Schon nach den ersten Takten ahnt man es. Nach diesem dumpfen Grollen, das dem Trauermarsch zu aller Erdenschwere hin etwas unheimlich Unterirdisches verleiht. Welches Ensemble hat schon ein Register solch exterrestrischer Klänge in seinem Repertoire, wenn nicht das beste Orchester der Welt? Und tatsächlich sind sie wohl nichts weniger als das, diese grossartigen Berliner Philharmoniker. Klar. Eine Gruppe Musiker lässt sich nicht in Hundertstelsekunden messen, ihre Bewegungsabläufe nicht in Zeitlupe nachvollziehen. Doch sämtliche Zeichen in Mahlers siebter Sinfonie standen auf «Superlativ» (etwaige Gegenindizien werden gerne unter anna.kardos@azmedien.ch entgegengenommen).

Das allererste war der Klang – und zwar nicht nur im Bereich des Unheimlichen. Nein, da war jener so typische, beinahe kühle Glanz; auch die Grosszügigkeit, mit der die Musiker aus Berlin den Komponisten aus Wien tönen machten. Und wodurch dessen ohnehin himmelhohes Jauchzen noch um einige Sphären höher jubilierte, wiewohl auch sein Zu-Tode-betrübt-Sein mit der Schwere all irdischen Leids auf den Ohren des Publikums lastete. Wie gut, dass sich in der «Siebten» stets alles zum Guten wendet. Denn die Berliner spielten ihren Mahler ohne Filter. Das macht dem Orchester so schnell keiner nach.

Ganz ohne Nachspiel-Fraktion

Wobei «Nachmachen» bereits ein nächstes Indiz ist – wenn auch ein Indiz ex negativo. Denn die Berliner Philharmoniker sind ein Orchester gerade eben ohne Nachspiel-Fraktion, also jene in der Masse verschwindenden Musiker, mit denen Nicht-ganz-so-Hochglanz-Orchester die Reihen ihrer Stimmen gerne füllen. Fideln anderswo Pult Numero sechs und sieben ihren Mahler mehliger, glänzt hier jeder – und mittlerweile in vielen Fällen auch jede – einzelne der Musiker als tragender Teil des Systems. Und mit Sicherheit könnte selbst das letzte Pult das sprichwörtliche Feld von hinten aufrollen, wenn dies nicht schon rein strukturell verhindert würde.

Verhindert einerseits durch Mahlers «Siebte», ein Werk, das sich wie ein emotionales Spiegelkabinett spielt. Jeder Gefühlsüberschwang kann sich hier als blosse Illusion, als Trugbild herausstellen. Sodass man sich als Instrumentalist davor hütet, allzu sehr ins Feld-Aufrollen zu geraten. Das Ergebnis wäre denn ein atemberaubender Aufprall auf der irdischen Realität.

Verhindert wird das Feld-Aufrollen jedoch auch durch die souveräne Dramaturgie, mit der der Klangkörper agiert. Während man sich als Zuhörerin zunächst fragt, weshalb das anfängliche Aufjauchzen in den Streichern so gefasst wirkt, weshalb auch die Bläser ihr Herz nicht auf dem Silbertablett präsentieren, wird das Geheimnis am Schluss des Satzes gelüftet. Nachdem man nämlich gemeinsam mit den Instrumentalisten im unerbittlich repetierten Rhythmus durch den Satz «Allegro risoluto» marschiert ist, mündet die Musik zuletzt in reiner Glückseligkeit. Nun erst zeigt sich, dass davor alles Aufjauchzen, aller Aufbruch nur vermeintlich war – und auch nur so tönen durfte.

Simon Rattle im Dirigenten-Olymp

Zum weltbesten Orchester gehört selbstredend ein ebensolcher Dirigent. Dass Simon Rattle die Gratwanderung zwischen 150-prozentiger Durchdachtheitund der Freiheit des Augenblicks wie wenig andere beherrscht, ist fast schon ein alter Hut. Dass er in Luzern zudem auch die fast zwei Dutzend parallel laufenden Stimmen seines Megalo-Orchesters allesamt auswendig leitete, führte zwar zu einer Berliner-untypischen minimalen Ungenauigkeit. Andererseits katapultiert es deren musikalischen Leiter schnurstracks in den Olymp der Dirigenten. Doch Dirigenten im Olymp, das ist bereits ein anderes Kapitel. Für dieses Mal bescheiden wir uns schlicht mit dem besten Orchester der Welt.