufend kundtut. So absurd, so schön.

Stark surrealistisch und mit manchmal derbem Humor

Bald vervollständigt Suramira Vos die Szenerie als junge Frau, die auf unerklärliche Weise ihrem gewohnten Umfeld entkoppelt wird. Zunächst auf einer Party, landet sie plötzlich auf der Gartenterrasse in Gesellschaft des Chors und der Tür. Der soziale Horizont reduziert sich radikal. Zurück zur Party kann sie nicht, der Zugang bleibt ihr verwehrt. Und so oft sie auch sagt, dass sie zurück will, so unwiderruflich scheint die Ausgrenzung. Von nun an muss sie sich mit ihren existenziellen Ängsten und Wünschen auseinandersetzen.

Lausunds Setting ist stark surrealistisch, ihr Humor oft subtil, zuweilen zynisch und manchmal auch schlicht derb. Das ist gut so. Sprachwitz und ein hohes Tempo vermengen sich mit Kritik an unserer Leistungsgesellschaft. Doch die Anklage sozialer Zwänge und die Analyse persönlicher Verlustängste werden einem fast zu deutlich aufs Auge gedrückt. Hier wünschte man sich von Regisseur Damiàn Dlaboha und dem spielenden Dramaturgen Fellmann Mut zu noch mehr Korrektur, noch mehr Eingriff in diesen spannenden, aber auch sperrigen Stoff. Sonst deren Stärke, hapert es dieses Mal bei der Bearbeitung und Umsetzung der Vorlage. Am Spiel liegt es nicht: Die Bühnencrew macht vieles richtig – Dynamik und Präsenz überzeugen. Aber eben: Die Botschaft Lausunds in genau jener Dosis und Form auf die Bühne zu bringen, die zum Vergnügen führt, ist nicht einfach. Nicht zuletzt, weil die Dekonstruktion und Abstraktion auf allen Ebenen läuft.

Bedrückende Atmosphäre wie bei Buñuel

Da hilft es nicht, wenn man es mit der einen oder anderen Slapstick-Einlage übertreibt oder Textzeilen bringt wie «Das kostet mich nur einen Anruf. Obwohl nicht mal das, weil ich hab ja Flatrate». Vor zehn Jahren mochte eine solche Bemerkung witzig wirken, heute entlockt sie den meisten Rezipienten nur ein müdes Lächeln. Stark hingegen ist das Vermitteln der bedrückenden Atmosphäre, die auf allem lastet. Vieles erinnert dabei an die Filmklassiker von Luis Buñuel wie «Der Würgeengel» oder «Der diskrete Charme der Bourgeosie». Auch dort verheddern sich die Protagonisten in seltsamen Situation und bleiben auf mysteriöse Weise darin stecken.

Was bleibt von diesem Abend? Er ist einerseits rasant und kurzweilig. Andererseits fehlt die letzte Überzeugungskraft, diesen schwierigen Stoff adäquat und in der richtigen Mischung aus Verspieltheit und Ernst auf die Bühne zu bringen. Wer wie das Theaterkollektiv Aeternam in der Vergangenheit durch wirklich exzellente Inszenierungen hervorstach, der schraubt auch die Erwartungen in die Höhe – und wird daran gemessen. Mit «Tür auf Tür zu» bleibt man für einmal hinter diesen zurück.

Weitere Termine einsehbar unter www.aeternam.ch

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