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77 Bombay Street sind auf Höhenflug mit Landeplatz Scharans

Trotz Riesenerfolg sind die Brüder von 77 Bombay Street auf dem Bündner Boden geblieben. Denn in Scharans beginnt die Erfolgsgeschichte der Band. Hier geniessen sie noch heute die Ruhe, die die Region bietet.

Christine Fürst
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77 Bombay Street oberhalb Scharans
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77 Bombay Street
77 Bombay Street
77 Bombay Street
77 Bombay Street
77 Bombay Street

77 Bombay Street oberhalb Scharans

Alex Spichale

Auf dem Aussichtspunkt fühlen sich die Aufsteiger des Jahres wohl. Von hier aus hat die Folk-Rock-Band 77 Bombay Street einen fantastischen Ausblick über Scharans, ihren Landeplatz, ihre Basis. In diesem Dorf beginnt die Erfolgsgeschichte der Band.

Die vier Brüder von 77 Bombay Street, Matt (29), Joe (27), Esra (25) und Simri-Ramon (21), lehnen locker am Metallgeländer. Thusis, die Hauptstadt der Talschaft, ist klar zu erkennen und daneben das 800-Seelen-Dorf Scharans. Die Jungs zeigen auf das Dorf, suchen ihr Chalet, das einst ihren Grosseltern gehörte und das sie bis vor kurzem zusammen bewohnten. Im Hintergrund ragt der Piz Beverin mit eingeschneiter Spitze majestätisch in die Höhe. «Scharans ist unser Lieblingsplatz, wir geniessen die Ruhe und den Frieden hier», sagt Simri-Ramon Buchli.

Basel, Australien, Scharans

Früher joggten oder bikten sie zum Aussichtspunkt, genossen die Aussicht. Heute ist die Zeit ein knappes Gut, die Brüder pendeln zwischen Proben, Auftritten und Medienterminen. Erholung in der Natur hat im Terminkalender selten Platz.

Die vier Brüder sind mit ihren drei Geschwistern weit weg von Scharans, in Basel, aufgewachsen und gingen dort zur Schule. Heute sind sie nur noch selten in Basel, eines aber lassen sie sich nicht entgehen: «diä drey scheenste Dääg», die Basler Fasnacht. Das Spiel auf der Strasse hat sie schon immer fasziniert. Lange zogen sie mit ihrer Familie als Strassenmusikanten durch die Schweiz, 2001 wanderten die Buchlis für zwei Jahre nach Australien aus. Nach Adelaide an die 77 Bombay Street. Zurück in der Schweiz widmeten sie sich ihren Ausbildungen.

Steile Karriereleiter

Die Wende kam mit dem ersten Auftritt im Frühling 2008. «Wir mussten uns eine ernsthafte Frage stellen: Wollen wir eine Band sein mit allem Drum und Dran oder nicht?», sagt Matt rückblickend. Sie entschieden sich dafür. Sie zügelten ins Chalet nach Scharans, in dessen Keller auch der Proberaum stationiert ist. Sie kündeten ihre Arbeitsstellen, unterbrachen ihre Ausbildungen und setzten alles auf eine Karte. 77 Bombay Street war geboren. 2009 gewannen sie den kleinen Prix Walo und den MyCokemusik-Contest und gingen 2010 mit der Schweizer Band Dada Ante Portas auf Tour. Seitdem tragen sie die farbigen Jacken, mit Bändern und Knöpfen verziert, die im Laufe der Zeit zu ihrem Markenzeichen geworden sind. Es sind Einzelstücke aus der Hand von Mutter Buchli. Eigentlich waren die Jacken nur für ihre erste Single «47 Millionaires» gedacht. «Mit diesen Jacken wollten wir reich aussehen», sagt Matt.

«Wie hatten eine Scheissfreude»

Ein wenig Geld haben sie auch verdient, denn der Erfolg ging weiter. Das Debütalbum «Up in the Sky» ist seit 33 Wochen in der Schweizer Hitparade. Ausverkaufte Frühlingstour, Auftritte an unzähligen Open Airs – und über 15000 verkaufte Alben in der Schweiz. Dafür erhielt die Band die Goldene Schallplatte. «Es zeigt, dass unsere Entscheidung, auf die Musik zu setzen, richtig war», sagt Joe. «Wir hatten eine Scheissfreude», ergänzt Simri-Ramon. Er ist stolz und witzelt: «Sie hängt in meinem Zimmer an der Ehrenwand und ich schaue sie jeden Tag mindestens eine Stunde lang an.»

Denn seit kurzem hat Simri-Ramon ein eigenes Zimmer. Das ehemalige Ausweichzimmer für Frauenbesuch ist frei geworden, weil Joe mit seiner Freundin zusammengezogen ist und jetzt einige Häuser weiter oben im Dorf wohnt. Matt ist nach Chur in eine kleine Wohnung gezogen und nimmt nun jeweils eine Stunde Arbeitsweg auf sich. «Im Chalet hatte ich zu wenig Gelegenheit zum Abschalten», sagt er.

Gämse mit Tannenzweig

Esra sitzt auf dem Geländer des Aussichtspunktes. Höhenangst kennt er nicht. Da kommt auf der engen Naturstrasse ein Offroader um die Kurve. Er hält an. Die Tante der Buchli-Brüder steigt vom Beifahrersitz und öffnet den Kofferraum. Eine gut genährte Gämse mit leerem Blick und Tannenzweig im Mund liegt da. Die Jungs beugen sich über das tote Tier, es wird gefachsimpelt. Als Kind seien sie aber viel mit ihren Verwandten auf die Jagd gegangen. Die Jungs sind sich schnell einig, dass jagen nicht ihr Ding ist – Zeit dafür hätten sie sowieso nicht.

Ohne Ämtli keine Band

In der Band hat jeder sein Ämtli. Joe ist der Finanzchef. Esra ist Probeleiter. Matt ist der Fahrplanchef: «Ich muss die Einteilung machen, wer wann zu welchem Anlass fahren muss – und somit keinen Alkohol trinken darf.» Es gebe dafür ein Punktesystem mit sieben Regeln. Simri-Ramon produziert Videos, die er anschliessend ins Internet stellt.

Obwohl jeder seine Aufgabe hat, sei es schwierig und zeitintensiv, Entscheidungen zu treffen. «Wir haben nicht immer dieselbe Meinung. Da haben es Baschi oder Bligg einfacher», erklärt Matt. Bald müssen sich die Jungs auf den Weg ins Tal machen, eine «Elefantensitzung» ist angesagt. Dies jedoch nicht zur Freude von Simri-Ramon: «Im Ernst, wir besprechen täglich irgendetwas, das ist das weniger Schöne am Musikmachen.» Doch die Sitzungen sind nötig, denn 77 Bombay Street arbeiten an ihrem neuen Album.

Clubtour bereits im Vorfeld ausverkauft

Die Clubtour hat begonnen, sie war bereits im Vorfeld restlos ausverkauft. 77 Bombay Street können nun nur noch selten in Scharans Ruhe und Kraft tanken – geschweige denn den Blick auf das Dorf vom Aussichtspunkt aus geniessen. Der Terminkalender hat sie wieder eingeholt.

Zusatztour 29.12. Bierhübeli Bern, 5.1. Härterei Zürich, 7.1. Z7 Pratteln. Weitere Daten unter www.77bombaystreet.com