Musikbusiness
Beyoncé veröffentlicht ihr neues Album «Lemonade» – die Musik spielt eine Nebenrolle

Superstar Beyoncé hat über Nacht ihr neues Album «Lemonade» veröffentlicht. Seither drehen alle Medienkanäle heiss. Es geht um neue Marktstrategien und Marktmacht. Die Musik spielt eine Nebenrolle.

Stefan Künzli
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Der amerikanische Superstar Beyoncé inszeniert sich und ihr neues visuelles Album «Lemonade» grandios in einem gut einstündigen Video-Clip. screenshot/HO

Der amerikanische Superstar Beyoncé inszeniert sich und ihr neues visuelles Album «Lemonade» grandios in einem gut einstündigen Video-Clip. screenshot/HO

HO

Lassen Sie sich nicht täuschen! Jay-Z soll seine Frau Beyoncé betrogen haben. In den Songtexten von Beyoncés neuem Album «Lemonade» findet das amerikanische Magazin «Cosmopolitan» gleich achtzehn Anspielungen auf die Untreue ihres Ehemannes und feuert damit die Gerüchteküche an. «Ich sehe auf die Uhr, er sollte längst zu Hause sein/ Heute bereue ich den Tag, an dem ich diesen Ring angezogen habe / Er hat immer so verdammte Ausreden», singt die 34-Jährige in «Sorry» und nennt eine «Becky mit den schönen Haaren». Seitdem wird auf allen Kanälen über das mögliche Eheaus des Promipaares spekuliert. Glauben Sie nichts!

Lassen Sie sich nicht täuschen! Es ist völlig egal, ob die Zeilen autobiografisch sind oder nicht. Egal, ob der Rapper und Produzent fremdgegangen ist oder nicht. Es geht allein um Aufmerksamkeit und die neusten Marketingstrategien im Pop. Der Boulevard und sämtliche Kanäle der sozialen Medien nehmen die Spekulationen noch so gerne auf. Sie brauchen Nahrung, damit die Maschine läuft.

Alles Fake, alles Show?

Und wer ist diese Becky? Prompt meldet sich auch eine Dame, die sich offenbar angesprochen fühlt. Die Designerin Rachel Roy wird seit längerem als Grund für eine handfeste Ehekrise gehandelt. Alles Fake, alles Mache, alles Show und Zirkus? Egal, es geht um die Aufmerksamkeit, Aufregung und die Schlagzeilen.

Gerüchte, Anspielungen und Versteckspiele sind die heissesten Antreiber der sozialen Medien. Beyoncé beherrscht sie virtuos. Mit 65 Millionen Followers bei Facebook und 70 Millionen bei Instagram gehört sie zu den populärsten Musikern des Popbusiness und ausgestattet mit einer Macht, die üblichen Veröffentlichungs- und Marketingstrategien neu zu definieren.

Angefangen hat die jüngste Vertriebsstrategie mit einem rätselhaften Tweet, der die Sängerin mit einer Zitrone zeigt. Dann kündigte der TV-Sender HBO eine Weltpremiere unter dem Namen «Lemonade» an. Erst seit der Nacht auf Sonntag weiss man, dass es sich dabei um das neue Album von Beyoncé handelt, das überraschend und exklusiv auf Tidal, dem Streamingportal, an dem Jay-Z und Beyoncé beteiligt sind, veröffentlicht wurde. Nur der exklusive Kreis der Abonnenten des Streamingdienstes wurde am Sonntag informiert.

Totale Visualisierung der Musik

Schon das Vorgängeralbum «Beyoncé» wurde in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ohne Vorankündigung veröffentlicht. Mit durchschlagendem Erfolg: In den ersten drei Tagen wurde es 830 000-mal heruntergeladen und gemäss dem Guinness- Buch der Rekorde zum schnellst verkauften Album auf iTunes. Und das, obwohl das Album nur schwer zugänglich war und keine Hits hervorbrachte.

Jetzt setzt Beyoncé noch eins drauf. Denn bei «Lemonade» handelt es sich nicht um ein normales Album. Beyoncé geht in der Visualisierung ihrer Musik noch einen Schritt weiter und bettet die zwölf Songs in einen gut einstündigen Video-Clip ein, der ebenfalls nur auf Tidal zu sehen ist. Zusammen mit den bekannten Regisseuren Mark Romanek und Jonas Akerlund hat Beyoncé ein Gesamtkunstwerk mit dem Namen «Lemonade» geschaffen.

Wer mitreden will, wer sich ein Bild machen will, muss bei Tidal Abonnent sein. Eine Szene im Clip («Hold Up») lehnt sich dabei so offensichtlich an «Ever Is Over All», dem bekannten Video von Pipilotti Rist aus dem Jahr 1997 an, dass Absicht vermutet werden muss. «Beyoncé klaut bei Pipilotti Rist» lauten jetzt die neuen Schlagzeilen, die wieder für Gesprächsstoff und neue Abonnenten sorgen sollen. Vielleicht kommt es ja sogar zu einem Prozess. Gut so! Für das reichste Ehepaar der Popwelt wäre es eine monetäre Petitesse.

Kampf der Streaming-Portale

Hintergrund dieser Exklusivitätsstrategie ist der erbittert geführte Kampf um Marktanteile bei den Streaming-Portalen. Sie sind die Zukunft der Musikindustrie und die Zahl der Nutzer wächst rasant. Doch selbst Marktleader Spotify schreibt Millionenverluste. Es sind Investitionen in die Zukunft. In diesem Verdrängungskampf haben Spotify sowie Apple Music, das Streaming-Portal von Apple, die besten Karten in der Hand. Tidal geht es dagegen schlecht. Das vor gut einem Jahr von Musikern gegründete Portal hat erst 2,5 Millionen Nutzer und ist vor allem gegenüber den Konkurrenten Spotify (75 Millionen Nutzer), Apple Music (11 Millionen) und Deezer (16 Millionen) gefährlich im Hintertreffen. Mit der exklusiven und spektakulären Lancierung von «Lemonade» will Tidal Abonnenten gewinnen. Bei Apple kann das Gesamtpaket von «Lemonade» seit Montag immerhin zu einem Preis von 25 Franken heruntergeladen werden. Physische Alben gibt es aber erst ab dem 6. Mai.

Die Musik ist toll

Und die Musik? Lassen Sie sich nicht täuschen! Es geht um Aufmerksamkeit, um das Überleben im Streaming-Zeitalter und Beyoncés neue Welttour, die heute in Miami startet und am 14. Juli auch in Zürich Halt machen wird. Die neue Musik von Beyoncé spielt dabei nur eine Nebenrolle. Schade eigentlich, denn die ist verdammt gut. Sie ist zwar weniger sperrig als der Vorgänger, aber ein stromlinienförmiges, radiotaugliches Dance-Pop-Album ist es zum Glück auch nicht. Stattdessen präsentiert Beyoncé ihre grossen stimmlichen Fähigkeiten. Im Song «Don’t Hurt Yourself», den sie zusammen mit Jack White aus Samples von Led Zeppelin geschnipselt hat, rockt sie die Szene. Sie ist immer noch wütend und lässt ihre Stimme überschlagen. Grossartig!

Im düsteren «6 inch» mit The Weekend imponiert sie mit ihrem erstaunlichen Stimmumfang. Sie arbeitet zusammen mit Soundtüftler Diplo, singt ein Duett mit James Blake und berührt in der klassischen Klavierballade «Sandcastle». Weitere Höhepunkte sind die Retro-Soul-Nummer «All Night», die euphorische moderne Gospelhymne «Freedom» mit Gastrapper Kendrick Lamar sowie als Überraschung «Daddy Lessons», eine jazzige Old-School-Nummer mit New-Orleans-Bläsern und einer Blues Harp.

Respekt für schwarze Frauen

Und ja, «Lemonade» hat sogar eine übergeordnete Botschaft. «Lemonade» ist die saure Zitrone, die der schwarzen Frau in ihrem Leben zugeschoben wird. In «Don’t Hurt Yourself» wird der Bürgerrechtler Malcolm X zitiert: «Die am wenigsten respektierte Person in Amerika ist die schwarze Frau. Die am wenigsten geschützte Person in Amerika ist die schwarze Frau». Es geht also im Grunde weniger um Rosenkrieg und Jay-Z als um die Situation der afroamerikanischen Frau in der amerikanischen Gesellschaft. Doch diese Botschaft ist im Ringen um die Aufmerksamkeit bisher völlig untergegangen. Schade eigentlich.

Beyoncé Lemonade, auf Tidal und iTunes. Ab 6. Mai auch physisch bei Sony.
Live: 14. Juli im Letzigrund Zürich.

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