Neues Album
Comeback des Jahres: Vampire Weekend ist zurück

Nach sechs Jahren Pause: Vampire Weekends neues Werk «Father Of The Bride» wird als Comeback des Jahres gefeiert.

Stefan Franzen
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Bandchef Ezra Koenig: Alle paar Minuten öffnet sich eine neue musikalische Tür.

Bandchef Ezra Koenig: Alle paar Minuten öffnet sich eine neue musikalische Tür.

imago/PA Images

Vor 12 Jahren traten ein paar Jungs aus der studentischen Szene von New Yorks Columbia-Universität ins Rampenlicht. Sie suchten Wege vorbei an den Ritualen des Kommerz-Pops, aber auch den Codes der Indierocker. Ihre frechen Melodien, die mal an fröhlichen Punk, mal an süssen Folk erinnerten, fielen sofort auf. Für deren Unterbau griffen sie Rhythmen und Gitarrenriffs aus Afrika auf, woraufetliche Rock-Leitmedien die «Afrobeat»-Welle ausriefen. Ein Missverständnis: Denn mit dem vom Nigerianer Fela Kuti geprägten Genre Afrobeat hatte Vampire Weekend nichts zu tun. Die Band berief sich vielmehr auf den Soukous, die süffige Tanzmusik des Kongo, nahmen Anleihen beim Pop aus Soweto oder bei der Palmwine-Musik Westafrikas.

«Es gibt zwei Gitarrentraditionen auf der Welt, die für mich wirklich wichtig waren, die eine ist die des Rock, die andere die Afrikas», so Bandchef Ezra Koenig. «Aber diese Dualität aufzustellen, ist ohnehin Nonsens, denn alle Rockmusik hat über den Blues letztlich eine afrikanische Verbindung.» Das unauffällige musikalische Umarmen der Welt mit den Mitteln eines Dreiminuten-Popsongs, niemand meistert es so gewinnend wie Vampire Weekend. Es steckt auch in «Father Of The Bride», dem vierten Werk nach sechsjähriger Pause. Die 18 knackigen Songs, manchmal nur hundert Sekunden lang, wirken wie en passant gefertigte Skizzen, sind aber kleine Meisterwürfe. War der Vorgänger «Modern Vampires Of The City» ein wenig dunkler geraten, herrscht jetzt eine positive, lebensbejahende Grundstimmung vor.

Dass Koenig Vater geworden ist und seiner Partnerin Rashida Jones wegen, Tochter der Produzenten- und Jazzlegende Quincy Jones, nach Los Angeles gezogen ist, hat nach seiner eigenen Aussage kaum eine Rolle gespielt beim Songwriting. Doch die Texte beschäftigen sich oft originell mit den Mühen des zweisamen Alltags. Sie lassen sich aber auch beiseitelegen, denn man hat schon alle Ohren voll zu tun, die Bläsertupfer, Synthie-Spielereien und den ansehnlichen Gitarren-Fuhrpark zu ordnen. Ein bunt getürmtes Mosaik, aber keine aufgepeppte Exotik – und Koenigs Knabenstimme feiert stets schamlos den melodischen Überschwang.

Sie unterscheiden sich vom Rest

Eröffnet wird das Werk mit Folkflair, das durch einen Chor von den Salomonen-Inseln und die Gaststimme von Danielle Haim gefärbt ist. Und schon überrumpelt einen «Harmony Hall»: Mit seinem flinken Piano, seiner blubbernden Akustikgitarre und dem jubilierenden Refrain ist das eine ungebremste Sommerhymne mitten im Frühling. Bei sonnigem Rock ’n’ Roll nehmen die «Vampire» öfter Quartier, er kann ein wenig hispanisch nach Los Lobos tönen, aber auch schmalzig nach Everly Brothers. Brüche in Stil, Instrumentation und Taktart gibt es zwischen und auch in den Stücken: «Sympathy» schwankt zwischen Akustik-Punk und Disco, in «Flower Moon» mixen sich Dreampop und grosses perkussives Besteck. Plötzlich scheppert die Gitarre des Palmwine-Gitarristen S.E. Rogie aus Sierra Leone und wird mit besoffenen Streichern gepaart. An anderer Stelle mogelt sich ein Fetzen des japanischen Produzenten Haruomi Hosono vom Yellow Magic Orchestra hinein. Für Koenig ist das kein Klau: «Wenn du jemanden sampelst, dann heisst das nicht nur: Ich beziehe mich auf dich, sondern du bist Teil des Songs, er gehört dir genau wie mir.» Am Ende schwirren einem angenehm die Sinne, weil sich alle paar Minuten eine neue Tür öffnet. Wo sich viele Popkünstler heute gleichen, ähneln Vampire Weekend nicht einmal sich selbst.

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