Kultur

Mozarts «Le Nozze di Figaro» in Basel: Tiefe Bühne, tiefe Gefühle, aber nur wenig Komödie

© Lucia Hunziker

Barbara Frey versetzt Mozarts Oper «Le Nozze di Figaro» in einen faszinierenden Irrgarten, blieb dabei aber eher betulich.

Horrortapeten kennen wir von vielen Theaterinszenierungen, diese hier von Bettina Meyer aber darf sich ruhig unter die Top Ten einreihen: überdimensionale florale Muster ziehen sich wie im Spiegellabyrinth in unendliche Ferne. Lustig, wenn dann die Figuren hinten auf der Bühne plötzlich viel zu gross erscheinen, lustig auch, wie sie durch die diversen Gräben schleichen, die dieses Labyrinth durchziehen. Bald wird klar, dass dieser Einheitsraum ein grosser grüner Irrgarten ist, in dem sich zum finalen Höhepunkt dieser Verwechslungskomödie die Paare wieder finden. Und dann, nach der glücklichen Auflösung der vertauschten Rollen und dem von Mozart musikalisch so berührend gezeichneten Verzeihen, hebt sich dieser Vorhang und gibt eine gigantische Stahlwand frei. Dem Intrigenirrgarten sind sie vielleicht entronnen, aber über den zukünftigen Beziehungen dieser diversen Paare lächelt kein Sonnenschein. So viel ist klar.

Sonst klärt Barbara Frey aber eher wenig. Der genialen musikalischen Komödie, die Lorenzo da Ponte und Mozart nach der Vorlage «La folle journée» von Beaumarchais anrichteten, misstraut sie ganz offensichtlich. Mozarts Musik aber ist derart theatralisch, derart nahe am turbulenten Geschehen und an den Gefühlsverwirrungen der Figuren, dass es schon ein starkes Gegengewicht braucht, will man die Geschichte anders erzählen. Es ist nicht so, dass tiefere Emotionen darin fehlen würden, aber sie sind eher die durchaus meisterhaft arrangierten Gewürze im Gefühlsleben der Protagonisten, mit denen Mozart sie von den Komödienschablonen abhebt.

Bloss ein rascher Kuss

Die Melancholie, die Barbara Frei in ihnen vor allem findet, ist natürlich vorhanden, aber sie ist zu wenig tragfähig, um ganz allein diese Inszenierung über die Zeit zu retten. So bleibt der Abend szenisch zäh und wird immer wieder langweilig, auch deswegen, weil Frey die Lust am Theaterspielen ständig aus den Augen verliert. Zu viel bleibt einfach statisch: Schon Figaro und Susanna in der ersten Szene trauen sich kaum, einander zu berühren. Das soll ein Liebespaar sein? Der quirlige Cherubino darf mal den Kopf auf eine weibliche Schulter legen, ein rascher Kuss, sonst ist Fehlanzeige mit seiner erotischen Anziehungskraft, der doch in diesem Stück augenblicklich jede Frau erliegt.

Auch dem Spiel mit den vertauschten Geschlechterrollen verweigert sich Frey, dabei hätte sie dazu sogar eine doppelte Vorlage bekommen: Die Barbarina singt mit Bruno de Sá nämlich ein männlicher Sopran – ja, das geht, mit entsprechender Begabung und viel Training kommen manche Männer auch deutlich höher als die Countertenorstimmlage. Aber szenisch wird das verschenkt: Während Cherubino ihre weibliche Figur in den Kostümen von Bettina Walter kaum kaschiert, hat man dem Sopranisten einen XL-BH umgehängt und lässt ihn – wie alle anderen – hauptsächlich herumstehen. Am besten passt die Melancholie natürlich zum Grafenpaar, und da gelingen der Inszenierung ein paar eindringliche Bilder und berührende Szenen. Das ist aber insgesamt zu wenig für einen über dreistündigen «Figaro»-Abend.

Überzeugende Sänger, lebendiges Orchester

Umso mehr lohnte es sich, zuzuhören, gerade auch dem Basler Sinfonieorchester. Dass sie die Klangfarben klassischer Originalklangästhetik beherrschen, haben diese Musiker schon mehrfach bewiesen. Aber die stilistische Vertrautheit ist noch gewachsen, und klassische Bögen bei den Streichern, Naturhörnern und -trompeten unterstreichen die musikalische Kompetenz. Man spielt praktisch auf Augenhöhe mit den Spezialistenensembles, wenn denn ein Dirigent vorne steht, der auch weiss, wie er diese Klänge hervorbringen kann. Auf den britischen Barockspezialisten Christian Curnyn trifft das zweifellos zu. Erstaunlich dennoch, wie unglaublich unaufgeregt seine Gestik ist, und wie überaus theatralisch und lebendig die Basler Musiker dennoch spielen.

Das gilt auch für das Sängerensemble: Etwas unterbelichtet blieb nur der Figaro von Antoin Herrera-Lopez Kessel, dem man auch einen Mangel an stimmlicher Geschmeidigkeit vorhalten muss. Ganz anders Thomas Lehmann, der den Conte mit grosser Beweglichkeit sang, und mit viriler Kraft, die er aber klug und dosiert einsetzte. Bei der Gräfin von Oksana Sekerina verloren sich die anfänglich irritierenden metallischen Härten und das unkontrollierte Vibrato im Verlauf der Premiere, und sie gestaltete berückend schöne Linien in ihrer zweiten grossen Arie oder auch im Duett mit der in jedem Moment und allen Lagen bezaubernden Susanna von Sarah Brady.

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