Herbert von Karajan
Als Kunst und Markt Arm in Arm gingen

Eine Box mit Aufnahmen der Dirigentenlegende Herbert von Karajan gibt Einblicke in die Vergangenheit - und erweist sich als ein Prachtstück.

Christian Berzins
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Keiner verband Geschäft und Kunst besser als Herbert von Karajan (1908–1989).Unitel/DG

Keiner verband Geschäft und Kunst besser als Herbert von Karajan (1908–1989).Unitel/DG

Kommt Zeit, kommt Vergangenheit. Erst noch supergünstig. Die grossen Plattenfirmen werfen weiterhin monatlich ihr Tafelsilber auf den Markt, in immer neuen, schönen Boxen. Neustes Prachtstück: Herbert von Karajans (1908–1989) Opern-Aufnahmen bei Decca und Deutscher Grammophon.

«Mega-Box» trompetet die Marketing-Abteilung, was bei 23 Studioeinspielungen etwas übertrieben scheint. Immerhin ist die DG/Decca-Box mit fünf Livemitschnitten angereichert. Somit bietet diese 70-CD-Box für Karajan-Freunde und Karajan-Feinde ein grandioses Panorama seiner Kunst – und seiner Macht. Die Box bietet nämlich durchaus Einblick in den damaligen Musikmarkt. Keiner nutzte die Arbeit auf den Bühnen so gut für seine LP-Aufnahmen wie Karajan, keiner verband die Beziehungen zum Norden, Osten und Süden – zu Berlin, Wien/Salzburg und Mailand – so perfekt.

26 Jahre nach Karajans Tod hat die Erinnerung den Höreindruck getrübt: mal verschönert – mal verschlimmert. Umso spannender ists in diese klingende Vergangenheit einzutauchen.

Doch wo beginnen? Mit Mozarts «Don Giovanni», mit einer Aufnahme, die 1985 pauschal als zu glatt abgetan wurde? Hinein gehts damit in jene Zeit, als die historisch informierte Aufführungspraxis mit den Leitfiguren Nikolaus Harnoncourt und John Eliot Gardiner mit Originalinstrumenten und genauem Quellenstudium für Furore sorgte und Karajan und seine Stars vermeintlich alt aussehen liessen.

Die Ouvertüre ist erst pathetisch, dann scharf und brillant. Alsbald schnurrt sie silbernhell dahin, viele Schönheiten sind da zu hören. Später, vor allem im Finale, bremst Karajan allerdings den Fluss, will eine weltumfassende Erhabenheit erschaffen. Da geht selbst den legendären Sängern fast die Puste aus.

Der Amerikaner Samuel Ramey wurde bei den Salzburger Festspielen nicht geliebt, hatte mit Nicolai Ghiaurov und Cesare Siepi allzu legendäre Vorgänger. Schade, wenige haben die Traumrolle technisch überlegener gesungen als Ramey. Und dass Karajan den stimmlich etwas raueren Ferruccio Furlanetto zum Leporello «degradierte», zeigt nur, wie klug dieser Dirigent in Stimmen hineindachte. Ein (polterndes) Kaliber wie Paata Burchuladze sang damals den Komtur, Stars wie Kathleen Battle die Zerlina. Der überlegenen Anna Tomowa-Sintow und der unverkennbaren Agnes Baltsa war Karajan lange treu. Baltsa, später in Zürich Publikumsliebling, war bereits 1982 Karajans (und Salzburgs) umstrittene Carmen.

Exemplarisch: die letzte LP

Sein Schwanengesang wurde bereits vier Jahre später Giuseppe Verdis «Un ballo in maschera»: Diese Aufnahme, die wenig Wellen warf, erscheint heute überaus karajanesk. An ihr kann das künstlerische wie marktstrategische Denken dieses Pultstars exemplarisch aufgezeigt werden.

Karajan nahm die Oper für die Deutsche Grammophon auf und dirigierte sie dann live in Salzburg: Die Verstrickung von Plattenfirma und Festspielen war enorm. Doch das Publikum profitierte: Es hatte perfekt vorbereitete Stars – und das Gefühl, das Beste auf der Bühne zu erleben. Schliesslich sangen dort ja die Plattenstars ...

Im Sommer 1989 war dann alles anders: Karajan starb zehn Tage vor Festspielbeginn, Georg Solti übernahm «Ballo in maschera» kurzfristig. Die Aufnahme lag aber vor.

Wer das Vorspiel der Karajan-Aufnahme hört und sonst nichts über diesen Dirigenten wüsste, wird hingerissen staunen und sich fragen, welcher Magier die Streicher so betörend sinnlich singen lassen kann. Dieser traumschöne Glanz legt sich dann bisweilen auch über die Schroffheit Verdis, über jene Stellen, wo das Drama beginnt: Rhetorik war nach 1970 nicht (mehr) Karajans Ziel.

Echte Stars und Möchtegerns

Neben Karajan war Placido Domingo das Aushängeschild der Aufnahme. Er war schon vor der Gründung der «Drei Tenöre» neben Luciano Pavarotti der begehrteste Sänger der Welt. Im «Ballo» wirkt er bisweilen forciert, schenkt seinen Fans dann aber doch unheimlich schöne und intensive Momente, auch wenn der Schmelz der Stimme etwas körnig wirkt.

Karajan war es, der Europa immer wieder neue Sänger servierte – solche, die es medial zu lancieren galt. Die Interpretin der weiblichen «Ballo»-Hauptrolle, der Amelia, war so eine: Doch die Amerikanerin Josephine Barstow verschwand zum Glück rasch aus dem europäischen Opernbewusstsein. Viel eher versteht man beim Wiederhören, warum Karajan Florence Quivar als Ulrica auswählte: eine edle Stimme, aber ohne Raubtierqualitäten – frei von effektvollen italienischen Vulgaritäten. Karajan hatte diese bereits in der frühen Aufnahme von «I Pagliacci/Cavalleria» den Sängern ausgetrieben.

An Leo Nucci, der den Renato sang, nörgelte man damals bei Erscheinen des «Ballo in maschera» noch herum, das sei keiner der ganz Grossen. Wie froh wäre man heute, unter den Spitzenbaritonen einen solchen zu haben. Allerdings muss man sagen, dass Nuccis Stimme 15 Jahre später charaktervoller und technisch genauso gut war. Typisch Karajan auch: eine Asiatin zu lancieren. Die Koreanerin Sumi Jo nutzte das Sprungbrett zur Weltkarriere, ihre CDs verkaufen sich auf dem asiatischen Markt noch heute bestens.

Karajans Tenorparade

Naturgemäss hat Karajan in diesen 30 Opernjahren immer mit den besten Tenören gearbeitet: Luciano Pavarotti ist genauso wie José Carreras vertreten. Als junger Rodolfo in Puccinis «Bohème» ist Pavarotti ein Traum. Aber Karajan arbeitete auch mit der ewigen Nummer 4, mit Carlo Bergonzi: Wie er den Radames singt (Renata Tebaldi als Aida, Giulietta Simionato als Amneris) ist im Studio unerreicht geblieben. Die frühen Decca-Aufnahmen sind zudem überragend im Orchesterklang, bisweilen mit allerlei Effekten gespickt.

Auch die Tenor-Trias der 1950er/1960er-Jahre ist mit dabei: Mario Del Monaco, Giuseppe di Stefano und Franco Corelli. Famos del Monaco in seiner Paraderolle Otello (leider mit Bariton Aldo Protti als Jago), betörend immer noch der alternde di Stefano als Cavaradossi in «Tosca» und unheimlich Corelli im legendären «Trovatore»-Mitschnitt aus Salzburg von 1962. Von Karajans orchestralen Messerschnitten lässt sich Corelli zu einer ungeahnten Kraftentfaltung antreiben, zu einem wilden Furor, der nur noch den Effekt sucht – findet und auskostet.

Und klar: Da ist auch Richard Wagners «Ring des Nibelungen»: Erstaunlich, wie sinfonisch man dieses Musikdrama auch sehen bzw. hören kann! Daneben wirken Glucks «Orpheus und Eurydike» eigenartig, ebenso die beiden Operetten «Die lustige Witwe» und «Die Fledermaus» (mit einer Star-Parade beim Fest Orlofsky, wo alles, was bei Decca Rang und Namen hatte, auftreten durfte: ein perfekter Werbespot!).

Wechselte Karajan die Plattenfirma, galt es, mit neuen Stars dasselbe nochmals aufzunehmen: In der aktuellen Edition können die 1960er-Sänger mit jenen der 1980er verglichen werden, sowohl wenn sie Puccinis «Tosca» als auch Richards Strauss’ «Rosenkavalier» singen.

Wer nochmals 30 Jahre später da wie dort hineinhört, kommt nicht darum herum, die «Rosenkavalier»-Marschallin zu zitieren: «Die Zeit, sie ist ein sonderbar Ding.» Diese Aufnahmen zeigen bestens, wie sehr der klassische Musikmarkt Moden folgt. Sie zeigen aber auch, dass herausragende Leistungen völlig losgelöst von ihrer Zeit stehen. Karajan hat für Decca und die CD keine Jahrhundert-Opernaufnahmen geschaffen. Mit «Bohème», «Trovatore» und «Aida», aber auch mit dem «Ring des Nibelungen» ist er diesem Wunsch immerhin sehr nahe gekommen.

Herbert von Karajan: The Opera Recordings, 70 CDs, DG 2105 (ca. 210 Franken).

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