Musik
Das Vermächtnis einer grossen Sängerin

Body and Soul› ist ein Testament ihres künstlerischen Genies und ihrer Brillanz», sagt der legendäre 85-jährige amerikanische Jazz-Sänger und Entertainer Tony Bennett über Amy Winehouse und ihre Interpretation des Jazz-Standards.

Stefan Künzli
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Die Aufnahme zu «Body and Soul» ist die letzte Studio-Aufnahme der Sängerin, vier Monate vor ihrem tragischen Tod am 23. Juli dieses Jahres. Tatsächlich ist «Body and Soul» ein grossartiges musikalisches Vermächtnis, das erahnen lässt, was die britische Sängerin auch im Bereich des Jazz hätte erreichen können. Hühnerhaut pur. «Von all den aktuellen Künstlern, mit denen ich zusammengearbeitet habe, verfügte Amy über die natürlichste Jazz-Stimme», sagt Tony Bennett weiter und preist vor allem ihre Phrasierung und ihren Ton, «sie war eine Jazzsängerin.»

Das wird auch auf «Lioness: Hidden Treasures» deutlich, einer Sammlung von bisher unveröffentlichten Aufnahmen von Amy Winehouse. Zum Beispiel auf einer Version des Bossa-Nova-Klassikers «The Girl From Ipanema». Es ist die erste Studio-Aufnahme, der damals 18-jährigen Amy. Schneller als üblich interpretiert, singt Amy etwas schluderig, aber sehr unbekümmert und frisch. Ihre Stimme ist noch nicht ganz ausgereift, noch nicht so markant wie zuletzt. Aber: Die junge Amy improvisiert.

Überhaupt: Amy soll nie einen Song gleich gesungen haben. Die Versionen von «Tears Dry», «Wake Up Alone» und «Valerie» interpretiert die Sängerin viel langsamer und offener. Die Songs sind weniger fassbar als die knackigen Versionen auf dem Erfolgsalbum «Back To Black». Amy Winehouese’ Stimme ist in diesen Songs ausgereift, es wird aber auch deutlich, weshalb es diese Versionen nicht aufs Album geschafft haben. Amy interpretiert zwar umwerfend, für ein Pop-Album sind die Songs aber nicht geeignet. Das gilt auch für jazzige Songs wie die bisher unveröffentlichten «Halftime» (mit The-Roots-Schlagzeuger Ahmir Questlove Thompson), «Best Friend» und «Will You Still Love Me Tomorrow».

Als Pop-Songs ungeeignet

Wirklich neue Kompositionen von Amy Winehouse gibt es nur zwei. «Like Smoke» mit Rapper NAS und «Between The Cheats» wurden 2008 aufgenommen, wirken aber unfertig, die Refrains für einen Pop-Song zu wenig eingängig.

«Hidden Treasure» ist natürlich auch eine Restverwertung mit kommerziellem Motiv. Ähnlich wie bei Michael Jackson. Das Song-Reservoir ist bei Amy Winehouse allerdings ungleich kleiner. Dazu hat ihre Sucht die Schaffenskraft bestimmt eingeschränkt. Die zwölf Songs mussten in Amys Schatztruhe zusammengekratzt werden, weshalb das Qualitäts-Gefälle recht gross ist.

«Hidden Treasures» ist ein durchzogenes, aber aufschlussreiches Vermächtnis einer grossen Sängerin und Interpretin mit einigen wenigen Perlen. Neben «Body and Soul» ist dies vor allem Amys Interpretation von Leon Russells Ballade «A Song For You». Eine berührende Ballade als Schlussbouquet: zum Weinen schön.

Amy Winehouse «Lioness: Hidden Treasures», Universal. Erscheint am 2. Dezember.

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