Auftritte

Der musikalische Grenzgänger Iiro Rantala: «Musik sollte Vergnügen sein, kein Rätsel»

Für Iiro Rantala ist Musik eine grosse Spielwiese, auf der es sich auszutoben gilt.

Für Iiro Rantala ist Musik eine grosse Spielwiese, auf der es sich auszutoben gilt.

Der finnische Pianist und Komponist Iiro Rantala (50) ist ein humorvoller und unglaublich vielseitiger Kreativkopf. Mit dem Jugend-Sinfonieorchester Aargau spielt er bald in Boswil, Aarau, Zürich und Lindau.

Iiro Rantala, Ihr Tourneekalender weist wegen der Coronapandemie zwischen dem 14. März und dem 3. Juli 2020 eine Lücke auf. Was haben Sie während dieser Zeit gemacht?

Iiro Rantala: Hausarbeit. Ich habe die Noten zu meinem Jazzalbum «My Finnish Calender» aufgeschrieben, die nun online verfügbar sind, und die Musik zu einem neuen «Kulla Gulla»-Stück am Stockholmer Stadttheater komponiert. Jeden Abend war ich gemeinsam mit meiner Frau, die Schauspielerin ist, live auf Facebook zu sehen mit einem Gedicht und einem Musikstück – insgesamt 52 Mal. Für mein Doppelkonzert für Klavier und Violine, das 2022 uraufgeführt wird, entwickelte ich einige Themen. Ausserdem habe ich einige Open-Air-Konzerte organisiert, die wir ab Juni im Innenhof unseres Wohnhauses durchgeführt haben. Meinen ersten Gig als Pianist hatte ich übrigens schon am 1. Juni. Da öffneten in Finnland wieder die Clubs und Restaurants. Sonst war ich aber ziemlich faul.

Hatten Sie jemals zuvor eine solch lange Pause?

Nein, niemals. Schon als Kind hatte ich ab meinem siebten Lebensjahr regelmässig Konzerte mit dem Knabenchor Cantores Minores.

Hilft Ihnen die Musik auch in solch einer besonderen Zeit sich auszudrücken?

Musik ist die einzige Sache, die ich beherrsche. Sie bedeutet alles für mich. Deshalb habe ich auch während des Lockdowns jeden Tag Klavier gespielt, ohne zu wissen, wann das nächste Konzert kommt.

Ihre Eltern hatten nichts mit Musik zu tun, sondern besassen ein Velogeschäft. Sie wurden Mitglied in einem Knabenchor. Haben Sie dort die Musik entdeckt?

Ich habe im Veloladen als kleiner Junge immer die Lieder aus dem Radio mitgesungen. Deshalb schickte mich meine Mutter zum Vorsingen des Domknabenchors Cantores Minores. Das war und ist immer noch ein sehr professioneller Chor in Helsinki. Wir machten Aufnahmen und grosse internationale Konzertreisen. Ich habe auf diese Weise schon sehr früh einen Eindruck vom Leben eines Musikers bekommen. Und ich liebte damals schon die Konzerte: die Vorbereitung in den Proben, die Aufregung bei der Aufführung und die Euphorie nach einem erfolgreichen Konzert.

Welche Rolle spielt das Singen, die menschliche Stimme, für Ihre Musik, wenn Sie improvisieren oder komponieren?

Das Singen wird immer wichtiger. Wenn ich improvisiere, dann bilde ich wie ein Sänger einfache, gesangliche Linien. Meine Technik muss ich nicht mehr zeigen. Auch als Komponist wird mir Vokalmusik immer wichtiger. Ich kehre somit wieder zu meinen Wurzeln zurück.

Welche Vorbilder haben Sie als Musiker?

Ganz verschiedene. Die Jazzmusiker waren mehr auf Partys – deshalb hat mir das gefallen. In New York habe ich aber auch erfahren, wie hart die Musiker arbeiten. In meinen Zwanzigern waren die meisten Vorbilder Schauspieler oder Regisseure, weil ich damals viel mit Theatern und Tänzern zusammengearbeitet habe. Mein allergrösstes Vorbild war aber immer Leonard Bernstein.

Sie haben sowohl Jazzpiano an der Sibelius-Akademie in Helsinki als auch klassisches Klavier an der Manhattan School of Music in New York studiert. Ist Ihre klassische Ausbildung wichtig für Ihre Art, Jazz zu spielen?

Durch die klassische Musik bekomme ich viele Ideen für meine Kompositionen. Ausserdem hilft mir meine klassische Klavierausbildung bei meinen Improvisationen.

Mit 18 Jahren gründeten Sie mit zwei Freunden das Trio Töykeät. Auf Deutsch lässt sich der Name des Trios am ehesten mit «Grobian-Trio» übersetzen. Beschreibt der Bandname Ihren Umgang mit der musikalischen Tradition?

Nein, den Namen wählten wir als Witz, aber wir behielten ihn schliesslich. Aber Sie haben recht. Wir waren sehr offen, haben mit vielen Traditionen gebrochen und unterschiedliche Stile wie Jazz und finnischen Tango miteinander vermischt.

Welche Rolle spielt der Humor in Ihrem Umgang mit der musikalischen Tradition?

Ich analysiere den Humoranteil in meiner Persönlichkeit lieber nicht. Das würde mir keinen Spass machen. (lacht) Aber natürlich war Humor immer ein wichtiger Teil von mir. Es kann natürlich sein, dass dich einige Leute deshalb für einen Clown halten. Sie verstehen nicht, dass es viel schwieriger ist, die Auftritte mit Humor aufzulockern als sich todernst auf der Bühne zu verhalten. Wenn du in deiner Komfortzone bleiben willst, dann erledige deinen Job mit einem ernsten Gesicht und mache auf keinen Fall auf der Bühne einen Witz, sondern amüsiere dich mit den Jungs Backstage. Wenn du aber Humor auf die Bühne bringen willst, dann sei mutig und tue es.

In den letzten Jahren ist Ihre Musik immer eingängiger und melodiöser geworden. «Weniger ist mehr», ist eines Ihrer Statements. Warum haben Sie diesen Weg gewählt?

Vielleicht, weil ich ein alter sentimentaler Narr geworden bin? (lacht) Ich möchte mich immer herausfordern. Ich finde es viel schwieriger, eine gute Melodie mit nur wenigen Tönen zu komponieren als eine mit einer Million. Ich suche auch nach schönen, entspannten Momenten in der Musik. Lars Danielssons Album «Liberetto» hatte einen grossen Einfluss auf mich. Es ist einfache, skandinavische Schwermut.

In Ihren Kompositionen verwenden Sie viel Vertrautes – tonale Harmonien und schlichte, kantable Melodien. Wie würden Sie Ihren Musikstil beschreiben?

Melodischer skandinavischer Jazz.

Ist «easy listening» für Sie ein Kompliment oder ein Tadel?

Ein Kompliment. Musik sollte ein Vergnügen sein, kein Rätsel.

Meinem Eindruck nach verbinden Sie in Ihrer Musik Harmonien immer mit einem Groove. Was ist wichtig für einen guten Groove?

Das Timing. Es muss ganz stabil sein. Das kommt daher, dass ich viel Jazz, Pop und Rock gehört und gespielt habe. Das Timing muss bei Brahms ganz anders sein als bei einer Band wie Tower of Power.

Bei Ihrem Konzert mit dem Aargauer Jugend-Sinfonieorchester in Boswil spielen Sie Ihre Komposition «Freedom» vom 2014 erschienenen Album «Anyone with a Heart». Das Stück ist ein Beispiel für den besonderen Flow in Ihrer Musik. Es ist eine Art Perpetuum mobile. Warum heisst es «Freedom»?

Ich las zu der Zeit, als ich es komponierte, Jonathan Franzen’s Buch «Freedom». Ein wirklich sehr inspirierender Roman.

«Anyone with a Heart», das Sie ebenfalls im Programm haben, ist Ihre Hommage an Mozart. Warum mögen Sie diesen Komponisten?

Er ist nie langweilig. Mozart hat diese magische Begabung, seine Musik immer unterhaltsam, schön, überraschend und gefühlvoll sein zu lassen. Und lustig. Viele Komponisten langweilen mich zu Tode. Mozart niemals!

Das Jugendsinfonieorchester Aargau ist kein professionelles Orchester. Sind Sie sich solche Konstellationen gewohnt?

Ich liebe es, mit jungen Menschen zu arbeiten. Sie lernen in diesem Alter so schnell. Man kann mit einem Jugendorchester in nur wenigen Stunden Probe Riesenschritte machen.

Was möchten Sie den jungen Musikerinnen und Musikern vermitteln?

Nichts Spezielles. Ich möchte gemeinsam mit Ihnen gute Musik machen – und dabei Spass haben.

Ludwig van Beethoven gehört nicht zu Ihren Lieblingskomponisten. Trotzdem haben Sie zu seinem 250. Geburtstag ein Werk mit dem Titel «Best of Beethoven» komponiert. Was steckt dahinter?

Es ist ein Medley seiner grössten Hits, die ich in die Form eines Klavierkonzertes integriert habe.

Was können Sie von Beethoven lernen?

Seine Melodien sind fantastisch. Schöne Melodien gefallen mir immer.

Und was kann Beethoven von Ihnen lernen?

Ich glaube, meine Arbeit würde ihn nicht interessieren.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1