Paléo Festival
Arcade Fire versöhnen sich mit der Schweiz und mit dem Publikum in Nyon

Vom «schlimmsten Publikum» sprachen sie einst – trotzdem gab die kanadische Rockband nun ein triumphales Konzert in Nyon.

Marc Krebs
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Arcade-Fire-Sänger Win Butler feiert die Schweizer Fans in Nyon. KEYSTONE

Arcade-Fire-Sänger Win Butler feiert die Schweizer Fans in Nyon. KEYSTONE

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Sie hatten etwas gutzumachen bei ihren hiesigen Fans: Arcade Fire aus Montreal. Nicht nur, weil sie auf ihrer letzten Tour («Reflektor», 2014) einen Bogen um die Schweiz machten. Sondern auch wegen ihrer Begründung: «Die Shows in der Schweiz waren furchtbar, die Leute reich und verwöhnt», lästerte Leadsänger Will Butler im US-Magazin «Rolling Stone». «Wir hatten deshalb die Regel aufgestellt, nicht mehr in der Schweiz zu spielen.»

Dass das Kollektiv diese Regel 2011 brach, lag offenbar an ihren mangelhaften Geografiekenntnissen: Arcade Fire wussten nicht, dass Montreux in der Schweiz lag. Zu spät. «Es war das schlimmste Publikum, vor dem wir je gespielt hatten», sagte Butler. Nie mehr wollten sie in der Schweiz spielen.

Stadionrock ohne Kitsch

Nun konnte man Arcade Fire musikalisch stets Haltung attestieren. Was ihren Länder-Boykott angeht, so zeigen sie sich allerdings inkonsequent. Sechs Jahre nach Montreux sind sie zurück in der Schweiz, stehen als Headliner auf der Bühne des Paléo Festivals in Nyon. Und siehe da: Sie werden von Beginn an frenetisch bejubelt. Das Schweizer Publikum mag vielleicht zurückhaltender sein. Aber: Es ist nicht nachtragend.

Warum auch? Arcade Fire haben mit vier Platten innert zehn Jahren die Rockmusik geprägt: Sie machen dramatischen Stadionrock ohne im Kitsch zu landen oder von den Radiosendern vereinnahmt zu werden. Dafür sind ihre schneidenden Gitarren zu aufdringlich, ihre Klangmélanges zu abenteuerlich: Handorgeln treffen auf Synthis, Geigen auf stampfende Beats. Ständig wechseln sich die neun Musikerinnen und Musiker an den Instrumenten ab, halten sich und das Publikum bei Laune: «No Cars Go» oder «Ready to Start» sind treibende Indie-Hits.

Hatten sie sich auf «Reflektor» elegant Disco-Sounds angenähert, so scheinen sie diesen Weg auf ihrem fünften Album, das nächste Woche erscheint, weiterzugehen: Allerdings in eine seichtere Richtung, wie man befürchten muss. Der Titelsong «Everything Now» hat zwar noch ABBA-esken Schlager-Schmiss, die anderen neuen Songs fallen hingegen ab: In «Chemistry» etwa verirrt sich die Band ausdrucksschwach im 80er-Pop. Kein Vergleich zur grossartigen «Wall of Sound», die sie in älteren Stücken wie dem epischen Konzertfinale «Wake Up» hochziehen.

«Bis zum nächsten Mal»

Bei ihrer mehrheitlich grandiosen Rückkehr zeigt sich also auch: Arcade Fire sind nicht vor Fehltritten gefeit. Zu diesen darf man auch ihre SchweizDisse zählen. Will Butler gibt sich geläutert, bedankt sich auffallend oft und bittet das Schweizer Publikum indirekt um Entschuldigung für seine verbalen Attacken: «We have respect for you», sagt er am Schluss. Und verspricht: «A la prochaine!» Ist notiert.