Kultur

Museum Langmatt: In der Zeitkapsel durch Badens Geschichte

Jetzt wieder wie auf diesem Foto von 1934: Villa Langmatt mit Globus, Mobiliar und der Gemäldegalerie als Herzstück.

Jetzt wieder wie auf diesem Foto von 1934: Villa Langmatt mit Globus, Mobiliar und der Gemäldegalerie als Herzstück.

Seit 30 Jahren ein Museum, verbindet die Villa Langmatt Vergangenheit und Gegenwart. Zum Jubiläum wird das Herzstück rekonstruiert.

Welch schöner Titel! «Herzkammer» nennt Direktor Markus Stegmann seine Ausstellung zum 30-Jahr-Jubiläum des Museums Langmatt. Mit Herz ist sie konzipiert und aufs Herzstück der Industriellenvilla fokussiert. Die Gemäldegalerie versteht er als Herzstück im Vermächtnis der Familie Brown-Sulzer. «Sie zeigt die Sammelleidenschaft, die Liebe zur Kunst und die Art und Weise wie sie gelebt wurde», erklärt er bei einem Besuch. Diesen Geist holt er mit der aktuellen Inszenierung ins Jetzt.

Museumsdirektor Markus Stegmann.

Museumsdirektor Markus Stegmann.

Wie auf alten Fotos stehen also wieder Sessel, Tischchen, ein mächtiger Globus und der Flügel auf dem grossen Perserteppich und in Vitrinen und Kommödchen wollen Porzellanfigürchen aus Europa und China entdeckt werden. Ungewohnt ist der grosse Wandteppich an der Stirnwand, der sonst im grünen Salon für Stimmung sorgte. Dieses immer wieder Befragen, was die Villa und ihr Spirit mit uns und unserer Gegenwart zu tun haben, ist typisch Stegmann. «Die Langmatt ist ein Ort der Identifikation für Baden», sagt er. An ihr lasse sich Industriegeschichte, Sammlerliebe, vor allem aber der Wandel der Gesellschaft, ihrer Werte und Lebensvorstellungen entdecken. Von der «Zeitkapsel Langmatt» liest man im Buch zum Jubiläum.

Mit Pipilotti Rist brach die Gegenwart ein

Doch nicht nur seit dem Bau der Unternehmervilla vor 119 Jahren durch BBC-Mitbegründer Sidney Brown und Jenny Brown-Sulzer, hat sich vieles geändert, sondern auch seit der Eröffnung der Langmatt vor 30 Jahren. Als John Alfred, der letzte der Browns, Villa und Grundstück, Sammlung, Mobiliar und Familienarchiv der Stadt Baden vermachte, mit dem Auftrag es der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, ging man davon aus, es reiche, alles möglichst getreulich zu dokumentieren und zu erhalten. Doch statische Museen verlieren schnell ihren Reiz. Wer einmal dort war, will beim nächsten Besuch auch etwas Neues entdecken.

Ab 2005 erschreckte Direktor Rudolf Velhagen den Stiftungsrat und das Publikum mit zeitgenössischer Kunst. Und entzückte es auch – etwa mit der genialen Verwandlung des Hauses durch Pipilotti Rist. Markus Stegmann führt dieses Miteinander von Geschichte und Gegenwart gekonnt weiter – immer mit dem Gedanken: «Wie kann ich das Publikum mitnehmen auf die Reise in die Geschichte? Wie können wir sie mit unserer Gegenwart verknüpfen?» Das ist ihm und seinem Team in den vergangenen vier Jahren bestens gelungen. Die Eintritte haben sich auf 15000 verdoppelt – das bei gleichbleibenden Stellenprozenten und Betriebsbudgets. Auch die Texte der beteiligten Künstlerinnen und Künstler im Jubiläumsbuch zeugen von dieser Begeisterung für die Atmosphäre des Hauses, für die Chancen in der«Zeitkapsel Langmatt».

Ein-Sprüche aus heutiger Sicht

Zurück in die «Herzkammer», in die Gemäldegalerie, die sich die Browns 1906 von ihren Hausarchitekten Curjel & Moser an ihre Landhausvilla anbauen liessen. Stegmann hat nicht nur die impressionistischen Meisterstücke gehängt, sondern sie mit Gemälden aus früheren Epochen und mit einigen wenigen zeitgenössischen Werken ergänzt. Dicht an dicht – mit logischen Schwerpunkten wie mit überraschenden Nachbarschaften – lässt er die Bandbreite der Sammlung aufscheinen. Und ermöglicht dem Publikum so auch, die Vorlieben von Jenny und Sidney Brown zu erkennen. «Prestige- oder Renditeüberlegungen haben keine entscheidende Rolle gespielt. Die Browns sammelten mit dem Herzen», schreibt Stegmann. Neben den Impressionisten führte das auch zu Ankäufen, bei denen man einen gewissen Jöh-Effekt spürt: beim Rokoko-Fragonard «Junges Mädchen mit Katze», bei Gustave Courbets noch realistischer «Studie eines Hundes» oder den späten, süsslichen Renoir-Porträts (die Stegmann zum Glück in den venezianischen Salon ausgelagert hat). Die Venedig-Veduten hat er im Gegenzug ins obere Stockwerk gezügelt.

Im grünen Salon hat sich Sandra Senn eingenistet. Lichtvolle, mehrfach überlagerte Fotos der Langmatt hängen hier unter dem poetischen Titel «Ich stell die Wiese in die Vase». Wobei die 46-jährige Badenerin, listig wie Künstlerinnen heute sind, mit ihren kleinen, hintersinnigen Textarbeiten gleich das ganze Anwesen unterwandert hat. Vom Esszimmer, über die Bibliothek bis zum Garten- und Badehaus. «Zeitlose Zeit / schlendert befreit / durch den Garten» oder «Ungewissheit lässt sich / auch in vorgewärmten / Tassen nicht austrinken» liest man auf Zettelchen, an Türen und Tapeten aufgetragen. Man kann sich also aufmachen zum Aphorismen-Sammeln und dabei seinen Blick für Details schärfen. Denn «Auch der dümmste Gedanke / hat mehrere Ausgänge».

Dringende Sanierung und Strategie für die Zukunft

Also alles bestens? Nein! Die Langmatt muss dringend saniert werden. Am Konzept arbeitet man seit Jahren. «Gleichzeitig haben wir aber auch eine inhaltliche Strategie erarbeitet», sagt Stegmann. «Denn was nützt der best sanierte Bau, wenn man nicht weiss, wie man das Museum in Zukunft führen will?» Voraussichtlich im Juni soll die Vorlage vor den Badener Einwohnerrat kommen. Unterdessen macht man in der Langmatt, was mit den knappen Betriebsmitteln von Kanton Stadt und Ortsbürgergemeinde möglich. Unterdessen macht der Direktor, was möglich ist. Nein, der aufgerissene Platz rund ums Verwalterhaus sei kein Steinbruch. Das architektonisch fremde Haus im Park, in dem die Museumspädagogik ihren Platz gefunden hat, wolle man mit wilder Rebe überwachsen lassen. «Und rundum pflanzen wir eine Blumenwiese.» Schon im Sommer soll es in der Langmatt blühen.

Herzkammer. 30 Jahre Museum Langmatt. 1. März bis 16. August. Vernissage und Jubiläumsfest: Sa 29.2., 17 Uhr.

Meistgesehen

Artboard 1